Wien: Wahlerfolg als Belohnung und Auftrag

12. Oktober 2015, 17:53
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Die heimische Kulturszene reagiert auf das Ergebnis der Wien-Wahl erleichtert und erfreut

Zufrieden nach langem Zittern ob des Ergebnisses der Wiener Wahl zeigt sich die heimische Kulturszene in ersten Reaktionen gegenüber der APA und auf Nachfrage des STANDARD. So erklärte Letzterem die Filmregisseurin Jessica Hausner: "Ich bin etwas erleichtert – es hat sich doch eine knappe Mehrheit für eine weltoffene, humane Haltung entschieden. Ich glaube, das Wien-Wahl-Ergebnis ist im Angesicht der Flüchtlingskrise so zu lesen. Es hätte mehr sein können!"

Dass es für die FPÖ nicht mehr geworden ist und sie trotz "idealer Voraussetzungen auf nur knapp über 30 Prozent kommt", beruhigt Autor und Regisseur David Schalko. "Man kann also im Augenblick davon ausgehen, dass sie einfach eine Stammwählerschaft von 30 Prozent hat und dort mehr oder weniger stagniert."

Blechschaden und ...

Ähnlich sieht es auch Autor Thomas Glavinic. Die Neos lobt er als "endlich einmal eine Alternative", die Verluste für die Grünen erklärt er sich mit den viel beschworenen Leihstimmen und mahnt: "Ich finde es töricht und grotesk, dass man eine Partei, die man eigentlich wählen will, aus taktischen Gründen nicht wählt. Dann wird sich nie etwas ändern." Für "Unmöglich" befindet hingegen Autorin Julya Rabinowich die grüne Leihstimmentheorie, solche Interpretationen des freien Wählerwillens stünden Politikern nicht zu.

Einen Vergleich als Wahlanalyse bemüht Kabarettist Thomas Maurer: "Wenn man sich mental auf einen Frontalunfall einstellt, ist ein Blechschaden natürlich noch ein Glück." Und setzt nach: "Aber wie sagt die Tante Jolesch? 'Gott möcht uns behüten vor allem, was noch a Glück ist.'"

... Winterjacke

"Es ist kalt geworden, aber nicht so kalt, wie ich befürchtet hab'", meint Regisseurin und Drehbuchautorin Anja Salomonowitz am Telefon: "Die Winterjacken haben wir zwar ausgepackt, aber diesmal werden wir sie Gott sei Dank nicht für Demos brauchen." Einen Zukunftswunsch und Auftrag formuliert Schriftsteller Peter Turrini. "Ich bin für die Fortführung der rot-grünen Stadtregierung, weil es die Blauen einfach nicht können. Alle ihre Versuche endeten im Desaster", meint er auf Nachfrage. Für Fortführung ist auch Viennale-Direktor Hans Hurch, doch erwartet er sich "nach dieser Wahl, bei der man noch mal so davongekommen ist" von einer künftigen rot-grünen Koalition auch eine Entwicklung. Sollte etwa der Posten des Kulturstadtrats neu besetzt werden, hofft er auf den Mut, diesen "nicht an einen Funktionär aus dem Parteiapparat, sondern an eine unabhängige Person" zu vergeben.

Zu seinem Mut gratuliert der Autor, Historiker und aktuelle Toleranzpreisträger des österreichischen Buchhandels Doron Rabinovici Michael Häupl. Dieser habe im Gegensatz zu seinem burgenländischen Amtskollegen gezeigt, "dass man Stellung beziehen und halten kann".

Auch auf Twitter meldeten sich Kulturschaffende zu Wort. "Herz, Hirn & Harmonie statt Häme, Hass & Hetze. Chapeau" alliterierte etwa ein zufriedener Dieter Chmelar. Gedanken zur politischen Zukunft der ÖVP machen sich die Spaß-Gebrüder Moped: "Die ÖVP setzt erste Schritte: Umbenennung zur nächsten Wien-Wahl in 'Sonstige'!" (wurm, stew, APA, 12.10.2015)

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