Dieselgate: Täuschmanöver auch bei neuen Tests

10. Oktober 2015, 09:00
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Auch die neuen Abgastests im Echtbetrieb könnten massive Abweichungen bei den Emissionen zulassen

Brüssel/Wien – Die Lehren aus der Volkswagen-Affäre sind derzeit überschaubar. Millionen Autofahrer rätseln noch, wann und wie ihr Fahrzeug in Einklang mit den Vorschriften gebracht werden soll. Aber auch die Frage, wie die Manipulation von Abgaswerten künftig verhindert werden kann, ist noch ungeklärt. Eine mögliche Antwort: Neue Tests dürfen nicht mehr im Labor, sondern müssen unter realistischen Fahrbedingungen stattfinden.

Neue Vorgaben für Tests

Wo technische Standards, sind Abkürzungen nicht weit: RDE oder Real-Driving-Emissions werden die künftigen Checks genannt. Weit entfernt ist noch das Einführungsdatum für die Tests, die von einigen Autoherstellern und Regierungen als zu ambitioniert angesehen werden. Ursprünglich sollten sie im Herbst 2017 Realität werden, doch zuletzt wurde bei der Reform ordentlich gebremst. Auf Beamtenebene wurde vergangene Woche in Brüssel diskutiert, RDE für neue Dieselmotoren erst 2019 oder 2020 vollständig einzuführen. Die Financial Times berichtete, dass Italien und Spanien auf die Verschiebung des Standards drängten.

Dabei dürfte der zeitliche Gap gut kaschiert werden, denn: Es bliebe beim Einführungsdatum September 2017, allerdings dürften die Modelle den Emissionsgrenzwert von 80 Milligramm Sickoxid je gefahrenen Kilometer um bis zu 60 Prozent überschreiten. Hersteller neuer Dieselmotoren hätten sogar bis September 2020 Zeit, um den Schadstoff auf das geforderte Maß zu senken.

Elchtests geplant

Somit lässt sich auch erklären, warum derzeit auf politischer Ebene ein Vorziehen der Echttests im Gespräch ist. Die EU könnte RDE zwar schon Anfang 2017 einführen, aber eben höhere Schadstoffemissionen tolerieren. Am Donnerstag waren diese Abweichungen beim Treffen der EU-Verkehrsminister in Luxemburg allerdings kein Thema, wie eine Sprecherin von Ressortchef Alois Stöger erklärte. Österreich spreche sich nicht nur für eine Vorverlegung des Starttermins aus, sondern auch "gegen Scheinverbesserungen", wie es heißt.

Die Diskussion dürfte jedenfalls durch "Dieselgate" ordentlich beschleunigt werden. Noch kommende Woche sollen die Regierungen ihre Positionen klarmachen, bis Ende Oktober eine Regelung fixiert werden. Wie stark sich der künftige Teststandard in der Praxis vom bisheren (Neuer Europäischer Fahrzyklus; NEFZ) unterscheidet, hat der deutsche Autofahrerclub ADAC bereits erhoben. Der Stickoxidausstoß von 32 getesteten Dieselmodellen, die bei herkömmlicher Prüfung den Grenzwert einhielten, betrug hier im Durchschnitt mehr als das Doppelte des Erlaubten. 22 Typen fielen durch, ein Modell stieß fast 15 Mal mehr aus als vorgesehen.

Streit um Prüfungen

Die betroffenen Autofahrer sorgen sich derweil in erster Linie um die Emissionen ihrer Pkw. Service und/oder Rückholaktionen der elf Millionen betroffenen Fahrzeuge werden sich bis Ende 2016 hinziehen, hat der Wolfsburger Konzern verlautbart. Eigene Prüfungen auf Emissionswerte will Verkehrsminister Stöger nicht durchführen, weil in Deutschland ohnehin getestet werde. Im Nachbarland ist das Kraftfahrt-Bundesamt mit der Angelegenheit konfrontiert. Der grüne Verkehrssprecher Georg Willi ärgert sich über die österreichische Vorgangsweise und fordert zumindest eigene Stichproben jeder Automarke in Österreich. "Gerade weil Österreich tatsächlich weit über dem erlaubten Deckel für Stickoxidemissionen liegt, müsste der Umweltminister in Abstimmung mit dem Verkehrsminister aktiv werden", sagt der Abgeordnete.

Für VW wird die ganze Affäre immer katastrophaler. Wie berichtet, könnte der Schaden die Marke von 30 Milliarden Euro übersteigen. Vor allem in den USA drohen hohe Strafzahlungen und Schadensersatzforderungen. Der US-Bundesstaat Texas hat mittlerweile Klage eingereicht. (as, 10.10.2015)

  • Nicht einmal im Labor haben VW-Dieselmodelle die Stickoxidvorgaben eingehalten. Bei einem Echttest wären die Abweichungen riesig.
    Foto: EPA / Patrick Pleul

    Nicht einmal im Labor haben VW-Dieselmodelle die Stickoxidvorgaben eingehalten. Bei einem Echttest wären die Abweichungen riesig.

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