Kunstforum: Als man die Aura einer Utopie opferte

12. Oktober 2015, 17:46
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Ja, auch in Russland war man schon einmal progressiver: Das Kunstforum Wien beleuchtet in "Liebe in Zeiten der Revolution", wie egalitär Künstlerpaare zur Zeit der russischen Avantgarde arbeiteten

Wien – "Meine Fabrik steht still. Der Motor (das bist du) ist in Perm zurückgeblieben", schrieb Alexander Rodtschenko, selbst oft genug als treibende Kraft der russischen Avantgarde gerühmt, an seine Liebste. Warwara Stepanowa und er galten als das Künstlerduo der Bewegung schlechthin. Liebe in Zeiten der Revolution titelt die Ausstellung im Kunstforum Wien, die nun fünf Künstlerpaare jener Zeit in den Fokus stellt.

Neben Rodtschenko und Stepanowa sind das Natalja Gontscharowa und Michael Larionow, Ljubow Popowa und Alexander Wesnin, Olga Rosanowa und Alexej Krutschonych sowie Valentina Kulagina und Gustav Klutsis. Die Liebe Letzterer endete besonders abrupt: Klutsis wurde, trotz seiner Parteitreue und Mitwirkung am Stalin-Personenkult, 1938 während des "Großen Terrors" verhaftet. Kulagina war jahrzehntelang im Unklaren über sein Schicksal. Erst 1989 wurde bekannt, dass er nur drei Wochen nach seiner Verhaftung hingerichtet worden war.

Trotz solcher Tragödien und dem recht verzweifelten Liebesschwur Rodtschenkos: Um Romantik geht es hier gar nicht.

Der autonome Status des Künstlers

Ausgangspunkt war für Heike Eipeldauer, die gemeinsam mit Florian Steinger kuratierte, eher die Frage, warum Künstlerinnen damals solch autonomen Status besaßen, warum sie im Zentrum der Avantgarde selbstbewusst die Ziele und Verfahren der Bewegung mit nach vorn trieben.

"Warum gab die Zeit so einen perfekten Rahmen für egalitär arbeitende Künstlerpaare ab", so Eipeldauer. Die Gründe dafür liegen in dem begründet, was Literaturwissenschafter Eric Naiman 1997 als "sexuelle Revolution" bezeichnete: Unter der bolschewistischen Regierung 1917/18 und der damaligen Volkskommissarin für soziale Fürsorge, Alexandra Kollontai, der "führenden Ideologin sexueller Freiheit" (Historiker Dan Healey), fanden Reformen statt, die Familienrecht und auch Sexualethik revolutionierten. Neben einer Gleichstellung der Frau in der Ehe, der Legalisierung von Scheidung und Abtreibung wurde auch homosexuelle Liebe nicht mehr unter Strafe gestellt.

Anzeige wegen Pornografie

Aber dieser Fortschrittlichkeit von neuen Menschen als kollektivem Menschen, jenseits von Geschlechterzuschreibungen, war nur ein kurzes Glück beschieden: Mit Stalins Totalitarismus kam auch das Patriarchat zurück und die Frauenrolle der Zuarbeiterin. Hier endet auch der zeitliche Bogen der Schau, der allerdings schon etwas früher einsetzt.

Mit einem noch dem Impressionismus verpflichteten Selbstporträt Gontscharowas (1907/08), ihrem in der Tradition mittelalterlicher Ikonenmaler stehenden Erlöser-Triptychon (1910/11), dessen Naivität die russisch-orthodoxe Kirche blasphemisch empfand und auch mit einem Frauenakt, der einer weiblichen Künstlerin 1910 noch eine Anzeige wegen Pornografie einbrachte. Ab da dominieren Konstruktivismus und Suprematismus und einige skurrile wie witzige Fotodokumente.

Propaganda statt Tafelbild

Die Erneuerung der Gesellschaft mit der Kunst voranzutreiben – und deren Autonomie letztendlich der politischen Utopie unterzuordnen -, das verkörperte kein anderes Paar so wie Rodtschenko und Stepanowa. Sie haben sich "da reingestürzt mit fast naiver Hingabe". Kunst solle ihre Aura abstreifen, so Stepanowa. Kurz: Man verabschiedete das Tafelbild, um sich nach 1921 der Propaganda und der "Produktionskunst", sprich angewandter Kunst zu verpflichten.

Trotzdem die Paare das Vehikel sind, mit dem man sich durch die russische Avantgarde bewegt, und obwohl man in der Gliederung auch formale Aspekte zusammenhält, bleibt die Logik der Chronologie erhalten. Das macht die Stärke der Schau aus, die obendrein, auch dank vieler Leihgaben aus der Moskauer Tretjakov-Galerie, erstklassig sortiert ist. (Anne Katrin Feßler, 12.10.2015)

Bis 31. 1. 2016, Eröffnung am Dienstag, 19.00

  • Zur Inbrunst, mit der sich das Paar Warwara Stepanowa und ...
    foto: puschkin-museum, moskau / privatsammlung

    Zur Inbrunst, mit der sich das Paar Warwara Stepanowa und ...

  • ... Alexander Rodtschenko (Selbstporträts von 1920) den sozialistischen Ideen verpflichtete, gesellte sich auch Groteskes und Karikatureskes.
    foto: bildrecht, wien, 2015

    ... Alexander Rodtschenko (Selbstporträts von 1920) den sozialistischen Ideen verpflichtete, gesellte sich auch Groteskes und Karikatureskes.

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