Von Deppen, Stimmvieh und Bobo-Hipstern

Kommentar der anderen9. Oktober 2015, 17:17
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Es wäre besser, FP-Themen zu begreifen, statt jedes Mal "Groundhog Day" zu feiern

Wenn ich den linksliberalen, gutmenschlichen Bobo-Hipster-Teil von Facebook, dem ich angehöre, dieser Tage so durchscrolle, sticht mir eines schmerzhaft ins Auge: Seit 1986 werden die FPÖler von uns (mich eingeschlossen) ohne Unterlass als Trottel, Deppen, Idioten, die nicht Deutsch können, die nichts von Politik verstehen, als Loser ("Modernisierungs-verlierer") etc. beschimpft. Die FP-Politiker sind Deppen, die andere Deppen verhetzen. Die FP-Wähler Deppen, die sich von anderen Deppen verhetzen lassen.

Das war vor Facebook und Twitter nicht anders als heute. Und der Erfolg, heute wie damals? Genau: null Komma Josef!

Wenn die Grünen – und ich bin faktisch Stammwähler dieses Vereins – so verdammt gebildet und clever und aufgeschlossen sind, wieso bringen sie dann von Wahl zu Wahl richtig geile Zuwächse von 0,1 bis 0,5 Prozentpunkten zustande? (Bestenfalls.) Während die Blauen jeweils um satte fünf bis zehn Prozentpunkte zulegen. (Wenn sie nicht gerade Suizidversuche unternehmen wie in der Schüssel-Ära.)

Und die Roten? Die haben völlig verlernt, mit ihrer einstigen Stammklientel (Arbeiter) zu kommunizieren. Aber Haider, der konnte das. Und Strache, der kann das. Und darum ist die FPÖ heute die Arbeiterpartei und Jugendpartei und die SPÖ die Pensionistenpartei. Und so kommt es, dass die Arbeiter heute als "Modernisierungsverlierer" beschimpft werden, während sie früher "klassenbewusste Proletarier" waren.

Oberlehrerhaft

Vielleicht sollte man zur Abwechslung einmal damit anfangen, die FPÖ und ihre Wähler und die von ihnen lancierten Themen ernst zu nehmen, statt sie in oberlehrerhafter Manier zu belehren und – weil das nach aller Erfahrung nichts nützt – anschließend zu beschimpfen. Vielleicht sollte man mal versuchen, die FPÖ und ihre Wähler zu verstehen. Nicht im Sinne von zustimmen. Natürlich nicht. Aber im Sinne von begreifen. Vielleicht sollte man sich zur Abwechslung einmal auf Augenhöhe und nicht von oben herab mit den klassischen FPÖ-Themen auseinandersetzen. Vielleicht einmal, beispielsweise, der derzeitigen Flüchtlingskrise neben Idealismus auch mit Realismus begegnen.

Tja, am 11. Oktober ist mal wieder "Groundhog Day". Das arme linksliberale Wählervieh soll wieder einmal sein Kreuzerl bei Rot oder Grün machen – damit bloß keine Katastrophe passiert! Strache wird auf ein Drittel kommen (mehr als Haider je hatte). Und wir werden geschockt sein und uns dann irgendwie fassen, die FPÖler weiterbeschimpfen und uns spätestens ab Montagvormittag auf Facebook gegenseitig vorrechnen, dass das alles halb so schlimm ist: Denn zwei Drittel haben ja nicht für Strache gestimmt.

In diesem Sinne: Schönen Sonntagabend! (Kurt Bauer, 09.10.2015)

Kurt Bauer (Jahrgang 1961) ist Historiker und Buchautor.

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