Bezirksvertretungswahl: Floridsdorf bleibt rot, Innere Stadt doch schwarz, Währing grün

12. Oktober 2015, 23:46
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Am Montagabend wurden die letzten Stimmen für die Wiener Bezirksvertretungswahl ausgezählt. In einigen Bezirken machten die Stimmen der Briefwähler den entscheidenden Unterschied

City bleibt schwarz

Minus 12,3 Prozent – und dennoch rettete die ÖVP dank der Briefwähler den Prestigebezirk Innere Stadt. Das ist jene Bastion, die die Stadt-Schwarzen seit 1946 halten. Die SPÖ, ohne Briefwähler noch in Führung, musste sich knapp geschlagen geben. Für den neuen Bezirksvorsteher Markus Figl, Großneffe von Ex-Bundeskanzler Leopold Figl, ist der Erfolg trotz großer Stimmenverluste auch eine persönliche Genugtuung: Die bisherige City-Chefin Ursula Stenzel war nach ihrer Demontage durch die ÖVP zu den Freiheitlichen gewechselt. Sie schaffte es trotz Zugewinnen aber nicht, ihre Bekanntheit in einen Erdrutschsieg für die FPÖ umzuwandeln. Figl war maßgeblich an der Ausbootung Stenzels im November 2014 beteiligt.

Figl schaffte für die ÖVP 25,68 Prozent, der Vorsprung auf die zweitplatzierte SPÖ (24,18) betrug nur 137 Wählerstimmen. Die FPÖ kam mit Frontfrau Stenzel auf 18,73 Prozent. Die Grünen, die sich ebenfalls Chancen auf die Bezirksvorstehung ausgerechnet hatten, verloren 2,4 Prozentpunkte und erreichten mit 16 Prozent nur Platz vier. Die Neos schafften aus dem Stand 9,45 Prozent.

Auf der Agenda des Juristen, der als enger Vertrauter von Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) gilt, steht etwa die Sanierung des Stephansplatzes. Außerdem will er die City als bewohntes Stadtzentrum erhalten. (krud)



Wieden: Roter Zugewinn als Ausnahme

Leo Plasch vergleicht seinen Wahlsieg mit jenem von Veronika Mickel im achten Bezirk. Sie beide hätten 2010 nur knapp die Bezirkswahl für sich entscheiden können, aber jetzt haben sie einen deutlichen Vorsprung. Damals noch waren es wenige Stimmen, die wahlentscheidend waren. Tatsächlich gibt es eine weitere Parallele: Ihre Bezirke sind die positiven Ausreißer der Regierungsparteien. Denn Wieden ist der einzige Bezirk in Wien, in dem die SPÖ klar dazugewinnen konnte – und das gleich um fünf Prozent.

Was Plasch besser gemacht hat als seine Parteifreunde? Das will der Wiedener dem STANDARD nicht sagen, da er keine Ratschläge erteilen wolle. Er hat versucht, sich für alle Bürger einzusetzen und für Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gekämpft – ein Spagat.

Die Wieden ist erst vor fünf Jahren rot geworden und war davor bürgerlich. Den deutlichen Zugewinn kann man auch auf die unklaren Profile der Gegenkandidaten im Bezirk zurückführen. Etwa Johannes Pasquali, der bei den Freiheitlichen war, ehe er zur ÖVP wechselte. Listenerster bei den Blauen war Strache-Intimus Johann Gudenus – er konnte bei der Wahl um fünf Prozentpunkte zulegen. (mte)

foto: apa/hochmuth
Leo Plasch will das Geheimnis seines Zugewinns nicht verraten.


Neubau: Dämpfer für eine "stinknormale Partei"

Die Niederlage schien undenkbar. Der siebente Bezirk ist eine grüne Keimzelle, bei Wahlen ging es stets bergauf. Seit fast 15 Jahren gibt Thomas Blimlinger für die Grünen nun den Bezirksvorsteher – so lange, "dass die Leute glauben, das ist eine g'mahte Wiesn".

So kann man sich täuschen: 4,4 Prozent verloren die Grünen in Neubau. Weil Blimlinger bei 45 Prozent startete, geriet der Sessel des Bezirksvorstehers nicht in Gefahr; ein arger Dämpfer ist das Resultat dennoch.

Der Bonus der unverbrauchten, neuen Kraft sei verbraucht, glaubt Blimlinger: "Ich geh ja auch auf die 60 zu. Für 19-Jährige sind die Grünen eine stinknormale Partei." Nutznießer waren die Newcomer Neos, die über sieben Prozent einheimsten.

Den Umbau der Mariahilfer Straße zur Fußgängerzone hält Blimlinger für nicht entscheidend. Zwar seien jene angefressen, die zur Arbeit Umwege in Kauf nehmen müssen – "doch nur zehn Prozent der Autobesitzer im Bezirk fahren täglich fort". Sehr wohl eine Schuld gibt er hingegen der von der Parteispitze diktierten Wahlkampflinie: "Die Feel-good-Kampagne war falsch." (jo)

foto: urban
Bezirkschef Blimlinger: Bonus des Neuen ist weg.


Josefstadt: Als eigenständige, moderne ÖVP gewonnen

Das schwarze Drama in Wiens kleinstem Bezirk konnte aufgehalten werden. Die Josefstadt ist neben Hietzing der einzige Bezirk, in dem die ÖVP dazugewinnen konnte. Das liegt auch an der Person Veronika Mickel, die 2010 den Bezirk übernommen hat.

Die 37-jährige Juristin führt das im STANDARD-Gespräch auf die eigenständige Bezirksstrategie zurück. "Wir konnten gegen den Trend gewinnen, weil wir uns als moderne offene ÖVP präsentiert haben." Sie habe bewiesen, dass das funktioniert. Nachsatz: "Anders als die Stadtpartei." Sie habe immer eigenständig agiert und auch etwa auf umweltpolitische Themen gesetzt, die ihr persönlich ein Anliegen sind und von der früheren Juraczka-Partei eher vernachlässigt wurden. Die verheiratete Mutter einer Tochter sieht das schlechte Abschneiden der Stadtpartei kritisch. "Viele Fehler waren hausgemacht", das Ergebnis war nicht überraschend.

Konnte sie den achten Bezirk als bürgerlichen Bezirk behaupten? "Wenn bürgerlich Aktiv-Sein und Fortschritt bedeutet, dann ja." Gleichzeitig grenzt sie sich ab: "Diese Definition gilt aber nicht für die Linie der Stadtpartei, die ist nicht bürgerlich." (mte)

foto: corn
Veronika Mickel konnte trotz ÖVP dazugewinnen.


Wien-Währing: ÖVP wurde auf den zweiten Platz verwiesen

Die Grünen haben neben der Hochburg Neubau mit Währing einen weiteren Bezirk erobert. Sie verwiesen bei der Bezirksvertretungswahl 2015 die ÖVP auf den zweiten Platz – wenn auch durchaus knapp: Die Ökopartei kam laut Endergebnis mit Briefwahlstimmen auf 28,07 Prozent (plus 2,29 Prozentpunkte), die Schwarzen folgten mit 27,26 Prozent quasi auf dem Fuß (minus 3,37 Prozentpunkte).

Neue Bezirksvorsteherin im 18. Bezirk wird wohl Silvia Nossek, die frühere Landessprecherin der Grünen. Langzeitbezirkschef Karl Homole (ÖVP) muss das Zepter weiterreichen. Das bürgerliche Währing gilt schon seit einigen Jahren als eines der Hoffnungsfelder der Grünen – die sich unter anderem dafür stark gemacht haben, das von der Volkspartei vehement abgelehnte Parkpickerl im Bezirk einzuführen. (APA)



Döbling: Bezirkskaiser von Gottes Gnaden

Der Vorteil von Adolf "Adi" Tiller ist, dass er Zeit hat, sagte er dem STANDARD. Mit 76 Jahren ist er der längstdienende Bezirksvorsteher. Seit 1978 ist er im Amt, und das rund um die Uhr.

Doch die Döblinger Regimenter sind ihrem Bezirksvorsteher nicht mehr ganz so treu, wie das noch in seinen Anfangsjahren der Fall gewesen ist. Tiller hat erneut 4,7 Prozentpunkte verloren. Die Einzigen, die in Döbling zugelegt haben, sind FPÖ und Neos. Tiller sieht das nicht so dramatisch, weil ja die SPÖ fast genauso viel wie er verloren habe, nämlich 3,6 Prozentpunkte. Seine Erklärung: Die SPÖ habe an die FPÖ verloren, er selbst an die Neos.

Doch vielleicht sei die ÖVP nicht mehr ganz so attraktiv für bürgerliche Wähler, räumt er ein. Aber die "neuen Kräfte müssten sich erst beweisen", sagt er Richtung Neos. Sie hätten leichtfertig Einsparungen in der Bezirksverwaltung versprochen und sich beinahe "selbst eingespart". Dabei wüssten die meisten gar nicht, wie zeitaufwendig die Arbeit sei – er müsse an mehr als 2.000 Verhandlungen im Jahr teilnehmen, mit einem Beruf sei das kaum zu bewältigen. Tiller will auf jeden Fall Bezirksvorsteher bleiben, aber das kann nur "der Herrgott entscheiden". (mte)

foto: tschank
Adolf Tiller findet die Verluste seiner Partei nicht schlimm.


Floridsdorf bleibt rot

Die Briefwähler haben das vorerst ebenfalls blau dominierte Floridsdorf doch noch gedreht und der SPÖ eine hauchdünne Mehrheit verschafft. Damit kann SPÖ-Bezirkschef Georg Papai – erst seit März 2014 im Amt – im 21. Bezirk weiterregieren.

Zwischenzeitlich – nach Auszählung der Stimmen ohne Wahlkarten – hatte es so ausgesehen, als ob nicht nur Simmering, sondern auch Floridsdorf künftig FPÖ-dominiert sein würde. Dank Briefwahlstimmen schaffte es die SPÖ schließlich doch noch, mit 38,36 Prozent äußerst knapp vor der FPÖ mit 37,15 Prozent auf Platz 1 zu landen. Die Differenz war mit rund 1.000 Stimmen allerdings mehr als gering.

Weit abgeschlagen angesichts der starken Duellanten die übrigen Parteien: Die Grünen landeten mit 7,30 Prozent auf dem dritten Platz, die ÖVP kam auf 6,48 und die Neos auf 3,65 Prozent. Die Liste "Wir für Floridsdorf" schaffte mit 4,95 Prozent erneut den Sprung ins Bezirksparlament. (Marie-Theres Egyed, Gerald John, APA, 12.10.2015)

  • Vergleich der Bezirksvertungswahlen 2010 und 2015.

    Vergleich der Bezirksvertungswahlen 2010 und 2015.

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