Fliegende Urnen und ein blaues Bobogrätzel

12. Oktober 2015, 18:11
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Die SPÖ dominierte die Gemeinderatswahl, doch es finden sich Ausreißer. ÖVP, FPÖ und Grüne erzielten in einzelnen Wahlsprengeln überraschende Resultate

Wien – Jubel begleitete die SPÖ bei der Verkündung der Ergebnisse der Wien-Wahl. Auf Gemeinderatsebene konnten die Sozialdemokraten den ersten Platz gegenüber der FPÖ sichern. Doch gerade in den Flächenbezirken nahmen die Freiheitlichen den Roten viele Stimmen weg. Vor allem jenseits der Donau und am Südrand Wiens konnte die FPÖ starke Zugewinne verzeichnen.

In den 1499 Wahlsprengeln, die in der Größe zwischen einem Häuserblock und der ganzen Großfeldsiedlung variieren, schritten am Sonntag die Wähler an die Urnen.

Die Befürchtung der Sozialdemokraten, die Gemeindebauten – deren Ursprung im Roten Wien der 1920er- und 1930er-Jahre liegt – könnten mit dieser Wahl blau werden, bewahrheitete sich nicht: Der Karl-Marx-Hof in Wien-Döbling ist etwa nach wie vor rot. Im Reumannhof und Metzleinstalerhof in Wien-Margareten halten die Sozialdemokraten mehr als 50 Prozent der Stimmen. Nur wenige Häuserblocks weiter, auf der anderen Straßenseite des Gürtels, ist im Haydnhof allerdings die FPÖ die stimmenstärkste Partei.

Gespaltenes Stuwerviertel

Mitten im auf Gemeinderatsebene roten siebenten Bezirk findet sich ein einziger grüner Sprengel. Zwischen Burggasse, Siebensterngasse, Neubau- und Kirchengasse wählten die Bewohner zu 35,3 Prozent grün. Das ist das beste Ergebnis, dass die Grünen auf Gemeinderatsebene verzeichneten. Die SPÖ folgt mit 32,1 Prozent vor der FPÖ mit 14,4 und der ÖVP mit 8,3 Prozent. Die Neos schafften 7,4 Prozent.

Durchaus gespalten zeigt sich das Stuwerviertel im roten Zweiten. Das Bobogrätzel, das in den vergangenen Jahren mehr und mehr gentrifiziert wurde, teilt sich in vier Sprengel. Einer davon, der an den Praterstern grenzende, wird von der SPÖ dominiert. Er grenzt an einen Sprengel mit grüner Mehrheit, die ihn wiederum von der FPÖ-Mehrheit am Max-Winter-Platz trennt. Grund für die dortige Dominanz der Blauen mit 29,2 Prozent könnte das neu eingezogene Bordell am Platz sein, das neben einer Schule liegt. Die Bezirks-FPÖ erregte mit Protestaktionen im Sommer als einzige Partei Aufsehen. Sie setzt sich gemeinsam mit Anrainern gegen das Haus ein.

Aspern teilt sich

Blau sind auch Teile eines roten Prestigeprojekts in der Donaustadt eingefärbt. Die Seestadt Aspern – das größte Stadtentwicklungsgebiet Wiens – ist in drei Wahlsprengel unterteilt. In jenem nördlich der Sonnenallee konnten sich die Roten mit 39,0 Prozent gegenüber den Blauen mit 33,5 Prozent durchsetzen. Der südlich angrenzende Wahlsprengel wird mit 44,3 Prozent deutlich von der FPÖ dominiert. Die SPÖ erreichte dort 34,6 Prozent. Auch weiter südlich – um den Hannah-Arendt-Park – gewann die FPÖ mit 37,3 Prozent. Die SPÖ erreichte 30,6. Für Bürgermeister Michael Häupl sei dieses Ergebnis "überhaupt nicht erklärbar". Hätte ich das vor Monaten gewusst, hätte ich das abgestellt", sagte er dem STANDARD.

Fliegende Urnen

Die SPÖ erreichte prozentuell ihr bestes Resultat in einem mobilen Sprengel, also einer fliegenden Wahlkommission, in Favoriten. Diese werden etwa in Krankenhäusern oder in Geriatriezentren eingesetzt. 70,3 Prozent entfielen auf die Sozialdemokraten – allerdings wurden in diesem Sprengel nur 37 Stimmen abgegeben. Für die Grünen und die Neos gab es dort null Kreuzerl.

Die Schwarzen verzeichneten ihr Topergebnis von 66,7 Prozent ebenfalls in einer fliegenden Urne im 18. Bezirk – auch in diesem Fall wurden insgesamt nur 51 Stimmen abgegeben.

Das beste FPÖ-Resultat findet sich im 16. Bezirk in der Wohnhausanlage zwischen dem roten Schuhmeierhof und dem ebenfalls roten Adelheid-Popp-Hof. Blau kam dort in Ottakring auf 65,5 Prozent. (Oona Kroisleitner, Christa Minkin, 13.10.2015)

  • Für die rot-grüne Stadtregierung wohl schwer zu verstehen: Die Seestadt Aspern ist gespalten. Im Norden des größten Wiener Stadtentwicklungsprojekts wurde das Kreuzerl für den Gemeinderat bei den Roten abgegeben. Im Süden konnten die Freiheitlichen die Wähler überzeugen.
    foto: robert newald

    Für die rot-grüne Stadtregierung wohl schwer zu verstehen: Die Seestadt Aspern ist gespalten. Im Norden des größten Wiener Stadtentwicklungsprojekts wurde das Kreuzerl für den Gemeinderat bei den Roten abgegeben. Im Süden konnten die Freiheitlichen die Wähler überzeugen.

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