"Das bessere Leben": Kein Thriller, niemals

10. Oktober 2015, 13:08
1 Posting

Was tue ich, wer bin ich, wer zwingt mich? "Das bessere Leben", Ulrich Peltzers formal avancierter Roman über die mentale Verfassung einer globalisierten Gegenwart zwischen Finanzkapital und Sehnsucht nach Herkunft

Von Ulrich Peltzers neuem Roman enttäuscht zu sein wäre eine Dummheit. Nicht nur weil man von ihm viel lernen kann über die mentale Verfassung einer globalisierten Gegenwart zwischen Finanzkapital und Sehnsucht nach Herkunft; nicht nur weil man die Geschichte Nachkriegsdeutschlands mit ihren sinnlichen Einschlägen in individuelle Lebensgeschichten lesen kann.

Man kann von Peltzer deshalb nicht enttäuscht sein, weil er seine eigene Variante eines dezidiert modernen, natürlich längst schon kanonisierten Schreibens in Bewusstseinsströmen seit genau zwanzig Jahren, seit seinem Roman Stefan Martínez, auf hohem Niveau zur persönlichen Wiedererkennbarkeit entwickelt hat.

You get what you know. In verbesserter Ausführung. Man kann es kennen wie das Blau von Yves Klein und die Wischtechnik von Gerhard Richter. Man mag es, oder man mag es nicht, aber es ist auf eine erkennbar besondere und elaborierte Weise in der Welt. Und dann noch etwas, das Wichtigste vielleicht: In Peltzers fünftem Roman hat diese asynchrone assoziative Technik solch grandiose Kapitel gedanklicher Raserei und emotionaler Übersprunghandlungen hervorgebracht, dass man, selbst wenn einem das Ganze zu umständlich, verzweigt und verrätselt vorkommen sollte, seine literarische Freude an den einzelnen Sequenzen haben muss.

Theorie und Revolte

Peltzer ist neben, sagen wir: Goetz, Rothmann, Hettche und Schulze einer der wichtigsten deutschen Erzähler der mittleren Generation. Mitte der Fünfziger geboren, knapp zu spät für die euphorisierte Praxis der Revolte, gerade richtig für den tristen Ausklang des K-Gruppen-Desasters und die Euphorie der Theorie in der darauf folgenden Dekade, die uns gerade Philipp Felsch in seinem Langen Sommer der Theorie vor Augen geführt hat. In jeden seiner Romane hat Peltzer trotzdem ein praktisches, also die Theorie in der Praxis aufhebendes politisches Kernstück, eine Art Ursprungshandlung eingebaut.

Sie hat meist in den Siebziger- oder Achtzigerjahren ihren Ort und ist von Gewalt geprägt, von kollektiver Gewalt auf der Straße: so der Zusammenstoß von Demonstranten und Guardia Civil in Barcelona in Alle oder keiner, den Terror der italienischen Brigate Rosse und deren späte Verfolgung durch den Staat in Teil der Lösung, und selbst in der Erzählung, die anscheinend darauf nicht angewiesen sein wollte, Bryant Park von 2002 nämlich, brechen die New Yorker Twin Towers brutal herein und heben die literarische Form auf.

In Das bessere Leben ist es zunächst der 4. Mai 1970, als die amerikanische Nationalgarde auf Studenten schießt, die gegen den Einmarsch der USA in Kambodscha demonstrieren. Die damals neunzehnjährige Allison wird getötet und sucht den schlaflosen global agierenden Finanz- und Versicherungsdienstleister Sylvester Lee Fleming vierundvierzig Jahre später in seinem Gewälze in einem Hotelbett in São Paulo heim.

Dreißig Seiten Albtraumgewitter in der Luxussuite "Renascimento", im Kopf des global-ökonomischen Alphatiers, das ist ein spektakulärer Romanauftakt. Von hier in die Niederungen des intriganten Businesslebens zu finden, schafft Peltzer mit den hochaufgeladenen Bewusstseinsfrequenzen seines gesamten Personals.

Universum maximaler Anspannung

Es gibt nämlich keine milderen Umstände, schon gar keine Ruhe in diesem Universum der maximalen Anspannung, der permanenten Überanstrengung: einerseits für die Sache, um die es praktisch geht, Handelsgeschäfte zum Beispiel; andererseits für die Beantwortung der Frage, die alle geschäftliche Rationalität begleitet: Was tue ich hier, wer bin ich, war ich, wer zwingt mich, welcher Chronologie, welcher Logik, welchen undurchschaubar Zwecken, welcher egozentrischen Einbildung bin ich unterworfen?

Es gibt keine Ruhezonen in der instabilen Welt der globalen Akteure und der Peltzer'schen Psychen, selbst die buddhistisch meditierende Exfrau Jochen Brockmanns, des eigentlichen Helden des Romans, tobt in ihrer Sinnsuche wie wild herum, nicht anders als die vernünftigen Großdealer, die paradoxe Techniken entwickeln, um auf den Sinn der Geschichte und der eigenen Entwicklung verzichten zu können.

Jochen Brockmann, Sales-Manager einer weltmarktbeherrschenden Turiner Firma für Beschichtungsmaschinen, begegnet uns zu Beginn des Romans in Lugano, wo er eine große Summe Schwarzgeld von einem Konto abhebt. Ein äußerst privatistischer Akt, denn Geld zu haben, erst recht in der Hand zu halten ist in der semiöffentlichen Welt des Romans eher unschön.

Geld spielt vor allem die Rolle der Antriebskraft und des Ermöglichers. Der bewegte Beweger. Es wirkt unentwegt, indem es zu Flügen, Meetings, Dinners und Whiskygelagen und gelegentlich zu kollateralen Todesfällen und zu nächtlichem Gewälze in Luxussuiten führt. Geld ist eine Zeichnung des CEO auf einem Blatt Papier, wenn er an Starverkäufer Brockmann vorbei den Vertrieb skizziert, nichts was man hat und weitergibt, worauf man baut.

Doch Brockmann hat eine Tochter, Elisabeth, sie studiert Kunstgeschichte in Mailand, für ihre Zukunft ist das Geld gedacht. Und Brockmann reist im Roman sogar zum 85. Geburtstag seiner Eltern nach Krefeld und denkt mit seinen Geschwistern über ein Pflegeheim für sie nach. Er hat also eine Herkunft: Um sie zu verlieren möglicherweise, wir wissen es nicht genau, denn der Roman verdampft klassische Herkünfte in der erfolgsorientierten Gegenwart.

Verwirbelung darstellen

Wenn die Vergangenheit insistiert, tut sie es in aller Regel in Splittern und Fetzen und kurzen Sequenzen, oft albtraumhaft, manchmal melancholisch. Man kann auch sagen, der Roman siedelt sich genau an jener Stelle an, wo die Wirkung der Herkunft sich auflöst und alle Genealogien und Entscheidungsketten unsicher werden. Wer oder was ist entscheidend für den Zustand, in dem ich mich befinde?

Die ästhetische Absicht des Romans ist die Darstellung ebenjener Verwirbelung der Genealogien und/oder sinnvollen Bezugssysteme in den Bewusstseinsströmen von einem halben Dutzend Figuren. Das Schöne dabei ist, und zwar im starken Sinn des Wortes, dass an die Stelle von Folgerichtigkeit flüchtige Begegnung und Koinzidenz getreten sind.

Es geschehen viele Dinge gleichzeitig oder in Folgen, die extrem unwahrscheinlich sind. Hier setzen dann traditionell magisches Denken oder theoretische Mathematik an. Tatsächlich sind beide repräsentiert im Roman: Bewusstseinsausflüge in vorhistorische Weltbilder oder auch die Wiederbegegnung Brockmanns mit seinem Schulfreund, einem inzwischen weltweit renommierten theoretischen Mathematiker.

Das Denken von moderner Individualität unterscheidet sich dabei nicht wesentlich von der Logik globaler Geschäftspraktiken. Peltzer hält sich nicht mit dem Bedauern dieser Diagnose auf, anders als in seinen früheren, erkennbar kritischen Büchern. Das bessere Leben bildet die schwer zu greifende Synchronisation der Dinge im scheinbaren Zufall so ab, dass die Suggestion eines Zusammenhangs entsteht.

Da wir den Zufall nicht denken können, flüchten wir nach vorn und bauen vergängliche Sinnmaschinen: Sinn als Ergebnis böser Intrigen dunkler Strippenzieher (Peltzers Vorbild DeLillo), als gelenkter Zufall, als Effekt permanenter Kriegsführung (gerne zitiert: der Ethnologe Pierre Clastres), als Eigenlogik der kapitalistischen Infrastruktur (William Gaddis), der Zwischenwelt der Medien, als Ergebnis superschlauer Langzeitberechnung (durch den diabolischen Sylvester Lee Fleming) usw.

Sinn und Kunst

Und, die beiläufige Begründung des Romans selbst: flüchtiger Sinn als Verfahren und Ergebnis der Kunst! Sie ist das konkurrierende globale System, das den Zufall bearbeitet. So besucht Brockmann mit seiner Tochter Elisabeth die Ausstellung der afroamerikanischen Künstlerin Renée Green in Mailand, die in Installationen, Prints und Videos eine Art filmisches Bewusstseinsströmen produziert.

Darin eingebettet die Szenen von Kent State, Ohio, 1970, die Brockmanns fernen Widerpart Fleming zu Beginn des Romans heimsuchten. Hierin spiegelt sich das Verfahren Peltzers noch einmal. Im Übrigen hat Betty Brockmann über das Thema "Bildsprache feudaler Herrschaft an oberitalienischen Höfen" promoviert. Was Peltzer vorschwebt mit seinem "besseren Leben" ist analog dazu eine Bildsprache neofeudaler Kapitalherrschaft im globalisierten Geschäftswesen.

Und hierin stecken, bei allem Respekt für dieses zeitgemäße Unternehmen, einige nicht gemeisterte Tücken. Die größte: Das Bewusstsein der Akteure kann nicht dauerhaft und in jedem Fall seine gesamte assoziative Aufladung ausspielen, schon gar nicht wenn es in geschäftlichen Konkurrenzsituationen den Gegner überlisten will.

Es muss sich gelegentlich, wie in der Spieltheorie, rational kalkulierend verhalten, Ziele klar definieren und Schritte berechnen wie beim Schachspiel. Peltzer interessiert diese Dimension des Rational-Geschäftlichen nicht in seiner konkreten Gestalt, was zur Folge hat, dass der Leser sehr lange nicht weiß, worum es Brockmann und Sylvester und ihren Kumpanen eigentlich geht.

Asketismus der Moderne

Selbst als es zwischenzeitlich zu Erpressung und zu einer Schießerei und zu Toten kommt, erfahren wir nicht, wieso, oder raten bloß. Als hätte Peltzer eine Heidenangst vor dem Thriller, der in seinem Roman steckt, und vor der Lesegier, die sich bei blutigen Ausgängen oder klaren Enden beruhigt.

Im aktuellen Film Die Lügen der Sieger von Christoph Hochhäusler, zu dem Ulrich Peltzer das Drehbuch geschrieben hat, ist das anders gelöst. Da lernen wir eine geheime Agentur kennen, die im Auftrag der Chemieindustrie deren schmutzige Spiele kaschiert und alle Rechercheure auf falsche Fährten lockt. Hier erkennt man die Bösen als die Politik- und Medienmanipulateure nicht zuletzt am Lichtglanz auf den Sonnenbrillen und Champagnergläsern (der Sieger eben).

In seinem Roman ist Peltzer vorsichtiger: Sylvester Lee Fleming bleibt bei allem Mephistotelismus eine undurchsichtige ambivalente Figur. Der Autor gibt dem Affen literarische Öffentlichkeit partout keinen Zucker. Asketismus der Moderne. Volle Konzentration aufs Unfassbare. Rainald Goetz hatte es in Johann Holtrop in der Gier, im Wahn des Managers gesucht. Ingo Schulze vor einigen Jahren gleich den Teufel E. T. A. Hofmanns persönlich bemüht, um den bösen Unternehmer literaturgeschichtlich zu fassen.

Nichts dergleichen bei Ulrich Peltzer. Sein Sylvester Fleming ist diabolisch nicht in seinem Wesen, sondern in seiner Funktion. Er steckt dahinter, überall dahinter, möchte man glauben, auch hinter Brockmanns beruflicher Karriere und sogar hinter seiner großen Liebschaft Angelika Volkhart, der Dritten im Bunde der Erfolgreichen. Schlimm wäre das, aber wir wissen es nicht genau. Dies Ungenaue eben ist leider nicht genau genug gestaltet. (Hubert Winkels, 10.10.2015)

Ulrich Peltzer
Das bessere Leben

S. Fischer 2015
448 Seiten, 23,70 Euro

  • Ulrich Peltzer: hochaufgeladene  Bewusstseinsfrequenzen und neofeudale Kapitalherrschaft.
    foto: astrid busch

    Ulrich Peltzer: hochaufgeladene Bewusstseinsfrequenzen und neofeudale Kapitalherrschaft.

  • Artikelbild
    foto: s. fischer
Share if you care.