"Über den Winter": Suche nach dem Herzschlag der Familie

10. Oktober 2015, 13:08
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Rolf Lapperts Roman "Über den Winter" erzählt am Beispiel des Einzelnen von der Krise des Ganzen

Die Lebenskrise scheint sich in Zeiten zunehmender Lebenserwartung nach hinten zu verschieben. Und während Pensionssysteme kaum auf den demografischen Wandel reagieren, ist die Literatur, wie man so schön sagt, am Puls der Zeit.

Lennard Salm, halbwegs erfolgreicher Künstler und sehr erfolgreicher Teilzeit-Egomane in Rolf Lapperts Roman Über den Winter, hat seine Midlifecrisis erst mit fünfzig. Er hinterfragt sein bisheriges Schaffen und wundert sich über privates Versagen.

Im Detail ist der verspätete Wendepunkt ein anderer: Statt neuer Gefilde lockt die fremdgewordene Heimat; statt junger Freundin verpflichtet die Familie; und statt des obligatorischen Autokaufs trabt ein Pferd ins Leben. Der Herzschlag des Familienromans ist dementsprechend langsam. Nirgends ist Hektik angebracht, auch nicht beim Erzählen. Ausführlich imaginiert Lappert das Leben eines Isolierten, beeindruckt mit Details und unterhaltsamen Episoden.

Toter Säugling als Wendepunkt

Alles beginnt in einer von der Außenwelt abgeschnittenen Enklave am Meer: Hier fotografiert der Konzeptkünstler Salm Treibgut und zieht ein Boot aus dem Wasser – darin eingeschnürt ein toter Säugling. "Das Kind, wenige Wochen alt, war in Tücher eingewickelt und mit Seilen an der Bank, einem groben Brett, festgebunden. Sein graues Gesicht und die blassen Lippen waren aufgedunsen, die Augen schmale Schlitze."

Die Entdeckung lässt Salm an seinem Projekt (er will die an den Strand angeschwemmten Überreste ausstellen) zweifeln. Die Nachricht vom Tod seiner Schwester fährt seinen Plänen dann ganz in die Parade. Er muss heim in den Hamburger Winter.

In der Kälte der Hafenstadt angekommen, folgt er zunächst widerwillig den Wegen seiner Kindheit und Jugend. Zwischen Leichenschmaus und Testamentsverlesung findet er aber allmählich Gefallen an der kalten Gegend und der Gesellschaft der Familie.

Salm beschließt, auf Zeit – "über den Winter" – zu bleiben und die Kunst aufzugeben. Mit dem Bezug seines Jugendzimmers nimmt er alte Verbindungen wieder auf; Erinnerungen kommen ungebeten zurück: "Er blinzelte, seine Augen gewöhnten sich an das Dämmerlicht, dann sah er seine Mutter, die ihn fassungslos anstarrte, sah den Mann (...), sah ihre sämtlichen Kleidungsstücke ordentlich über den Sessel gelegt, sah die Blumen in der Vase."

Tröstlicher Rückzug

Im skizzierten Betrug der Mutter gipfelte die von vornherein ins Unglück tendierende Ehe der Eltern. Der Sohn hat ihn der "Norwegischen Königin" nie verziehen, jetzt verlangt seine Familie, er solle ein Einsehen haben. Doch der denkt nicht dran.

Lappert reichert diese Story mit Details an, die seine Figuren glaubwürdig und eine melancholische Geschichte greifbar machen. So entsteht eine ganz dem Winter verschriebene Stimmung: Düster ist diese Lesewelt, kalt und feindlich. Der Rückzug zum Kern, zur Familie, scheint logisch und tröstlich; persönliche Bindungen werden als Schutz gegen die aufziehende Kälte gezeichnet.

Das Buch entwirft anhand einer Familiengeschichte ein Gesellschaftsbild, das die Vereinzelung spürbar macht. Sprachlich ist das exakt umgesetzt. Alles liest sich glatt und proper, keine Formulierung lässt den Leser stolpern. So rückt der Inhalt in den Vorder- und die Sprache in den Hintergrund. Wer das schätzt, ist in der Hamburger Winterlandschaft gut aufgehoben.

Für den Buchpreis kommt der Roman wohl auch deswegen infrage, weil er aktuelle Themen recht explizit aufnimmt und den Verlust der Gemeinschaft gelassen ahnt, ohne auf die Erwähnung möglicher Gegenmittel zu verzichten. (Florian Kutej, 10.10.2015)

Rolf Lappert, "Über den Winter". € 23,60 / 383 Seiten. Hanser, München 2015

  • Rolf Lappert schreibt über persönliche Bindungen als Medizin gegen Gesellschaftskälte.
    foto: apa/epa/arne dedert

    Rolf Lappert schreibt über persönliche Bindungen als Medizin gegen Gesellschaftskälte.

  • Artikelbild
    foto: hanser
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