Rote Nasen: Ein Funken Freude auf der Flucht

Reportage mit Video13. Oktober 2015, 14:20
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Um den oft traumatisierten Flüchtlingskindern ein wenig Fröhlichkeit zu schenken, touren die Clowns der Roten Nasen durch die Bundesländer

foto: standard/hausberger
Die drei Rote-Nasen-Clowns: Mina, Gottlieb und Helfgott.

Viel brauchen sie nicht. Ausgestattet mit einem Koffer, zwei Ukulelen, ein paar bunten Tüchern und drei roten Nasen bahnen sich die Clowns ihren Weg durch den Wiener Hauptbahnhof. Ihre Mission ist denkbar einfach und zugleich unfassbar schwer: den Flüchtlingskindern ein Lachen auf die Lippen zu zaubern und damit ein Stück Leichtigkeit zurückzugeben. Es bedarf keiner Vorstellung oder Begrüßung – kaum sind die Clowns bei den Flüchtlingen angekommen, die sich in der Nähe der Gleise aufhalten, hört man auch schon ein zurückhaltendes Gekicher, das alsbald lauter und kräftiger wird. Neben hellen Kinderstimmen sind es auch dunklere und ältere, die in den Chor des Lachens einstimmen.

Buntes Treiben

Obwohl lediglich ein Clown aus dem Dreiergespann Arabischkenntnisse hat, unterhalten sich die Flüchtlinge prächtig. "Für Humor braucht es keine Sprache", sagt der Leiter des Emergency-Smile-Teams, Christophe Dumalin. Er ist aber nicht stiller Beobachter des Einsatzes, sondern als Clown "Gottlieb Äbehnfaltz" einer der Performer.

hausberger

Die drei Künstler des Slapsticks beziehen die Menschentraube, die sich rasch um sie gebildet hat, in ihr Spiel ein. Ein Bub im Volksschulalter bläst abwechselnd mit Clown Helfgott ein grünes Jongliertuch in die Luft. Wortlos, dafür mit vollem Körpereinsatz purzelt der Clown durch die Halle, damit das Tuch ja nicht auf die Fliesen fällt. Ein etwa dreijähriges Mädchen im rosa Mantel verfolgt mit weit aufgerissenen Augen das bunte Hin und Her. Sie verzieht keine Miene, Zuckerguss klebt unter ihren Lippen. Als Helfgott sich mit dem Rücken auf den Boden wirft, um das Spiel nicht zu unterbrechen, und dabei an einen gestrandeten Käfer erinnert, beginnt auch sie – wie alle anderen – loszuprusten. Der Bub, der sich ebenso bemüht, das Tuch in der Luft zu halten, biegt sich bei der Darbietung des Clowns wortwörtlich vor Lachen.

Direkter Kontakt

Eine besondere Herausforderung für die Komiker, die ihre Einsätze auf Krankenhäuser und Pflegeheime konzentriert haben, ist, im Unklaren über die jeweilige Geschichte der Flüchtlinge zu sein. Es gebe welche, die aus Angst oder Unsicherheit weggegangen seien, bis hin zu jenen, die schwer traumatische Erfahrungen gemacht hätten. "Wir wissen nicht, was diese Leute erlebt haben", sagt Dumalin, "der direkte Kontakt mit den Menschen ist hier besonders wichtig, auch die Berührungen. Oft habe ich das Gefühl, dass sich dadurch einiges bei den Menschen löst – spätestens durch ein herzhaftes Lachen."

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Während die Clowns mit den Kindern spielen, versuchen einige Flüchtlinge auf der Seite des Ganges Ruhe zu finden.
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Die Clowns blödeln vor der Essensausgabe.
foto: rote nasen

Wegen der anhaltenden Durchreise tausender Flüchtlinge startete der Verein Rote Nasen im August die Emergency-Smile-Einsätze in Österreich. Das Konzept, das für traumatisierte Kinder entwickelt wurde, wurde bis dahin unter anderem in großen Flüchtlingslagern in Jordanien verwendet. Seit einigen Wochen werden Lager in der Steiermark, Kärnten, Tirol und Wien besucht.

Bitte um Verständnis

Seitlich am Gang versuchen einige Flüchtlinge, eingepackt in Winterkleidung, Ruhe zu finden. Es ist erst 16 Uhr, dennoch haben viele die Augen geschlossen. Dünne Decken sollen sie vor den kalten Fliesen des Bahnhofs schützen. Die Zugluft von den Gleisen tut ihr Übriges. Dennoch bemühen sich die Menschen, es sich gemütlich zu machen, denn wann sie in Notunterkünfte gebracht werden oder ihre Reise fortsetzen können, ist ungewiss.

Ein junges Paar hat seine Schuhe vor der improvisierten Schlafstätte ausgezogen und sie ordentlich vor das Leintuch gestellt. Über den Liegenden scheinen auf Monitoren die nächsten Zugverbindungen auf. Züge nach Deutschland – Fehlanzeige. Stattdessen vernimmt man regelmäßig eine Durchsage auf Deutsch: "Wegen einer behördlichen Anweisung werden Züge nach Deutschland bis auf weiteres eingestellt. Wir bitten um Ihr Verständnis."

Lethargie

Die Clowns verabschieden sich höflich von den Menschen und sagen: "Goodbye, we must go." Doch so schnell lassen sich die Kinder nicht abwimmeln. Das Mädchen im rosa Wintermantel schmunzelt. Ihre Mutter reicht ihr die Hand, um gemeinsam zurück zu ihrem Platz zu gehen. Als sich die Clowns einige Schritte entfernt haben, schüttelt sie ihre Hand ab und saust der fröhlichen Karawane durch die Halle hinterher.

Ein dunkelhaariger Mann Anfang zwanzig hat sich in die Reihe der Liegenden eingegliedert. Sein Blick ist starr an die Decke gerichtet. Auch als die Ansammlungen von Menschen mit den Clowns lautstark an ihm vorbeizieht, senkt er den Blick nicht. Ein Syrer, der Angst hat, bei seiner Reise nach Belgien in Deutschland bleiben zu müssen, blickt dem Treiben amüsiert hinterher: "They are good people. That's what we need now." Clownin Mina hat sieben Jahre lang als Ordensschwester in arabischsprachigen Ländern gearbeitet. Sie wirft immer wieder ein paar arabische Begriffe in den Raum, die Flüchtlinge nicken: "Alles, was wir versuchen, ist, Begegnungen zu schaffen, etwas Warmes, Naives und Herzerwärmendes zu verbreiten. Ein Schlüssel dazu ist Musik."

Tragbare Erinnerung

In einer improvisierten Kinderecke verteilen die Clowns Rasseln. "We make a concert now", sagt Mina, während ihr Kollege auf den Saiten der Ukulele klimpert. Ungeduldig warten die Kinder darauf, dass es weitergeht. Inzwischen haben sie sich ihre warmen Jacken ausgezogen – die Backen sind vom Lachen und Toben gerötet. Auf ein Zeichen der Clowns hin beginnen die Kinder mit Begeisterung zu rasseln, zu stampfen und zu singen. Obwohl nicht melodisch musiziert wird, steckt die Freude an.

foto: standard/hausberger
Obwohl sich die Clowns schon verabschiedet haben, stapfen ihnen die Kinder im Gänsemarsch hinterher.

Eine weitere Durchsage ertönt. Eine Weiterreise nach Deutschland ist vorerst nicht möglich. Die Kinder singen immer lauter, bis die ÖBB-Stimme vollends verstummt. Ihre Eltern verfolgen aus ein paar Metern Entfernung das temperamentvolle Musizieren. Einige haben ihre Handykamera gezückt und filmen. Die Erinnerung an die Roten Nasen soll ihnen auch auf der Weiterreise ein Lachen bescheren. "Es ist wie ein Lebensfunke, den sie an ihre Familien schicken können", sagt Mina. (Sophie-Kristin Hausberger, 13.10.2015)

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