Nach altem Elend kam die neue Klasse

10. Oktober 2015, 16:45
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Östereich siegte in Podgorica zuerst gegen 12, dann gegen zehn Mann. Die Siegermentalität beeindruckte, nach schwacher erster Halbzeit zeigte sich die neue spielerische Qualität

Podgorica – Österreichs Fußball-Teamspieler bleiben auch nach dem 3:2-Auswärtssieg in der EM-Qualifikation gegen Montenegro weiter euphorisiert. Dass man sich nach einer durchwachsenen Leistung in der ersten Hälfte deutlich steigerte und noch einen Erfolg einfuhr, sei ein weiterer Beweis für die Qualität der Mannschaft, lautete der Tenor nach der Partie in Podgorica.

Kapitän Christian Fuchs etwa hatte trotz zweimaligen Rückstands nie Zweifel daran, die drei Punkte einzufahren. "Auch nach dem 1:2 hat es sich so angefühlt, dass wir noch gewinnen, da kann kommen, was will", erklärt der Linksverteidiger.

Fest steht jedenfalls eines: Eine durchschnittliche Leistung einer guten europäischen Mannschaft reicht mittlerweile nicht mehr, um Österreich zu schlagen. Auch weil man sich mit taktischen Fehlern nicht mehr selbst schlägt, konditionell Topniveau erreicht hat. Und weil man sich von Montenegro nicht provozieren ließ.

Hans Krankl, schau her

Das Selbstvertrauen innerhalb der ÖFB-Auswahl ist mittlerweile so groß, dass selbst unglückliche Gegentore und falsche Schiedsrichter-Entscheidungen ein Spiel nicht mehr kippen. "Das erste Tor war ein klares Hands", kritisierte Fuchs und ärgerte sich auch über das zweite Tor der Gastgeber, bei dem der im Abseits stehende Mirko Vucinic Goalie Robert Almer wohl etwas die Sicht nahm.

All dies änderte aber nichts daran, dass die Österreicher noch die Wende schafften und damit nach neun EM-Qualifikations-Partien bei acht Siegen und einem Unentschieden halten – von allen europäischen Auswahlen ist nur England mit neun Erfolgen besser.

Der italienische Schiedsrichter Daniele Orsato fiel mit einigen interessanten Entscheidungen auf. Dazu zählte wohl auch das aberkannte Tor von Zlatko Junuzovic. "Darüber habe ich mich sehr geärgert. Das darf einem Schiedsrichter auf diesem Niveau nicht passieren", meint der Werder-Bremen-Legionär.

Keine Suderei mehr

Für den quirligen Martin Harnik war der erste Montenegro-Treffer möglicherweise doch regulär. "Ich tu' mir schwer, Schiedsrichter zu kritisieren, sie haben einen schweren Job. Es waren definitiv unglückliche Entscheidungen dabei, die hätten wir früher vielleicht noch als Ausreden verwendet."

Die Schwächephase vor der Pause begründete der Stuttgart-Legionär nicht mit der bereits realisierten EM-Teilnahme. "Das hatte nichts damit zu tun", beteuert Harnik und führte die Mängel eher auf die glitschigen Bodenverhältnisse zurück.

"Wir waren unglücklich, aber nicht unverdient in Rückstand, hatten unglaublich viele Fehler im Spielaufbau, aber dann hat man unsere Gewinnermentalität gesehen. Zwei Rückstände noch zu drehen, hat imponiert. Das ist ein klares Zeichen, dass wir eine komplettere Mannschaft sind, als wir es je waren", sagte Harnik.

Unglaubliche Bilanz

Zum Bilanzlesen empfiehlt sich die Wolfgang Ambros'sche Hintergrund-Musik "Zwickts mi". Es war der siebente Auswärtssieg en suite, der achten Pflichtspiel-Sieg in Folge und das zehnte Bewerbsmatch nacheinander ohne Niederlage. Außerdem wurde in den jüngsten 18 Länderspielen immer zumindest ein Tor erzielt.

Allerdings gerieten diese Serien gegen die Montenegriner in Gefahr – vor allem deshalb, weil David Alaba und Co. in der ersten Hälfte keine berauschende Leistung boten. "Da haben wir schlecht gespielt, hatten viele Abspiel- und Flüchtigkeitsfehler und haben defensiv und offensiv schlecht gearbeitet", erklärte Teamchef Marcel Koller.

In der Pause fand der Schweizer dann offensichtlich die richtigen Worte. "Ich habe die Spieler gefragt, ob sie so weiterspielen wollen. Ob es einen Grund gibt, warum wir auf einmal etwas anderes spielen als in der bisherigen Quali."

Belgien muss nicht sein

Koller verzichtete bei seiner Kabinenpredigt darauf, allzu sehr auf den Putz zu hauen. "Ich hätte laut werden oder den einen oder anderen zurechtweisen können. Aber ich bin ruhig und bestimmt geblieben, weil ich wusste, dass wir zwar nicht gut gespielt haben, aber auch nicht völlig von der Rolle waren."

Das Team ist stark weil es einen starken Trainer hat. Und wenn das in Zukunft auch so bleiben soll (mit Hinblick auf die nächste WM), dann wird es wohl ohne ein Millionen-Offert für den Schweizer nicht gehen. Das muss dieser Mann dem österreichischen Fußball aber wert sein.

Als Lohn für den großen Siegeswillen wird das ÖFB-Team bei der EM-Gruppenauslosung aus Topf zwei gezogen, sofern es im Heimspiel am Montag gegen Liechtenstein zu einem Sieg reicht. Nach derzeitigem Stand ist dadurch etwa Belgien als Gruppengegner ausgeschlossen. (APA, vet, 10.10.2015)

  • Verdient vertauschte Rollen: Martin Harnik durfte sich diesmal von David Alaba tragen lassen.
    foto: reuters/vasiljevic

    Verdient vertauschte Rollen: Martin Harnik durfte sich diesmal von David Alaba tragen lassen.

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