Yanis Varoufakis: "Wir haben eine Europäische Disunion"

Interview10. Oktober 2015, 16:36
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Er ist zwar nicht mehr Griechenlands Finanzminister, doch ein beschauliches Akademikerleben führt Yanis Varoufakis dennoch nicht. Der Politökonom hält weltweit Vorträge. Dieses Gespräch über Kunst, Markt, Geld, Syrien und die linken Eltern fand vor seinem Auftritt bei der sechsten Moskau-Biennale statt

Vielleicht sei es ja ein Fehler gewesen, ihn einzuladen, sagt Yanis Varoufakis ein wenig kokett. "Denn üblicherweise erachten Politiker und Ökonomen Kunst ja nicht als etwas Essenzielles, sondern in erster Linie als Ware." Aber, klar, er ist anders. Griechenlands charismatischer Ex-Kurzzeit-Finanzminister kennt sich aus in der Welt der Kunst; gemeinsam mit seiner Frau, der griechischen Künstlerin Danae Stratou, hat er die Kunstplattform Vital Space gegründet.

Sein Vortrag ist Höhepunkt und Abschluss der sechsten Moskauer Biennale, die von den Kuratoren Defne Ayas (Witte de With Center for Contemporary Art, Rotterdam), Bart De Baere (Museum moderner Kunst, Antwerpen) und Nicolaus Schafhausen (Kunsthalle Wien) als zehntägiges interaktives Festival zur (kultur-)politischen Gegenwarts- und Zukunftsanalyse angelegt wurde. Der Hörsaal am Biennale-Austragungsort, in einem Stalintempel auf dem Areal der Ausstellung der Errungenschaft der Volkswirtschaft (WDNCh), ist brechend voll. Vorwiegend junge Moskowiter wollen wissen, wie der provokante Popstar unter den Politökonomen die Welt der Kunst, des Geldes und der Politik sieht.

STANDARD: Glauben Sie daran, dass Kunst die Welt verändern kann? Oder braucht es dazu doch eher die Politik?

Varoufakis: Alles ist politisch, und nichts ist politischer als die Absicht, nicht politisch zu sein. Ich unterscheide nicht zwischen Kunst und Politik, ich möchte diese künstlichen Grenzen niederreißen. In meiner akademischen Karriere habe ich immer argumentiert, dass jeder, der Ökonomie zu entpolitisieren versucht, ein Idiot ist – und gefährlich obendrein. Kunst ist Politik. Politik ist Kunst. Eine Trennlinie zu ziehen würde die Möglichkeiten menschlicher Erfahrungen verringern.

STANDARD: Apropos Trennlinien: Wo verläuft – in der Politik wie in der Kunst – die Grenze zwischen populär und populistisch?

Varoufakis: Der Populist verspricht allen alles. Das heißt also: Er lügt. Populistische Kunst macht genau das Gleiche, sie versucht, jeden zu beeindrucken. Aber in Wahrheit berührt sie niemanden wirklich tief. Populär ist etwas ganz anderes. In guten Zeiten der Geschichte waren wertvolle Dinge populär. Erst in Epochen des Verfalls und der Auflösung wurden wichtige Werte an den Markt gebunden.

STANDARD: In Ihrem jüngsten Buch "Time for Change" (Hanser-Verlag, Anm.) zitieren Sie Oscar Wilde, der einen zynischen Menschen als jemanden definiert, der alles über Preise, aber nichts über Werte weiß. Trifft in speziellem Ausmaß auf die Kunst zu?

Varoufakis: Mit dem Aufkommen der Marktgesellschaft triumphiert der Preis über den Wert. Ich erinnere an die Rüstung von Achilles, niemand wäre auf die Idee gekommen, eine Auktion zu veranstalten und sie dem Meistbietenden zu geben. Sondern es bekam sie derjenige, der sich als würdig erwies. Die Entscheidung fiel also über den Wert, nicht über den Preis. Seit Arbeit zur Handelsware wurde, wird alles vermarktet, sogar die weiblichen Eizellen sind Handelsgut geworden. Dieser Triumph des Marktes macht vor der Kunst nicht halt, der Preis hat den Wert ersetzt. Aber das bedeutet nicht, dass diese Werte verschwunden sind, es wird nur schwerer, sie zu entdecken.

STANDARD: Wie beurteilen Sie die jüngsten Entwicklungen Griechenlands und der EU?

Varoufakis: Griechenland hat sich aufgegeben, wir werden in den nächsten Jahren mit wachsender Depression zu kämpfen haben. Es ist ein verfehltes Programm, das in Zukunft noch mehr zum Scheitern verurteilt ist. Doch die Frage ist eher: Was passiert mit dem Rest Europas? Griechenland ist ja symptomatisch für die Eurokrise, es ist der schwächste Teil Europas, das größte Leid passiert in Griechenland. Aber es ist wie ein Vergrößerungsglas für all die Probleme, die auch in Deutschland, in Österreich oder Frankreich herrschen. Ganz klar ist: Wenn man den Euro nicht stabilisiert, wird die Krise noch größer.

STANDARD: Sind Sie eigentlich glücklich, nicht mehr Finanzminister zu sein?

Varoufakis: Jeder, der glücklich ist, Minister zu sein, sollte disqualifiziert werden. Es ist ein durch eine Wahl besetztes Amt, eine Aufgabe. Ich bin also auch nicht traurig, nicht mehr Minister zu sein.

STANDARD: Diese Biennale will den Begriff Eurasien diskutieren. Bei einem der Panels wurde die Europäische Union als Vorbild genannt.

Varoufakis: Die EU wäre eine großartige Idee – wenn wir sie hätten. Tun wir aber nicht, wir haben eine monetäre Union. Bürokraten spielen in einem grenzfreien Europa eine Nation gegen die andere aus. Was wir haben, ist eine Europäische Disunion. Es wäre notwendig, endlich eine Europäische Union zu schaffen, die diesen Namen verdient. In ihrem derzeitigen Zustand kann sie jedenfalls kein Rolemodel sein.

STANDARD: Welchen Beitrag kann Kultur zu einem Vereinten Europa in Ihrem Sinne beitragen?

Varoufakis: Alles natürlich! Denn was ist Europa? Eine kulturelle Idee! Was bringt uns zusammen? Dass wir kulturelle Erfahrungen teilen. Für mich ist Beethoven kein Deutscher. War Sokrates Grieche? Nein. War Mozart Österreicher? Nein. Alles, was sie geschaffen, gedacht haben, ist um so viel größer!

STANDARD: Und Eurasien? Es ist geografische Realität. Aber was brauchte es, um nicht kulturelle, politische Utopie zu bleiben?

Varoufakis: Mein Denken hört nicht an Landes- oder EU-Außengrenzen auf, daher bin ich auch nicht so begeistert von der Idee Eurasien. Warum sollte Afrika ausgeschlossen sein? Nur weil die Landmassen, die Kontinente durch das Meer geteilt sind? Ich bin überzeugter Internationalist. Wenn wir wirklich global denken, müssen wir über Eurasien hinausgehen. Stattdessen errichtet man eine Festung Europa und will die Außengrenzen dichtmachen. Aber ich kann und mag nicht dran glauben, dass wir in einer Welt leben, wo die Mehrheit der Menschen meint, man brauche höhere Grenzzäune und stärkeren Grenzschutz.

STANDARD: Sie sagten einmal, es sei immer zielführend, fremd im eigenen Land zu sein.

Varoufakis: Das stimmt, das ist meine tiefste Überzeugung. Es ist die beste Möglichkeit, um gegenüber dem eigenen Land kritikfähig zu bleiben. Deshalb heißt meine Tochter übrigens auch Xenia: Polyxenia bedeutet Höflichkeit gegenüber Fremden, ihr Name ist also Manifestation meiner Überzeugung.

STANDARD: Wir treffen einander in Moskau in einem kritischen Moment, Putin bombardiert Syrien ...

Varoufakis: ... Schauen Sie, ich habe in Großbritannien gelebt, als es die Falklands bombardierte. Ich lebte in den USA, als die Amerikaner ... alle bombardiert haben. Es ist also kein Kriterium, dort oder nicht dort zu sein, wo gerade gebombt wird.

STANDARD: Aber wie beurteilen Sie die Bombardements als Politiker?

Varoufakis: Ich kenne die spezifischen Details nicht, ich bin kein Militärexperte, habe keine Geheimdienstinformationen und weiß nicht, auf wen die Bomben tatsächlich abgeworfen wurden. Generell denke ich, dass Bombardierungen nie funktionieren. Die Frage ist: Kann der IS durch Luftangriffe gestoppt werden? Ich fürchte, nein. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass im Falle Syriens eine Lösung ausschließlich durch eine Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Westen erzielt werden kann. Und in diese Kooperation müssen auch Teile des syrischen Regimes eingebunden werden. Denn indem man Assad stürzt, würde man auch in Kauf nehmen, dass seine Anhänger, eine alevitische Minderheit, aus dem Land geworfen oder ermordet werden. Man darf doch nicht die Fehler wie in Libyen oder im Irak wiederholen, wo der Westen mit seinen Waffen einmarschierte. Das Ergebnis ist, wie wir ja sehen, ein katastrophales Desaster.

STANDARD: Ich habe gehört, Sie kamen 1976 erstmals nach Moskau?

Varoufakis: Ja, meine Familie machte Urlaub hier. Meine Eltern waren sehr links, die Sowjetunion hatte einen wichtigen Platz in unserer Gesinnung. Aber sie waren dann ziemlich enttäuscht von der düsteren Wirklichkeit und witzelten oft: Wenn du einen Kommunisten in einen Antikommunisten verwandeln willst, schick ihn in die Sowjetunion. (Andrea Schurian, 10.10.2015)

Yanis Varoufakis (54) lehrte unter anderen an den Universitäten Essex, Cambridge, Glasgow, Sydney, Austin (Texas) und Athen. Vom 27. 1. bis zum 6. 7. 2015 war er Finanzminister im Kabinett von Alexis Tsipras. Der Wirtschaftswissenschafter ist mit der Künstlerin Danae Stratou verheiratet.

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  • Immer noch im Scheinwerferlicht: Yanis Varoufakis. Griechenlands Kurzzeitfinanzminister (Jänner bis Juli 2015) ist ein vielgefragter Gastredner.
    foto: reuters / neil hall

    Immer noch im Scheinwerferlicht: Yanis Varoufakis. Griechenlands Kurzzeitfinanzminister (Jänner bis Juli 2015) ist ein vielgefragter Gastredner.

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