"The Beginner's Guide" im Test: Einzigartiger Irrgarten für aufgeschlossene Spieler

10. Oktober 2015, 11:00
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Das neue narrative Experiment des "The Stanley Parable"-Machers ist ein persönliches, doppelbödiges Spiel

Es muss schwer gewesen sein, nach "The Stanley Parable" weiterzumachen, denn das 2011 als Mod und zwei Jahre später in einer aufpolierten kommerziellen Standalone-Version erschienene Spiel ist ein wahres Unikat. Der damals 22-jährige amerikanische Filmstudent Davey Wreden hatte mit seinem kurzen First-Person-Abenteuer so gut wie alle ausgetretenen Pfade des Mediums forsch verlassen und etwas formal und inhaltlich völlig Neues erfunden. Zur Erinnerung: In der Gestalt des Jedermanns Stanley waren Spielerinnen und Spieler in "The Stanley Parable" immer und immer wieder im selben verlassen Büro auf der Suche nach ihren verschwundenen Mitarbeitern, nur begleitet von der Stimme eines onkelhaften Erzählers aus dem Off, der – scheinbar – das Geschehen auf dem Bildschirm miterzählte.

Dreh- und Angelpunkt dieses zum Teil absurd komischen, aber manchmal auch düster-philosophischen Trips war die Entscheidungsfreiheit des Spielers: Was geschieht, wenn man sich gegen diesen Erzähler wendet – und sich gegen die hier erzählte Geschichte entscheidet? Wohin führen all die Abzweigungen, die man beim nur einmaligen Durchlaufen dieser Welt nicht nimmt? Gibt es in einem linearen, erzählenden Spiel so etwas wie Entscheidungsfreiheit überhaupt? Die Antworten, die Wreden mit seinem Erstling auf diese Fragen gegeben hat, machten "The Stanley Parable" zum Phänomen und 2013 auch zum kommerziellen Überraschungserfolg: Über eine Million Mal verkaufte sich das Spiel mit dem sperrig klingenden Konzept, das so gar nicht in die sonstigen Genreschubladen passen wollte.

Das schwierige zweite Album

Völlig überraschend, ohne Ankündigung und sozusagen von einem Tag auf den anderen veröffentlichte Davey Wreden letzte Woche sein neues Spiel. "The Beginner’s Guide" (Windows, Mac, Linux 8,99 Euro) lautet der etwas rätselhafte Titel, und schon die von Wreden selbst gegebene Kurzbeschreibung weist darauf hin, dass diesmal der Fokus anders gelagert ist als beim Erstling: "‘The Beginner's Guide’ ist ein narratives Videospiel. Es dauert etwa eineinhalb Stunden und hat keine traditionellen Spielmechaniken oder Ziele. Stattdessen erzählt es die Geschichte von jemandem, der Probleme hat, mit etwas klarzukommen, das er nicht versteht."

Dass der Einzigartigkeit von "The Stanley Parable" nicht mehr vom Selben folgen würde, war zu erwarten – wie sollte das auch gehen? Es ist konsequent, dass Davey Wreden deshalb mit "The Beginner’s Guide" einen neuen Ansatz verfolgt. Um einen Vergleich mit dem Film zu bemühen: Statt einer absurden Komödie ist "The Beginner’s Guide" sozusagen eine autobiografische Mockumentary geworden, in der Fiktion und persönliche Einblicke verschmelzen. Tatsächlich aber warten unter dieser Oberfläche noch andere Themen. Es geht um Spieldesign, Kreativität und Depression, aber auch um Geltungsdrang und Freundschaft. Es ist ein "Autorenspiel" auch in dem Sinn, dass sein Schöpfer darin ausgiebig zu Wort kommt. Vorweg: "The Beginner’s Guide" ist ein kürzeres und auch stilleres Spiel als "The Stanley Parable". Entscheidungen spielen so gut wie keine Rolle darin.

Menschen, die von Spielen schwafeln

Wie schon bei "The Stanley Parable" ist es auch bei "The Beginner’s Guide" schwierig, davon zu erzählen, ohne die Erfahrung für Spielerinnen und Spieler zu beeinträchtigen. Die Ausgangssituation ist höchst originell und zeigt, dass Wreden zumindest seiner Form treu bleibt: Wieder richtet sich eine Stimme aus dem Off an Spielerin und Spieler, doch diesmal ist es kein Erzähler, sondern Davey Wreden selbst, der sich förmlich vorstellt und zu einem Experiment einlädt. Was nun folge, sei ein Spaziergang durch kleine Spielexperimente eines Freundes von ihm, die dieser zwischen 2008 und 2011 gestaltet habe. Warum dieser so plötzlich damit aufgehört hat, was seine Spiele besonders macht und wer und wie diese Person tatsächlich ist, würde sich durch die Spielwelten und Levelfragmente ergeben, die hier – zum ersten Mal vor breiter Öffentlichkeit – versammelt wären.

Die Stimme aus dem Off wird zum Museumsführer, die von Spiel zu Spiel begleitet, auf Besonderheiten in den jeweiligen Levels hinweist und eigene Interpretationen abgibt. An manchen Stellen, so erfährt man auf diesem Spaziergang, wären kleinere Eingriffe nötig gewesen, um die Spiele überhaupt spielbar zu machen. Von simplen "CounterStrike"-Maps, die die ersten Gehversuche des spielentwickelnden Freundes gewesen seien, führt die Reise zu immer ambitionierteren, aber auch düsterer werdenden Spielewelten. In den knapp eineinhalb Stunden, die diese Führung dauern wird, entspinnt sich eine Geschichte, die ganz anders ist als die sonst im Medium erzählten. Der Rest ist Schweigen – zumindest an dieser Stelle. Wie soll man auch ohne Spoiler über ein Spiel sprechen, das zu einem guten Teil vom Sprechen über Spiele handelt?

davey wreden

Meta-Ebenen und Labyrinthe

"The Beginner’s Guide" ist noch weniger "Spiel" als "The Stanley Parable", und trotzdem spricht eine große Liebe und ein tiefes Verständnis für das Medium auch aus ihm. Es ist eine lineare, recht kurze Erfahrung, und doch verknüpfen sich sowohl die einzelnen Spiel-Fragmente, durch die man sich bewegt, als auch das intelligente Erzählen über Spieldesign und nicht zuletzt die subtile Meisterschaft in der doch schon bejahrten Source-Engine zu einem Erlebnis, das emotional berührt und zum Nachdenken bringt. "The Beginner’s Guide", mit seinen vermeintlichen oder tatsächlichen Einblicken in die Psyche seines Schöpfers, ist eines der "persönlichsten" Spiele überhaupt, und doch ist es zugleich eine wunderbar doppelbödige Fiktion – wie so oft, wenn sich Autoren oder auch Filmemacher scheinbar direkt als "sie selbst" ans Publikum wenden, ist Misstrauen angesagt.

Auch "The Beginner’s Guide" ist ein faszinierendes Ausnahmespiel geworden, das den besonderen Status seines Machers Davey Wreden als intelligenter Pionier untermauert. Es ist nicht seine geringste Leistung, daran zu erinnern, dass hinter Spielen reale Menschen stehen, dass Spiele nicht nur Produktcharakter haben, sondern auch immer Ausdruck komplexer Sehnsüchte und Ängste sind – und dass auch die Rezipienten dieser kleinen und großen Kunstwerke ihren Anteil an dieser Beziehung zwischen Schöpfer und seinem Werk haben. Diese Themen, die in der Kunst, aber auch in anderen Populärmedien längst verhandelt werden, als vielleicht Erster und letztlich auch beeindruckend geradlinig und unprätentiös ins Medium Computerspiel gebracht zu haben, macht Davey Wreden vielleicht schlicht und einfach selbst zum titelgebenden "Beginner", und seine ihm hierhin folgende Spielerschaft gleich mit.

Fazit

Wredens immer wieder aufblitzender Humor und sein Gespür für Dramaturgie lassen auch sein zweites Spiel zum Pflichtprogramm für jeden werden, der Spiele nicht nur spielt, sondern auch über sie nachdenkt. "The Beginner’s Guide", das "schwierige zweite Album", ist merkbar anders als das millionenfach geliebte "The Stanley Parable", persönlicher, intimer und auch stiller. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist es der Beweis dafür, dass von Davey Wreden noch viel, und vor allem Unerwartetes, zu erhoffen ist. Man darf sich darauf freuen. (Rainer Sigl, 10.10.2015)

"The Beginner’s Guide" ist für Mac, Windows und Linux zum Preis von 8,99 Euro erschienen.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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The Beginner's Guide

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