In der Duftspur: Parfums, richtig dosiert

Kolumne13. Oktober 2015, 05:30
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Schon Paracelsus meinte, dass die Dosis das Gift macht – bei Parfums gelten andere Prinzipien – das ist gut und schlecht zugleich

Lust auf ein neues Wort? Wie wäre es mit "Sillage" zum Beispiel. Das ist das französische Wort für Heckwelle und ist als solches also Bootsmännern ein Begriff. Sillage gibt es aber auch noch in einem anderen Zusammenhang. In der Welt der Parfums bezeichnet es die "Fahne", die ein parfümierter Mensch hinter sich herzieht.

Ein Parfum, und darüber sind sich wohl alle einig, soll seine Träger und Trägerinnen in eine Wolke des Wohlgeruchs hüllen. Es soll einen Wiedererkennungseffekt haben, eine unsichtbare Spur hinterlassen und sich damit in die unbewussten Hirnschichten seiner Mitmenschen einprägen.

Diese Idee ist perfid und schön zugleich. Ich gebe offen zu, dass ich einige meiner liebsten Parfums immer auf Basis der Duftspuren anderer entdeckt habe. Auf der Straße zum Beispiel. Da war er plötzlich: dieser total wunderbare Duft stieg mir in die Nase und ich konnte gerade noch die die Quelle des Wohlgeruches ausmachen. Ein paar Mal nahm ich Fährte auf, ließ mich eine Zeitlang in der Heckwelle des Duftes treiben – und oft konnte ich gar nicht anders, als zu fragen: "Bitte entschuldigen Sie, aber ich muss sie einfach fragen, welches Parfum tragen Sie eigentlich?"

Fährte aufnehmen

Vier Mal habe ich das schon gemacht. Zwei Frauen, zwei Männer. Und jedesmal waren die Befragten geschmeichelt und auch gerne bereit, Auskunft zu geben. So geschehen in den 1990er-Jahren mit "Sun" von Jil Sander: Ich bete, dass es diesen Duft für immer geben wird. So geschehen auch bei Serge Lutens "Fille en aiguille". Das war schwierig, weil dieser Name einfach richtig schwierig auszusprechen ist, aber der Herr war nett und hat buchstabiert. Auch Helmut Langs "Cuiron" habe ich so entdeckt – und aufgebraucht (es gibt auch im Internet keine Exemplare mehr") und Escentric Molecules, das "01". Seit ich es trage, bin auch ich zwei Mal auf der Straße angesprochen worden.

Doch eigentlich sollte es um Dosierungen gehen. Parfum ist fantastisch, vor allem deshalb, weil es den Tag verbessert. Der Nachteil: man gewöhnt sich, riecht es bald selbst nicht mehr und irgendwann wird dann einfach die Dosis erhöht.

Oft zu sehr. Zu erleben beim Wochenendeinkauf in der Innenstadt. Da kreuzen sich so viele Sillagen, dass man momentan gar nicht weiß, wohin man die Nase halten soll. Denn die olfaktorischen Fahnen können, wenn sie den eigenen Vorlieben nicht entsprechen ja durchaus sehr, sehr unangenehm sein. Ein Begrüßungsbussi von jemandem mit dem falschen Parfum kann der Grund sein, dringend ein Waschbecken zu suchen, um sich schleunigst das Gesicht zu waschen!

Sprühen oder tupfen

Schuld fürs Zuviel sind meistens die Sprays. Die grundsätzliche Frage ist nämlich, wie und wo die wahren Kenner ein Parfum auftragen. Parfumeure wie der Altmeister Serge Lutens zum Beispiel sind da ganz klar: "Immer nur auftupfen und keinesfalls reiben, weil sich dann die Moleküle selbst zerstören und Parfum dort auftragen, wo der Puls zu spüren ist." Ist doch schön die Vorstellung, dass man dann auch das Parfum irgendwie aus sich selbst rauspumpt. Dass Serge Lutens seine Parfums trotzdem mit Sprühkopf verkauft, hat einen einzigen Grund und der heißt schlicht Konsumentenwunsch. Die Menschheit sprüht also lieber, als dass sie sanft tupft.

Die Japaner wiederum hassen die olfaktorische Überdosis und gehen die Sache mit den Parfums lieber dezent an. Die japanische Nobelmarke Sensai gibt für ihr neues Parfum "The Silk" sogar Handlungsanweisungen und empfiehlt, sich das Parfum vor dem Anziehen zwischen Bauch und Hüften aufzutragen. Von dort aus funktioniere die Sillage wesentlich dezenter. Einen Versuch ist es wert. (Karin Pollack, 13.10.2015)

  • Auftupfen wäre zwar besser, die Konsumenten wollen Parfum aber lieber aufsprühen.
    foto: istock/jaroon

    Auftupfen wäre zwar besser, die Konsumenten wollen Parfum aber lieber aufsprühen.

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