Internet-Fakes gegen Flüchtlinge

10. Oktober 2015, 09:00
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Im Netz kursieren gefälschte Behauptungen, die sich gegen Flüchtlinge und ihre Helfer richten. Dagegen kämpfen professionelle Fake-Hunter

Wien – Wussten Sie ...

... dass ein krebskranker Bub im Wiener Wilhelminenspital nicht zu seiner Therapie durfte, weil 500 Flüchtlinge zur Erstversorgung ankamen?

... dass die freiwilligen Flüchtlingshelfer am Westbahnhof bezahlt wurden?

... dass von den Lottogewinnen 20 Prozent für die Flüchtlinge abgezogen werden?

... dass in einem Salzburger Flüchtlingscamp die Lepra ausgebrochen ist?

... dass die USA die Flüchtlingsströme bewusst als "Migrationswaffe" geschaffen haben, um Europa zu destabilisieren?

... dass der bekannte Künstler André Heller in einer Rede die Flüchtlinge als "Invasoren" bezeichnet hat, die das "Ende Europas" bedeuten?

Kann sein, dass Sie das wussten. Weil es nämlich massiv im Internet kursiert. Es ist nur leider alles nicht wahr.

Desinformationskampagne

Es ist Vorwahlzeit, und daher wird das Netz mit Fakes überflutet, die sich gegen Flüchtlinge und ihre Helfer, Sympathisanten usw. richten. Es sind zahlreiche einschlägige Portale, vor allem aber zahllose Facebook-Einträge und auch Twitter-Accounts, über die diese Desinformationskampagne läuft.

Einige von den Meldungen sind glatt erfunden, andere haben einen – bösartig verdrehten – Wahrheitsanteil oder sind schlicht Verschwörungstheorien. Die Geschichte mit dem Wilhelminenspital zum Beispiel. Den Patienten gibt es zwar, er ist aber kein Bub, sondern ein Erwachsener, und er sagt, er habe keinerlei Schwierigkeiten mit seiner Therapie gehabt, schon gar nicht wegen der Flüchtlinge. Die Story käme nicht von ihm. Wieso steht das dann aber auf der FPÖ-nahen Website unzensuriert.at?

Dass André Heller eine solche Rede gehalten hat, kann niemand glauben, der etwas über ihn weiß und bei klarem Verstand ist. Aber da gibt es einen Eintrag auf der Website hartgeld.com, wo jemand "eine sehr gute Bekannte" zitiert, die "in einem Wiener Palais" ebendiese Rede von Heller gehört haben will. Hartgeld.com ist laut Eigendarstellung "inzwischen zur meistgelesenen deutschsprachigen Website für Gold, Silber, Krisenvorsorge aufgestiegen und wird von Walter K. Eichelburg geleitet". Die Inhalte, hauptsächlich Leserzuschriften, pendeln zwischen Unterstützung für Pegida und dem Rat, sich (wegen der Flüchtlinge) mit Schusswaffen einzudecken.

Fake-Check durch Website

Es gibt allerdings auch eine engagierte Website namens mimikama.at, die es sich unter der Leitung von Thomas Wannenmacher zur Aufgabe gemacht hat, Internetmissbrauch aufzuklären (auf Facebook unter www.facebook.com/ zddk.eu). André Heller hat sich an diese Recherchegruppe gewandt, um die Verleumdung durch hartgeld.com publik zu machen. Die als Verein organisierte Initiative, die seit fünf Jahren existiert, leistet Hilfestellung bei "normalem" Internetmissbrauch, mehr und mehr aber bei politisch motivierten Fakes. So klärten sie auf, dass am Westbahnhof zwar tatsächlich Unterstützungspersonal bezahlt wird (von einer Firma easystaff), das aber – wie auch zu Weihnachten und Ostern bei erhöhtem Reiseverkehr – von der ÖBB engagiert wurde, um die normalen ÖBB- Mitarbeiter zu unterstützen. Mit Flüchtlingshilfe im engeren Sinn hat das nichts zu tun. Auch dieses Fake wurde von unzensuriert.at kolportiert.

Auf Facebook hingegen machte intensiv ein gefakter Lottoschein die Runde, mit dem Aufdruck: "20 % Gewinnbeteiligung für Flüchtlinge". Mimikama.at deckte diese einfallsreiche Niedertracht auf. "Mimikama" heißt übrigens auf Suaheli "gefällt mir", erklärt Thomas Wannenmacher. Mimikama.at verfolgte auch die Genesis einer Geschichte über einen Leprafall in einem Zeltlager in Salzburg, der es bis in die Krone schaffte. Die allerdings korrekt die ärztliche Auskunft wiedergab, dass "die Krankheit aber nicht ausgebrochen ist, er ist nicht ansteckend". Von dort wurde die Meldung aber von einer Website namens hallemax.de übernommen, mit grässlichen Fotos von Leprakranken, und der Eindruck erweckt, es handle sich bereits um eine Seuche.

Supermärkte angeblich von Flüchtlingen gestürmt

Die Facebook-Seite von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ist geradezu ein Fundbüro für Falschmeldungen mit deutlichem Antiflüchtlingsbias: Vor kurzem meldete Strache als "Fundstück" die Beobachtung "eines Bürgers", Flüchtlinge hätten Hofer- und Billa-Filialen in Wien-Nussdorf gestürmt, die Wega hätte eingesetzt werden müssen. Beide Handelsketten dementierten, das Posting wurde gelöscht. Aber schon gab es Postings anderer Bürger, die gehört haben wollten, dass es in Tirol, in Kittsee, Krumpendorf und Wiener Neustadt ebenso Überfälle auf Supermärkte gegeben habe. "Die Medien" hätten nicht berichtet.

Die Fakes sind in der Welt und werden geglaubt, auch nach Dementi und Aufklärung. Ob es nun glatt Erfundenes ist wie die Hofer-Billa-Geschichte oder die vom Wilhelminenspital oder solches mit einem (falsch interpretierten) Realitätskern wie dem easystaff-Personal am Westbahnhof oder Weltverschwörungstheorien wie "Migration als Waffe": Es geht um Desinformation und Erzeugen von Unsicherheit in der sehr großen Internetcommunity. (Hans Rauscher, 10.10.2015)

  • Auf Facebook kursiert ein gefakter Lottoschein mit dem Aufdruck "20 % Gewinnbeteiligung für Flüchtlinge".

    Auf Facebook kursiert ein gefakter Lottoschein mit dem Aufdruck "20 % Gewinnbeteiligung für Flüchtlinge".

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