Leaving Las Vegas

20. Oktober 2015, 09:00
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In der Anreise liegt die Vorbereitung: die stille Einkehr in der Wüste, bevor man eine laute Stadt betritt. Um nach Las Vegas zu kommen, empfiehlt sich das Auto, dann kann man alles machen, auch heiraten

Man kann in Las Vegas viel falsch machen. Und manches richtig. Was man falsch machen kann: ausufernd spielen. In der Regel wird man verlieren. Das gehört zum System, darauf baut die Stadt. Viele traurige und bemitleidenswerte Gestalten, erst vor kurzem eingetroffen oder schon vor langer Zeit hier gestrandet, legen Zeugnis davon ab. Abgesehen davon bietet die Stadt eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten, legal und weniger legal, sein Unglück zu vertiefen, das umfasst diverse Lustbarkeiten sexueller Natur sowie die Herbeiführung von Rauschzuständen mit einer Mehrzahl von Substanzen, die allesamt verfügbar sind, was aber noch nicht heißt, dass sie auch geduldet sind.

Man kann auch heiraten. Womit wir beim Richtigmachen sind, auch wenn das nicht ausnahmslos alle so sehen wollen und werden. Oft entscheidet sich das mit dem richtig oder falsch auch erst zu einem späteren Zeitpunkt. Wir entschieden uns in Las Vegas jedenfalls für das Heiraten. Das kann Las Vegas so richtig gut.

Räudig und glamourös

Wie man es anlegt, bleibt einem selbst überlassen. Eine Stadt, die gleichermaßen so räudig wie glamourös ist, bietet hier alle Möglichkeiten. Man kann als Elvis heiraten oder von ihm getraut werden, man kann das in der Luft tun, im wahrscheinlichsten Fall wird es einen in eine der zahlreichen Wedding Chapels der Stadt verschlagen. Die sind für alles gerüstet, immerhin werden pro Jahr mehr als 100.000 Ehen in Las Vegas geschlossen.

Wir entschieden uns für das Standesamt, brav und bieder, ehrlich und aufrichtig. Im Grunde geht es ganz einfach: Auf dem Standesamt braucht man einen Termin, den vereinbart man telefonisch, und zwar ausschließlich. Zuvor braucht man eine Heiratserlaubnis, die man am Gericht im Marriage Bureau beantragt, gleich neben dem imposanten Gefängnis, und manch einer hat an dieser Stelle beim Vorbeigehen schon einen Witz fallenlassen, der ihm gar nicht gut bekam.

Britney Spears

Das alles findet im Norden der Stadt statt, unweit des alten Strip, der Fremont Street, nicht wirklich heruntergekommen, aber hier zeigt die Stadt schon ihre Gebrauchsspuren. Das Büro, das einer Bankfiliale gleicht, hat vier Schalter und moderate Öffnungszeiten, jeden Tag bis 24 Uhr. Die Zeiten, als durchgehend geöffnet war und die Lizenz rund um die Uhr beantragt werden konnte, sind vorbei. Offenbar gab es doch zu viele spontane Eheschließungen, die um vier Uhr früh unter Alkoholeinfluss oder in anderen Rauschzuständen herbeigeführt und schnell wieder gelöst wurden. Britney Spears soll ein Beispiel dafür sein. Apropos: Britney ist gerade in der Stadt und tritt auf.

Jedenfalls wird ersucht, nicht illuminiert auf dem Amt zu erscheinen, des Weiteren nicht schon verheiratet zu sein, da verstehen auch die Amerikaner keine Späße, und Cousin und Cousine, das geht auch nicht. Sonst aber will niemand von einem was wissen, die Papiere müssen in Ordnung sein, dann erhält man gegen 75 Dollar die Lizenz zum Heiraten.

Wir taten es auf dem Standesamt, ganz konzentriert, voll bei uns, sehr aufgeregt und einigermaßen gerührt. Die Richterin war ernst und streng, ihr kam erst ganz zum Schluss ein Lächeln aus. Desiree, die Gerichtsdienerin, gab eine ganz hervorragende Trauzeugin ab, sie bezeugte nicht nur unsere Eheschließung, sondern hielt auch noch die Kamera und trocknete unsere Tränen.

Trip durch die Wüste

Ich will Sie jetzt nicht mit den Feiern aufhalten (wir feierten im Venetian, einem geilen Hotel am neuen Strip, in einem mexikanischen Lokal, das direkt am Canale Grande liegt, wo tatsächlich singende Gondolieri an einem vorbeirauschen, und das hat gut gepasst, und die Ringe erst!). Das war jetzt ziemlich viel Vorspann für eine Autogeschichte, und die gibt es natürlich auch. Wer in Las Vegas sein Glück sucht, muss anreisen und darf nicht bloß aus dem Flugzeug steigen, der muss anreisen, muss sich konzentrieren und einstimmen, und das geht natürlich nur mit dem Auto.

Man fährt durch die Wüste, die Mojave Desert, eine wunderschöne Landschaft, die einem die Gedanken schärft und Besinnung abverlangt. Das sind quasi die Exerzitien auf dem Weg zur Hochzeit, und zur Not kann man auch darum ersuchen, dass im Auto einmal nicht so viel geredet, sondern der Weite des Landes gelauscht wird. Von Los Angeles rauf sind es etwa fünf Stunden. Wir fassten beim Autoverleih einen Chevrolet mit dem eleganten Namen Traverse aus, weiß natürlich, ein SUV, mit dem kann man von der Straße auch ein bisschen in die Wüste abbiegen. Das Death Valley liegt auch am Weg, und gerade den Vorwitzigen sei geraten, sich an dieser Stelle zu keinen Scherzen in Zusammenhang mit der Ehe hinreißen zu lassen, das kommt nicht gut an, was man so hört.

Da wir in Las Vegas nichts anderes als das Glück gesucht hatten, brachen wir am Tag nach der Eheschließung schon wieder auf, machten uns witzlos auf den Weg durch die Wüste, wir hatten alles gefunden. (Michael Völker, 20.10.2015)

  • Lange gerade Straßen und eine Landschaft, die sich vor allem durch ihre Weite auszeichnet: raus aus Los Angeles, Richtung Las Vegas, wo auch die Wüste wartet.
    foto: michael völker

    Lange gerade Straßen und eine Landschaft, die sich vor allem durch ihre Weite auszeichnet: raus aus Los Angeles, Richtung Las Vegas, wo auch die Wüste wartet.

  • Die Braut, die sich traut, auch in der Wüste: Das richtige Auto ist hilfreich bei Ausflügen abseits der Straße.
    foto: michael völker

    Die Braut, die sich traut, auch in der Wüste: Das richtige Auto ist hilfreich bei Ausflügen abseits der Straße.

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