97 Tote bei Anschlag gegen den Frieden

10. Oktober 2015, 20:05
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Ein Selbstmordattentäter sprengte sich auf einer Friedenskundgebung in die Luft – Anschlag kam einen Tag vor der erwarteten Waffenruhe der PKK

Ankara – Sie hatten sich zum Halay aufgestellt, 30, 40 junge Türken, Frauen und Männer Hand in Hand beim traditionellen Ringtanz, als sich der erste Selbstmordattentäter in die Luft sprengt. Ein Flammenball geht hinter den jungen Leuten hoch, man duckt sich, sucht Deckung auf dem weiten Areal zwischen dem Hauptbahnhof von Ankara und der neuen Sport- und Kongresshalle Ankara Arena, das keinerlei Deckung gewährt.

Zwei Explosionen gibt es am Samstag um zehn Uhr vor dem Hauptbahnhof der Stadt, wo eine Friedenskundgebung stattfinden sollte. 30 Tote und 126 Verletzte lautet die Bilanz der Behörden noch am Vormittag. Am Nachmittag korrigierte die pro-kurdische Partei HDP die Zahlen deutlich nach oben: 97 Menschen seien ums Leben gekommen, 186 weitere wurden verletzt.

Drei Wochen vor den vorgezogenen Parlamentswahlen in der Türkei werteten Politiker aller Lager den Anschlag als Versuch, weitere Unruhe im Land zu provozieren. Doch das Ziel der Selbstmordattentäter war offensichtlich die HDP und deren Anhänger.

HDP-Parteichef Selahattin Demirtaş nannte den Anschlag ein "großes Massaker", das die Handschrift des "tiefen Staats" trage – die Umschreibung für illegale Machenschaften türkischer Sicherheitsapparate. Fünf Staatsanwälte wurden mit den Ermittlungen des Anschlags beauftragt.

Waffenruhe ab Sonntag

Die Friedenskundgebung in Ankara sollte mittags beginnen und bis 16 Uhr dauern. Aufgerufen hatten der linksstehende Gewerkschaftsverband DISK (Konföderation der Revolutionären Arbeiter-Gewerkschaft), die Gewerkschaft der öffentlich Bediensteten KESK, sowie die Berufsverbände der Ärzte und Architekten – alle seit langen Jahren Gegner der konservativ-islamischen Regierung und des heutigen Staatschefs Tayyip Erdogan.

Auch die kurdisch orientierte Minderheitenpartei HDP hatte sich der "Arbeiter-Friedenskundgebung" angeschlossen. Denn noch für diesen Sonntag wurde eine einseitig verkündete Waffenruhe der kurdischen Untergrundarmee PKK erwartet. Zwei Führungsfiguren der als Terrororganisation eingestuften Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Cemil Bayik und Remzi Kartal, hatten dies in Interviews angekündigt.

Seit Ende Juli, als Staatspräsident Erdogan das Ende des Friedensprozesses mit der PKK erklärte, tobt nach drei Jahren Pause wieder ein Krieg mit Bombenangriffen auf Stellungen der PKK im Nordirak und nahezu täglichen Anschlägen der Kurdenorganisation auf türkische Soldaten und Polizisten.

Vorwürfe gegen Erdogan

Erdogan und seiner AKP wird vorgeworfen, die bereits seit dem Frühjahr aufflackernden Kämpfe mit der PKK absichtlich eskaliert zu haben. Damit soll das Bild von der Oppositionspartei HDP und ihres charismatischen Ko-Parteichefs Selahattin Demirtaş in der türkischen Öffentlichkeit beschädigt werden, so heißt es. Erdogan und sein Premier Ahmet Davutoglu stellen die HDP als "Terroristenpartei" und Handlangerin der PKK dar. Der HDP war bei den Wahlen im Juni erstmals der Einzug ins Parlament gelungen. Sie nahm dadurch der AKP die absolute Mehrheit zur Alleinregierung.

Der Selbstmordanschlag in Ankara ist der dritte dieser Art in der Türkei in diesem Jahr. Schon kurz vor den Parlamentswahlen im Juni gab es einen Anschlag auf eine Wahlkundgebung der HDP in Diyarbakir, wo Demirtaş auftreten sollte. Zwei Menschen starben damals.

Im Juli sprengte sich ein Selbstmordattentäter in der türkisch-syrischen Grenzstadt Suruç in die Luft. Sein Ziel war eine große Gruppe zumeist kurdischer Studenten, die beim Aufbau der Stadt Kobane auf der syrischen Seite helfen wollten. 33 Menschen wurden getötet, offiziell 104 verletzt. Die Terrormiliz Islamischer Staat bekannte sich zur Tat. Staatschef Erdogan und die geschäftsführende Regierung nahmen den Anschlag zum Anlass, einen Antiterrorkrieg zu erklären, der sich gleichermaßen gegen den IS, die PKK und die linksextreme Terrorgruppe DHKP-C richten sollte. Demirtaş und die HDP behaupten, hinter dem Anschlag von Suruç stünde in Wahrheit der türkische Staat. (Markus Bernath, 10.10.2015)

  • Der Moment der Explosion
    foto: reuters/melike tombalak/dokuz8haber

    Der Moment der Explosion

  • Helfer tragen einen Verletzten vom Ort des Anschlags. Mindestens 30 Menschen sollen bei möglicherweise mehreren Explosionen im Zentrum der türkischen Hauptstadt Ankara ums Leben gekommen sein.
    foto: reuters/tumay berkin

    Helfer tragen einen Verletzten vom Ort des Anschlags. Mindestens 30 Menschen sollen bei möglicherweise mehreren Explosionen im Zentrum der türkischen Hauptstadt Ankara ums Leben gekommen sein.

  • Nach dem Anschlag gingen in Istanbul Tausende auf die Straße, um gegen Gewalt zu demonstrieren
    foto: epa/sedat suna

    Nach dem Anschlag gingen in Istanbul Tausende auf die Straße, um gegen Gewalt zu demonstrieren

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