Vassilakou bleibt trotz enttäuschenden Ergebnisses

12. Oktober 2015, 21:16
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Trotz des enttäuschenden Wahlergebnisses halten die Wiener Grünen an Maria Vassilakou fest. Doch nun rechnen die ersten Kritiker aus den eigenen Reihen mit Kampagne und Inhalten der Partei ab

Auch wenn die Wiener Grünen am Tag nach der Wahl versuchten, Normalität zu suggerieren, steigt parteiintern doch der Grant über die Verluste. Zum einen hat ihnen allen voran die SPÖ mit ihrem wohldurchdachten rot-blauen Duell rund 16.000 Stimmen abgesaugt – wodurch man (laut Hochrechnung, die die Wahlkarten berücksichtigt) mit 11,6 Prozent einen Prozentpunkt weniger einfuhr als 2010. Zum anderen sorgte Maria Vassilakou mit ihren Versprechen, sich bei Verlusten zurückzuziehen, selbst für Personalspekulationen.

Am Montagabend stellte Vassilakou bei der Landeskonferenz der Grünen die Vertrauensfrage und wurde mit 25 Stimmen – bei zwei Gegenstimmen – in allen Funktionen bestätigt. Sie werde die Grünen wie am Wahlabend angekündigt in mögliche Koalitionsverhandlungen mit der SPÖ führen. Dass sie ihren Verbleib mit einem Wahlerfolg verbunden habe, sei "sicherlich keine Glanzleistung" gewesen.

Obwohl die Grünen dank gesicherter Mandatsmehrheit auf eine Neuauflage mit der SPÖ hoffen können, regt sich an der Performance der Landestruppe Kritik. Peter Pilz, in den Neunzigern selbst Klubchef im Rathaus, sagt: "In einer Zeit, wo die Stadt wegen der Flüchtlingsfrage tief gespalten ist, einen Toyboy zu plakatieren, übersteigt mein Fassungsvermögen." Damit meint Pilz das Sujet mit dem mit Kussmündern übersäten Jungkandidaten Julian Schmid ("Ich bin Öffi für alles").

Dazu stellt sich für Pilz die Frage, ob die Grünen – wie die SPÖ – "die Angstwähler völlig aufgeben" und der FPÖ überlassen wollen: Heinz-Christian Strache eine Willkommenskultur für Asylwerber entgegenzusetzen, reicht ihm nicht. Er plädiert für "eine lösungsorientierte Politik", denn: "Es gibt das Problem, dass viele Einwanderer in unserer Kultur nicht ankommen. Wir müssen uns auch mit Leuten auseinandersetzen, die Ärztinnen und Polizistinnen nicht akzeptieren." Und es gehe nicht darum, dass "möglichst viele kommen", sondern vor allem auch um Humanität vor Ort, sodass "die Menschen erst gar nicht flüchten müssen".

Ab in den Gemeindebau

Laut Motivforschung waren die Wähler im Gemeindebau am unzufriedensten mit der Arbeit von Rot-Grün. Daher verlangt Pilz: "Wir müssen auch in den Gemeindebau. Denn was nützt es, die beste Dachbodenpartei Europas zu sein, wenn das Haus hin wird?"

Thomas Blimlinger, seit 2001 Bezirksvorsteher in der grünen Hochburg Neubau, wo die Partei viel eingebüßt hat, übt ebenfalls Kritik: "Der Feel-good-Wahlkampf war falsch." Viel zu spät habe sich Vassilakou in der Flüchtlingsfrage offensiv positioniert – da habe sich die Wählerflucht zur SPÖ nicht mehr aufhalten lassen. Die Schmid-Plakate hält er für "dämlich und sehr wohl sexistisch", andere Motive für schlicht unverständlich. "Ich habe mehr Zeit verbracht, den Leuten unsere Plakate zu erklären, als über Politik zu reden."

Nach zwei verlorenen Gemeinderatswahlen en suite "muss es Konsequenzen geben", fordert Blimlinger. Erstens bei der Personalpolitik: "Auf unserer Liste für den Gemeinderat stehen viele, die sich um Sozialthemen kümmern könnten, aber für Bildung und Kultur haben wir niemanden." Zweitens bei den Mechanismen, nach denen Entscheidungen gefällt werden – gerade auch über Kampagnen. Zu Vassilakou selbst meinen Pilz wie Blimlinger, dass ihre Rückzugsankündigung "voreilig" beziehungsweise "nicht gescheit" war. Aber, so beide unisono: "Sie soll bleiben." (Gerald John, Nina Weißensteiner, 12.10.2015)

  • Fliegende Küsse am Wahlabend, Kussmünder auf den Plakaten: Wegen der Performance der Grünen rund um Maria Vassilakou steigt nun intern der Groll über den verpatzten Wahlkampf.
    foto: robert newald

    Fliegende Küsse am Wahlabend, Kussmünder auf den Plakaten: Wegen der Performance der Grünen rund um Maria Vassilakou steigt nun intern der Groll über den verpatzten Wahlkampf.

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