Wo es was zu gewinnen gibt

Analyse9. Oktober 2015, 19:27
692 Postings

Die Wiener SPÖ versucht, wechselwillige Pensionisten auf dem Weg zur FPÖ aufzuhalten. Die Freiheitlichen wiederum sehen wieder ihre Stunde in der einst tiefroten Bastion Gemeindebau gekommen

Es ist nur ein Detail – aber ein hochinteressantes. Bei den Gemeinderatswahlen 2010 erreichte die SPÖ im Seniorenheim Atzgersdorf in Wien-Liesing im 23. Bezirk ein überragendes Ergebnis: 77,5 Prozent der Bewohner wählten in diesem Sprengel die Sozialdemokraten. Die ÖVP (11,2) landete noch vor der FPÖ (9,1) und den Grünen (1,6) weit abgeschlagen auf Platz zwei. Es war das beste Sprengelresultat, das die SPÖ vor fünf Jahren einfahren konnte.

Der Hotspot der ÖVP lag 2010 ebenfalls in einem Sprengel, dessen Wahlberechtigte zum überwiegenden Großteil ein Seniorenheim stellt. Im Areal rund um die "Park Residenz Döbling" im Herzen des noblen Cottage-Viertels im schwarzen 19. Wiener Gemeindebezirk entschieden sich nicht zufällig 52,7 Prozent für die ÖVP: Das großzügige Seniorenheim der Wiener Kaufmannschaft steht unter Kontrolle der Wirtschaftskammer Wien. Das Gebiet östlich des Döblinger Friedhofs ist übrigens der einzige Sprengel in Wien, in dem die kriselnden Stadtschwarzen die absolute Mehrheit schafften. Wienweit erreichte die ÖVP nur 14 Prozent – 4,8 Prozent weniger als noch 2005.

Den Wiener Pensionisten sagte man bis zuletzt eher Parteitreue nach als jüngeren Wählerschichten, wovon vor allem Rot und – mit großen Abstrichen – auch Schwarz profitierten. Rot setzt bei der Wahl 2015 erneut große Hoffnungen in dieses Wählersegment. Die Schwarzen dürften hier ihr Engagement aber aufgegeben haben: City-Chefin Ursula Stenzel wurde in die Arme der FPÖ getrieben. Ingrid Korosec wurde als bestgereihte Seniorin nur auf Platz elf der ÖVP-Landesliste gesetzt und muss um Vorzugsstimmen buhlen.

Der nicht zufällige Schwenk der Wiener ÖVP zu einer Verjüngung der Partei zeigt, dass man dieses Feld SPÖ und FPÖ überlassen hat. Als Pars pro Toto sah sich der STANDARD das im 23. Bezirk gelegene "Haus am Mühlengrund" genauer an. Laut Stadt Wien war es 2010 das größte Pensionistenhaus, daran hat sich mit knapp 400 Bewohnern bis heute nichts geändert. Vor fünf Jahren wählten im Sprengel – knapp die Hälfte der Wahlberechtigten stellt hier das Seniorenwohnhaus – 61,4 Prozent die Sozialdemokraten. Schon auf Platz zwei folgten die Freiheitlichen mit 20 Prozent. Die ÖVP schaffte nur 11,3 Prozent.

Wechselwillige Pensionisten

Das Abschneiden bei den Pensionisten wird nach Meinung vieler Wahlbeobachter mitverantwortlich dafür sein, ob die Wiener SPÖ mit Bürgermeister Michael Häupl die laut Umfragen prognostizierten großen Verluste in Grenzen halten kann. 2010 verloren die Roten wienweit mit einem Minus von 4,8 Prozent die absolute Mandatsmehrheit, sie schafften aber noch 44,3 Prozent. Die Befürchtung, dass unzufriedene Senioren am Sonntag FPÖ wählen könnten, sei kein taktisches Drohszenario, um Wähler zu mobilisieren, sagt Wiens SPÖ-Klubchef Rudi Schicker. "Diese Erfahrung haben wir bei unseren Hausbesuchen gemacht." 2010 wären bereits Pensionisten, die der SPÖ zuvor jahrelang die Treue hielten, zu den Blauen abgewandert. Schicker: "Diesmal sind es vor allem die Pensionistinnen, die sich in persönlichen Gesprächen wechselwillig zeigten." Angesichts der alles überlagernden Flüchtlingsthematik seien die Sorgen der Senioren jedenfalls nicht kleiner geworden.

foto: standard/regine hendrich
In dem Wahlsprengel, in den mit dem "Haus am Mühlengrund auch das größte Pensionistenhaus Wiens fällt, hält die SPÖ noch die Absolute. Hier im Sprengel in Wien-Liesing schafften die Roten vor fünf Jahren auch dank der Senioren 61, 4 Prozent.

Ein weiteres umkämpftes Wählersegment, bei dem den Freiheitlichen größere Zugewinne zugetraut werden, sind die etwa 500.000 Bewohner der Wiener Gemeindebauten. Just in einem dieser symbolträchtigen Bauten des Roten Wien schaffte die FPÖ 2010 ihr bestes Sprengelergebnis: In der Brünner Straße 140, also in einem der vier unterschiedlich großen Gemeindebau-Wohnblocks in Wien-Floridsdorf, schaffte die FPÖ 63 Prozent, die SPÖ erreichte hier knapp 30 Prozent. Zwei der vier Wahlsprengel im 21. Bezirk, in die der Heinz-Nittel-Hof fällt, gingen an die FPÖ, zwei an die SPÖ. Auch insgesamt war die FPÖ bei den Gemeinderatswahlen 2010 in Floridsdorf mit 33,3 Prozent stark. Besser schnitten die Freiheitlichen nur in Simmering (35,5) und Favoriten (33,8) ab. Wienweit waren es 25,8.

Was sowohl der SPÖ als auch der FPÖ zugutekommt: Im Gemeindebau zählt fast nur Rot oder Blau. In den vier Wahlsprengeln, in die der Karl-Marx-Hof samt benachbarten Gebäuden fällt, wählten schon 2010 54 Prozent die SPÖ und 33 Prozent die FPÖ. Zusammen vereinten sie 87 Prozent der Stimmen. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Gemeindebau Reumannhof in Wien-Margareten: Hier holte die SPÖ 2010 rund 56 und die FPÖ 31 Prozent. In dem Wahlsprengel, der den Herwegh-, Julius-Popp- sowie den Metzleinstaler Hof, ebenfalls im fünften Bezirk, umfasst, wählten 60 Prozent die SPÖ und 25 Prozent die FPÖ. Wahlbeobachter sehen folgendes Szenario: Gelingt es den Freiheitlichen vor allem bei Pensionisten und Gemeindebaubewohnern, die Sorgen und Ängste der Menschen hinsichtlich Flüchtlingen und Ausländern anzusprechen, dürfte das auch im wienweiten Ergebnis für einen größeren Zuwachs sorgen.

Ausländeranteil nicht entscheidend

Einen direkten Zusammenhang zwischen Migrantenanteil und FPÖ-Stärke gibt es hingegen (noch) nicht. In Rudolfsheim-Fünfhaus nannte etwa laut Statistik vor der Wahl 2010 jeder dritte Bewohner einen ausländischen Pass sein eigen. Dennoch schaffte die FPÖ bei der Gemeinderatswahl hier nur unterdurchschnittliche 24 Prozent, die SPÖ erreichte 47,3 Prozent. Und das, obwohl Ausländer bei der Gemeinderatswahl nicht wahlberechtigt sind.

In der Donaustadt (da betrug 2010 der Anteil jener mit ausländischer Staatsbürgerschaft nur 11,3 Prozent) feierte die FPÖ mit 31,4 Prozent einen deutlichen Wahlerfolg. Die SPÖ erreichte trotz ordentlichem Minus noch 48,7 Prozent.

Die Grünen haben im Gemeindebau und bei Pensionisten einen schweren Stand. Mit der Zuspitzung des Duells "Häupl versus Strache" drohen die Grünen, wie auch die ÖVP oder die Neos, auch diesmal wieder auf der Strecke zu bleiben. Um das zu verhindern, bedienen die Ökos eine junge beziehungsweise junggebliebene Kernklientel vor allem innerhalb des Gürtels. Ihr bestes Sprengelergebnis von 2010 (42,6) erreichten die Grünen im Zentrum von Neubau unweit des Amtshauses, in dem mit Thomas Blimlinger der aktuell einzige grüne Bezirksvorsteher werkt. Zugewinne in den inneren Vierteln sollen drohende Verluste in den großen Flächenbezirken Favoriten, Floridsdorf und Donaustadt ausgleichen. (Text: David Krutzler, Interaktive Grafik: Markus Hametner, 10.10.2015)

Share if you care.