Harun-al-Rashid in vollen Zügen

9. Oktober 2015, 17:27
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Die Stimmung im Lande ist manchmal mehr oder weniger verschleiert. Knapp vor und knapp nach den Wahlen ist der Schleier etwas löchrig geworden. Des Volkes Seele quillt an die Oberfläche wie Marillenmarmelade in einem ungünstig angebissenen Krapfen.

Bumsti hat einiges für das Offenherzige und Nächstenliebende im Land getan: Was man über Politik nicht zu sagen wagte, wird nun ungefragt in Discolautstärke hinausposaunt. Je weiter er voranschreitet, desto Dezibel. Am Sonntag wird die Wahl geschlagen sein, und ich hoffe, dass Wien dann noch mein Wien ist: mental offener als ein Bierzelt, das mögliche Miteinander nicht vollständig vergiftet. Ich lebe gern hier, und das soll auch so bleiben.

Wer einmal Exil kennenlernte, der hofft darauf, niemals ein zweites erleben zu müssen. Die Exilerfahrung macht angespannt und grüblerisch. Man geht aufmerksamer durch diese Stadt in den letzten Wahlkampfzügen. Ein kleines Bad in der Menge, garniert mit offenen Ohren. Die Ergebnisse sind sozusagen ganz persönliche Meinungsumfragen mit kleiner Zielgruppe, mit Zufallsrotation und der Schwankungsbreite eines großen, kotzenden Hundes.

Manche Dinge, die man zu hören bekommt, sind hoffnungsstärkend. Andere weniger. In der Bim wird heftig debattiert: Offensichtlich waren die lautintensiven Damen bei einer Wahlkampfveranstaltung. Bei welcher, kommt nicht klar raus, was klar raus kommt, ist die Empörung. "Und dann umarmt die Politikerin eine Kopftüchlfrau! Na, der hab ich den Marsch geblasen!" "Recht so." "Und dann sagt sie doch: Aber die ist Ärztin."

Man denkt darüber nach, dass diese Erklärung – sollte sie so gelautet haben – vielleicht nicht die beste Entkräftung von Rassismus darstellt. Man hat Zeit für diverse Gedankengänge, denn zwischen den Damen entsteht nach der Berufserwähnung eine Pause. Die unerwartete Information wird verarbeitet, man hört förmlich, wie sich das Räderwerk langsam dreht. Eine selbstständige, erfolgreiche Muslima muss erst ins Weltbild eingebaut werden. Schließlich erstarkt die Stimme des Volkes erneut. "Und studiert hat sie auf MEINE Kosten! Frechheit." (Julya Rabinowich, 10.10.2015)

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