VW-Software könnte der Umwelt dienen

Blog11. Oktober 2015, 11:11
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Statt bei Tests zu schummeln, könnten moderne Autos den Stickoxid-Ausstoß im Stadtverkehr senken – und sonst den Spritverbrauch minimieren

Ein Leserbrief in der aktuellen Ausgabe des Economist weist auf eine Möglichkeit hin, die Experten schon länger bewusst ist: Die Schummelsoftware von VW wäre, wenn sie ehrlich eingesetzt wird, ein nützliches Instrument, um Autos umweltfreundlicher zu machen.

Das "Defeat Advice" genannte Computerprogramm erkennt derzeit, wenn ein Fahrzeug sich in einem Testbetrieb befindet. Genauso gut aber könnte es erkennen, in welcher Umgebung und bei welchem Wetter es unterwegs ist – und den Ausstoß an Stickoxiden entsprechend steuern.

Derzeit geben die Aufsichtsbehörden einen einheitlichen Grenzwert für Stickoxide vor. Doch deren Gesundheitsschädlichkeit ist variabel: In der Stadt und in engen Tälern fühlt man sie viel mehr als im freien Gelände, und selbst im urbanen Raum sind sie bei Nebel und Windstille, wenn Smog entsteht, viel schädlicher als an einem klaren und windigen Sommertag.

Zielkonflikt mit CO2-Ausstoß

Aber warum, kann man sich fragen, sollen die Behörden überhaupt einen höheren Stickoxid-Ausstoß tolerieren? Weil seine Reduktion einen Zielkonflikt mit dem Treibstoffverbrauch auslöst. Vor allem für kleinere Fahrzeuge gilt: Je weniger Stickoxide sie ausstoßen, desto mehr CO2 wird erzeugt. Eine geringere Luftbelastung wirkt sich schädlich für das Klima aus.

Es lässt sich zwar in Dieselmotoren auch beides reduzieren, doch das geht auf Kosten der Leistung. Das ist doch ein akzeptabler Preis, würden Umweltschützer sagen, aber nicht alle Autofahrer, die dann wahrscheinlich auf größere und stärkere Autos umsteigen, was weder der Umwelt noch dem Klima nützt. Und vom Verbrauch her bleiben Dieselfahrzeuge im erschwinglichen Segment die Besten.

Zugang zum Emissionsschutz ändern

Deshalb wären flexible Emissionsgrenzen für Stickoxide für alle Seiten sinnvoll, und die ließen sich durch die moderne Technologie realisieren. Doch zu diesem Zweck müsste sich auch der politische Zugang zum Umwelt- und Emissionsschutz ändern.

Derzeit setzen Gesetzgeber und Behörden in den Industriestaaten möglichst strikte Grenzen für jede Art der Luftverschmutzung – in den USA noch strenger als in der EU – und kommen so den Wünschen der Umweltorganisationen und Teilen der Öffentlichkeit entgegen. Doch diese Limits sind für die Hersteller oft unwirtschaftlich oder gar technisch unerreichbar und lassen sich im Markt nicht wirklich durchsetzen.

Auch die Kontrolleure schummeln

Daher drücken die Kontrolleure bei den Tests ein Auge zu, wenn die Grenzwerte überschritten werden – oder testen sie unter fiktiven Bedingungen. Nicht bei VW, auch bei den Behörden wird geschummelt, wenn auch nicht gar so offen.

Ein ehrlicher Zugang würde an die tatsächlichen Erfordernisse angepasste Grenzwerte benötigen. Beim Verbrauch ist der immer gleich – es ist egal, wann und wo CO2 in die Atmosphäre geblasen wird. Bei den Stickoxiden ebenso wie beim Feinstaub aber ist Flexibilität angesagt. Statt Fahrverboten für Diesel in der Stadt, wie sie oft angedacht werden, wäre eine softwaregesteuerte Drosselung des Stickoxid-Ausstoß der bei weitem bessere Weg. (Eric Frey, 11.10.2015)

  • Mit der Schummelsoftware könnte VW auch etwas Gutes tun
    foto: epa/julian stratenschulte

    Mit der Schummelsoftware könnte VW auch etwas Gutes tun

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