Moskau-Biennale: Revolutionäre Utopie, proletarische Wirklichkeit

10. Oktober 2015, 18:24
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Die sechste Moskau-Biennale gibt sich, auch in den Begleitausstellungen, politisch. So beschäftigten sich etwa Künstler für die Ausstellung "Prinzip Hoffnung" mit Russlands Industriestädten. Realisiert wurde diese Schau vom Österreichischen Kulturforum

Nicht, dass alle Haupt- und Nebenschauplätze der sechsten Moskau-Biennale leicht zu finden wären. Aber Suchen lohnt sich, man darf nur die Hoffnung beim Entschlüsseln kyrillischer Straßennamen nicht aufgeben.

Vielleicht heißt ja auch deshalb das gemeinsam mit dem Österreichischen Kulturforum Moskau (AKFMO) realisierte Biennale-Spezialprojekt Nadezhda – Prinzip Hoffnung. Für diese gleichermaßen hochpolitische wie poetische Ausstellung über sibirische Industriestädte hat AKFMO-Leiter Simon Mraz passenderweise die ehemalige Trechgornaja Manufaktura im Gebäude 24 im dritten Hof in der Ulitsa Rotshdelskaja aufgetan. Hinterm Schlagbaum. Der heißt übrigens auch auf Russisch so, immerhin.

Während eines Besuchs in der weltweit größten Stahlstadt Magnetogorsk sei ihm die Idee zu diesem Kunstprojekt gekommen, erzählt Mraz. Die im Südural gelegene "Stadt am magnetischen Berg" wurde in den 1930er-Jahren auf Geheiß Stalins vom deutschen Architekten und Städteplaner Ernst May entworfen. Zauberwort seines kühnen städtebaulichen Konzepts war Effizienz, dafür war auch die österreichische Architekturpionierin Grete Schütte-Lihotzky berühmt, die hier einen Kindergarten errichtete. "Ich dachte, es wäre interessant, Künstlerinnen und Künstler mit solchen Orten zu konfrontieren."

Eleganz der Maschinen

Solche Orte: Das sind in der Weite karger Landschaften errichtete Industrieansiedlungen wie etwa die Textilstadt Iwanowo. Oder Nischni Nowgorod, Geburtsstadt des Dichters Maxim Gorki und später Verbannungsort des Physikers Andrei Sacharow. Ischewsk, deren Kalaschnikow-Fabrik mit dem 50 Meter hohen Turm zu den beeindruckendsten Industriebauten Russlands zählt. Oder Wotkinsk, wo 1759 das erste Hammerwerk entstand und 1840 der Komponist Peter Iljitsch Tschaikowski geboren wurde. Mraz wählte zehn russische Künstlerinnen und Künstler, Kunsthalle-Chef und Biennale-Co-Kurator Nicolaus Schafhausen neben fünf österreichischen auch vier deutsche, einen dänischen und einen niederländischen Künstler, die eine Woche in einer dieser entlegenen Städte ihrer Wahl verbringen sollten. Ihre Kunst gewordenen Eindrücke, Assoziationen zu Produktionsbedingungen und Lebensgrundlagen, ihre Materialanalysen, Videoinstallationen, Malereien, Zeichnungen, Fotografien, Objekte, Web- und Stoffdruckereien sind schlicht großartig.

Frei von Betroffenheitskitsch dokumentieren sie die Kluft zwischen revolutionärer Utopie und proletarischer Wirklichkeit; die Hoffnung in der Trostlosigkeit; die Schönheit im Detail; die Eleganz der Maschinen.

Die Moskauer Ausstellungsarchitektur ließ Mraz, der sich als Wunderknabe in Sachen Sponsorenakquise erwies, einer typischen russischen Industriestadt nachempfinden, mit einer monumentalen Skulptur (von Ira Korina) auf einem monumentalen Platz; mit Kontrollzonen, Drehkreuzen; Wohnkomplexen; Produktionsstätten; Durchgangsstraßen. Zeitgeschichte im Kontext zeitgenössischer Kunst. Die Kunsthalle Wien wird diese Schau im kommenden Jahr übernehmen.

Politische Manifeste

"How to gather?" ist in der Stadt der ewigen Verkehrsstaus und übersetzungsfehlerbedingten Irrläuferinnen und -läufer eine überaus treffliche Frage für eine Biennale. Künstler und Intellektuelle waren eingeladen, um zu aktionieren, Kunst zu machen und zu diskutieren (siehe "Wir haben eine Europäische Disunion") und dadurch ein historisch belastetes Gebäude künstlerisch zu säubern, zu entstalinisieren und als zeitgenössische Kunst- und Denkwerkstätte neu definieren. Nach zehn Tagen sollte Schluss sein, doch ein angesagtes Ende muss nicht das Aus bedeuten. Weshalb die Relikte dieser kürzesten (und diskursivsten) Biennale bis Ende Oktober im Pavillon eins auf dem Ausstellungs- und Jahrmarktareal WDNCh ausgestellt bleiben, darunter in Rohöl gemalte Besucherporträts, ein überlebensgroßer Lehm-Totenschädel, die Verwandlung von "Ismen" in "Eastmen" – von Terror-East bis zum Extrem-East und Fetish-East.

Weibels Weltsicht

Joseph Backstein, künstlerischer Direktor der Moskau-Biennale, höchstpersönlich kuratierte die Retrospektive des ehemaligen Biennale-Kurators Peter Weibel im Museum of Modern Art, das sich in der Jemolajewskij versteckt. Über vier Stockwerke breitet sich das vielfältige Werk des österreichischen Medienpioniers aus: Fotos, experimentelle Poesie, Manifestationen, Videoinstallationen, Objekte und Aktionsrelikte, Hör- und Schaustücke seiner musikalischen Vergangenheit. Die Ausstellung beweist, dass Weibels OEuvre, die gleichermaßen heitere wie visionäre, jedenfalls immer politische Welt- und Kunstsicht an Aktualität nichts eingebüßt hat. (Andrea Schurian aus Moskau, 10.10.2015)

  • Die Moskauer Künstlerin Elena Tschernyschowa  fotografierte die nördlichste Großstadt der Welt: Norilsk liegt 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Die Umweltverschmutzung ist wegen der Nickelproduktion extrem hoch.
    foto: e. tschernyschowa

    Die Moskauer Künstlerin Elena Tschernyschowa fotografierte die nördlichste Großstadt der Welt: Norilsk liegt 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Die Umweltverschmutzung ist wegen der Nickelproduktion extrem hoch.

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