Wenn das Benehmen anderer Kinder unerträglich wird

Kolumne11. Oktober 2015, 17:08
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Lust, auch andere Kinder mitzuerziehen? Jesper Juul erklärt, wie weit man gehen kann

Frage

Ich bin 40 Jahre alt und habe das große Glück, mit meinem jetzigen Mann ein zweites Kind zu haben. Die Beziehung zum Vater meines ersten Kindes funktioniert gut, auch mit allen beteiligten Erwachsenen. Wir sind uns in Sachen Erziehung und bei vielen wichtigen Dingen einig.

Obwohl mein Leben als Mutter im Vergleich zu vielen anderen ein Bett aus Rosen ist, gibt es auch bei uns Gedanken, die uns beschäftigen.

Mein älterer Sohn hat viele Freunde in der Schule, er ist lustig und empathisch und hat gute Noten. Ich denke, dass auch wir als Eltern unseren Beitrag zu seiner Entwicklung geleistet haben.

Hilfe brauche ich nicht für unsere eigentliche Familie, sondern meine Frage betrifft die Neffen meines jetzigen Mannes. Sie sind fünf und zehn Jahre alt. Ich fühle den starken Drang, sie zu erziehen, oder besser gesagt: mich in ihre Erziehung einzumischen. Einfach gesagt verhält es sich so: Immer wenn wir sie sehen, sind sie völlig außer Kontrolle. Sie schreien, weinen, schlagen einander und haben keine Tischmanieren oder allgemeine Manieren. Sie nehmen sich zum Beispiel vor dem Abendessen Eis aus dem Gefrierschrank oder durchstöbern meine Taschen nach Geld. Ich habe den Eindruck, dass sie generell keinen Respekt für ihr Umfeld zeigen.

E scheint für sie normal zu sein, den Ball durchs Wohnzimmer zu schleudern oder ohne zu fragen den Fernseher einzuschalten. Es tut mir persönlich schrecklich leid, dass zwei so liebe Buben nicht die Grenzen und das Vertrauen bekommen, nach dem sie offensichtlich verlangen.

Ihre Eltern sagen mir immer wieder, wie toll unser Sohn ist, der mit uns am Tisch sitzt, mit Messer und Gabel isst, oder um Erlaubnis fragt, ob er aufstehen darf, wenn er satt ist.

Ich muss gestehen, dass ich den Kindern kleine Anweisungen gebe – wie zum Beispiel, nicht mit den Fingern in die Salatschüssel zu greifen. Wenn sie zu uns kommen, mache ich ihnen bevor sie ins Haus kommen klar, dass es bei uns weder Schlagen noch Bestrafen gibt.

Ich habe den Eindruck, als ob ihre Eltern aufgegeben hätten ... oder vielleicht denken sie, dass das Verhalten ihrer Kinder normal ist. Die Großeltern scheinen sich nicht einmischen zu wollen, weil sie womöglich ihren Kindern nicht das Gefühl geben wollen, dass sie schlechte Eltern sind.

Ich beobachte jedoch, dass es für diese Kinder – egal was sie tun – keine Konsequenzen gibt. Deshalb machen sie auch weiter so. Auch wenn man etwas sagt, wird es ignoriert.

Haben Sie irgendwelche Vorschläge, was ich tun kann? Ich mag meine Neffen, deren Eltern und Großeltern sehr und ich finde es traurig, dass diese Kinder mir Angst vor den nächsten Familientreffen machen.

Antwort

Das ist eine schwierige Situation, an der schon viele gescheitert sind. In Ihrem Fall scheint es womöglich ein kleines Schlupfloch zu geben. Nämlich dass auch die Eltern mit dem Verhalten ihrer Kinder unzufrieden sind. Auch wenn es aus Ihrer Beschreibung etwas schwierig ist genau zu beurteilen, ob die Kinder sich zu Hause genauso verhalten. Wenn dies der Fall ist, dann ist es für Außenstehende tatsächlich eine schwer zu lösende Aufgaben. Es würde bedeuten, dass die Eltern zwar die richtige Idee, aber nicht über die Schlagkraft und Autorität verfügen, die es braucht.

Darunter leiden natürlich die Kinder und es ist daher völlig unangemessen, die Kinder für ihr Verhalten zu bestrafen.

So wie ich die Umstände verstehe, gibt es zwei Optionen, die in Kombination miteinander angewendet werden können.

Die erste ist, die beiden Kinder auf einen Besuch einzuladen und die Karten offen auf den Tisch zu legen: "Wir haben euch eingeladen, weil wir mit euch und euren Eltern ein gutes Verhältnis haben möchten. Wir haben bemerkt, dass das jetzt nicht mehr geht. Wir müssen uns oft über euer Verhalten ärgern. Nun haben wir euch in der Hoffnung eingeladen, dass wir uns besser kennenlernen und ihr seht, wie wir in unserer Familie miteinander umgehen. Deshalb möchten wir euch heute auch ein paar Regeln sagen, die bei uns gelten, und wir werden einfach sehen, wie schnell wir daraus etwas Gutes machen können."

Dieser Prozess wird wahrscheinlich zwei bis drei Besuche brauchen.

Die andere Möglichkeit wäre die Eltern zu fragen, ob sie Interesse an Unterstützung haben. Wenn die Antwort "Ja" ist, dann müssen Sie in Ihrem Ton sehr vorsichtig sein und nicht einfordern, dass die anderen tun, was Sie tun.

Vielmehr ist es von Bedeutung herauszufinden, was die anderen Eltern denken und was deren Ziele und "Standards" sind. Dann können sie mit Ihrer Unterstützung daran arbeiten, diese umzusetzen. Aber denken Sie daran, dass bei jeder Methode nur zu 20 Prozent der Inhalt oder die Leistung von Bedeutung ist – und die restlichen 80 Prozent mit den beteiligten Menschen zusammenhängen.

Wenn die Kinder in Ihrem Haus zu Gast sind, um sich an Ihre Begebenheiten zu gewöhnen, dürfen Sie nicht davon ausgehen, dass sie diese automatisch mit nach Hause in ihr eigenes Umfeld nehmen.

Es gibt nur wenige Dinge auf der Welt, die Eltern in eine Verteidigungsrolle drängen – ihre Kinder zu kritisieren ist eine davon. Es trifft sie sehr tief und zwingt sie entweder nach innen zu schauen, oder sich mit Zähnen und Klauen zu verteidigen.

Letzteres ist für das Zusammensein in einer Familie zerstörerisch, wohingegen Ersteres echtes Interesse und Unterstützung erfordert. (Jesper Juul, 11.10.2015)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben.

    <p>"Existentielle Einsamkeit" hängt nicht damit zusammen wie viele Freunde jemand hat, oder ob sich jemand von seinen (Adoptiv-) Eltern geliebt fühlt, sagt Jesper Juul</p>
  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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