"Familienfeste": Im Kunstgewerbeheim der Hochneurotiker

11. Oktober 2015, 19:08
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Besuch vom fremden Planeten: Regie-Manierist Armin Holz feiert in den Linzer Kammerspielen "Familienfeste" – unter Berücksichtigung von Ibsen, Woolf und Paul Abraham. Ein schöner, vierstündiger Flop.

Linz – Die Kammerspiele des Linzer Landestheaters laden zu "Familienfesten". Kein einfaches darf es sein, der Plural macht hier die Musik. Drei Stoffe hat man aneinandergeleimt: Ibsens Gespenster, das prototypische Enthüllungsdrama aus dem gletscherkalten Norden. Mrs. Dalloway, Virginia Woolfs Roman, der in die Köpfe und Herzen Londoner Wohlstandsbürger hineinblickt. Und schließlich der Aberwitz des Abends, Paul Abrahams Nonsensoperette Viktoria und ihr Husar. Die hüpft am hauchdünnen Handlungsfaden vom Ural nach Japan, hält Rast in "Petrograd" und springt zurück nach Ungarn.

Lose Familienbande

Die Familienähnlichkeiten zwischen den Stücken sind mit freiem Auge kaum ersichtlich. Von Verwandtschaft wird man selbst bei großzügiger Auslegung des Begriffes nicht reden können. Die Pointe der Unternehmung liegt woanders. Regisseur Armin Holz gilt als der verlorene Sohn des Regie-Theaters. In seinen wenigen Arbeiten erhält der Erzmanierist aus dem deutschen Krefeld das Gespenst der Schönheit am Leben. Seine Kunst – Holz (53) ist sein eigener Ausstatter – speist sich aus der Anbetung der alten Regie-Monomanen: Zadek, Noelte, Grüber. Unternehmungen wie die aktuelle in Linz ähneln daher dem Öffnen einer uralten Konfektschachtel. Die Bonbons? Ein Augenschmaus. Nur das Marzipan schmeckt schon etwas ranzig.

Den Gespenstern des Abends soll jedenfalls heimgeleuchtet werden. Holz sperrt die Bezirke der Kunstschönheit auf. Ein Opferstein liegt auf der schwarzen Bühne. Er wird ebenso bedeutungsvoll herausgeleuchtet wie ein knorriger Baum, dessen kahle Äste an die Knoten einer Gichthand erinnern. Vorne aber steht ein Thronsessel aus dem Holz der Waldorfschulen.

Er bleibt verwaist, denn Kammerherr Alving ist seit zehn Jahren tot. Seine Witwe (Anne Bennent) ehrt das Andenken des syphilitischen Wüstlings, indem sie ein Kinderasyl in seinem Namen eröffnet. Was muss die arme Frau nicht alles durchgemacht haben. In erhabener Hysterie erwehrt sie sich der Erbauungsreden ihres notgeilen Pastors Manders (Klaus Christian Schreiber). Alvings Haushalt ist ein Notstandsgebiet, ein Heim für Hochneurotiker.

Kunstmesse mit Syphilis

Ibsens Prosa wird als Kunstmesse zelebriert. Die Syphilis, vom Geheimrat in die Familie eingeschleust, hat die Figuren zerrieben. Eineinhalb Stunden wohnt man einem szenischen Zersetzungsprozess bei. Längst hat die Paralyse auf die Mundwerkzeuge übergegriffen. Bennent spielt die junge Mutter, die ihrem kranken Sohn Osvald auch deshalb nicht hilft, weil sie selbst völlig von Sinnen ist. Regine (Anna Eger), Osvalds Halbschwester, gibt einen Vamp im Geist des Surrealismus. Eineinhalb Stunden vergehen wie im Flug, und man fragt sich, nicht ohne Amüsement: Hat vielleicht doch Salvadore Dalí Ibsens Gespenster geschrieben?

Das zweite der "Familienfeste" ist eine vergleichsweise prosaische Angelegenheit. Wiederum verstellen ein paar wuchtige Zeichen die Bühne: das bekannte Bäumchen, eine eiserne Treppe, das Modell eines menschlichen Gehirns. Holz gelingt ein zauberhafter Kurzstreckenflug über Woolfs Romangelände. Bennent doppelt sich als Mrs. Dalloway mit Valerie Koch. Schreiber gibt im Seidenhemd Clarissa Dalloways Jugendliebe Peter Walsh: ein herrlich bornierter Vertreter der höheren Stände, auch er ein Gespenst.

Bäumchen im Kreis

Womit man, nach weiteren 40 Minuten, endlich bei Viktoria und ihr Husar angekommen ist. Die Musiker Paul Schuberth und Victoria Pfeil spielen Paul Abrahams Partitur als tieftraurige Kammermusik (Akkordeon, Xylofon, Blasinstrumente). Auf der Bühne dreht sich das Bäumchen nunmehr im Kreis. Der schneidige Husar (Schreiber) durchmisst in knarzenden Stiefeln die Kontinente. Er befindet sich auf der Suche nach Gräfin Viktoria. Bennent mimt das kosmopolitische Salonkätzchen. Es rührt zu Tränen, die große Schauspielerin als Vertreterin der Hochkomik zu sehen.

Doch hat man sich an den Transparenzblusen der Soubretten sattgesehen, bleibt der Weg nach Operetten-Ungarn überraschend steinig. Was immer Armin Holz erzählen wollte, es hat sich wie ein Gespenst aus der Flasche verflüchtigt. Der freundlich akklamierte Dreiteiler gleicht einem Besuch auf der Kunstgewerbemesse. Man freut sich, sieht sich satt. Plötzlich bekommt man Lust auf ein ordentliches Knäckebrot. Was für ein dekadenter Abend. (Ronald Pohl, 11.10.2015)

  • Um was ging es gleich in "Familienfeste"? Im Bild die Schlussszene aus "Viktoria und ihr Husar" (v. li.: Klaus Christian Schreiber, Anne Bennent und Stefan Matousch). Gesungen wurde auch: "Reich mir zum Abschied / noch einmal die Hände ...", "Ja, so ein ungarisches Mädel ..."
    foto: joseph gallus rittenberg

    Um was ging es gleich in "Familienfeste"? Im Bild die Schlussszene aus "Viktoria und ihr Husar" (v. li.: Klaus Christian Schreiber, Anne Bennent und Stefan Matousch). Gesungen wurde auch: "Reich mir zum Abschied / noch einmal die Hände ...", "Ja, so ein ungarisches Mädel ..."

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