Nach Anschlag in Ankara: Tausende protestieren gegen Erdogan

11. Oktober 2015, 13:29
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Demonstranten machen den Präsidenten für Anschlag mitverantwortlich

Ankara/Istanbul – Nach dem blutigen Anschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara sind am Samstag tausende Menschen in Istanbul und anderen Städten des Landes auf die Straße gegangen. Die rund 10.000 Demonstranten im Zentrum von Istanbul machten Präsident Recep Tayyip Erdogan für den Anschlag auf eine geplante Friedenskundgebung mitverantwortlich.

Bei dem Anschlag waren nach unterschiedlichen Angaben bis zu 97 Menschen getötet und knapp 200 weitere verletzt worden. Die kurdische Oppositionspartei HDP sprach am Sonntag sogar von 128 Toten und mehr als 500 Verletzten. Die Polizei begleitete die Proteste mit einem massiven Aufgebot, schritt aber nicht ein.

Polizei setzt Tränengas ein

Weitere Demonstrationen fanden nach Angaben der Nachrichtenagentur Dogan in Diyarbakir, Izmir, Batman, Urfa und Van statt. Bei der Kundgebung im vorwiegend von Kurden bewohnten Diyarbakir kam es nach Angaben eines AFP-Fotografen zu Ausschreitungen, die Polizei setzte Tränengas ein.

Zu der Friedenskundgebung in Ankara hatte unter anderem die HDP aufgerufen. Deren Ko-Chef Selahattin Demirtas äußerte Zweifel, dass die Regierung von dem Attentat überrascht wurde. Laut HDP richtete sich der Anschlag gegen die ihre Mitglieder, die Sprengsätze wurden demnach am Aufmarschplatz der HDP-Delegation bei der geplanten Demonstration gezündet.

Am Sonntag gedachten zahlreiche Menschen in Ankara der Opfer. Nach Schätzungen versammelten sich rund tausend Menschen auf dem Sihhiye-Platz, wie auf Fernsehbildern zu sehen war.

Regierung verdächtigt IS

Die Regierung geht von zwei Selbstmordattentätern aus. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu verdächtige seinerseits die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) oder Linksextremisten der DHKP-C, hinter dem Attentat zu stehen.

Die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete am Samstagabend unter Berufung auf Polizeikreise, die in Ankara verwendeten Sprengsätze glichen jener Bombe, mit der ein Selbstmordattentäter im Juli mehr als 30 Menschen in der Stadt Suruc an der syrischen Grenze getötet hatte. Für den Anschlag von Suruc hatte die türkische Regierung den IS verantwortlich gemacht.

Die Zeitung "Habertürk" meldete am Sonntag, die Polizei betrachte den Bruder des Attentäters von Suruc als Hauptverdächtigen. Eine Sonderkommission aus rund 100 Beamten werte Spuren wie DNA-Proben der Leichen der mutmaßlichen Selbstmordattentäter sowie Bilder von Überwachungskameras aus. Die Zeitung "Cumhuriyet" meldete unter Berufung auf Augenzeugen, kurz vor der Explosion der ersten Bombe in Ankara sei der Ruf "Gott is groß" zu hören gewesen.

Laut "Habertürk" könnte der 25-jährige Yunus Emre Alagöz einer der beiden Selbstmordattentäter gewesen sein. Alagöz' Bruder Seyh Abdurrahman hatte sich am 20. Juli in Suruc in die Luft gesprengt. Die Brüder hatten sich Medienberichten zufolge in Syrien dem IS angeschlossen und den Bau von Bomben erlernt. In der Türkei sollen sich laut "Habertürk" derzeit noch fünf weitere potenzielle Selbstmordattentäter des IS aufhalten.

UN: Anschlag "feige und sinnlos"

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und der Präsident der UN-Vollversammlung, Mogens Lykketoft, haben der Türkei nach dem Doppelanschlag in Ankara ihr Mitgefühl ausgesprochen. Ban drückte in der Nacht zum Sonntag über einen UN-Sprecher zugleich die Hoffnung aus, dass die Täter schnell ergriffen und zur Rechenschaft gezogen würden.

Lykketoft nannte die Bombenanschläge eine "feige und sinnlose Tat". Sie werde aber "Menschen und Länder nicht davon abhalten, sich für eine friedlichere, harmonische und nachhaltige Welt einzusetzen", sagte er. (APA, 11.10.2015)

  • Demonstration in Ankara gegen den türkischen Präsidenten
    foto: ap/lefteris pitarakis

    Demonstration in Ankara gegen den türkischen Präsidenten

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