"curated by": Kunst und Du-kannst-mich-mal

10. Oktober 2015, 09:00
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Nicht alle am Projekt "curated by" teilnehmenden Galerien haben sich an das Thema "Kunst und Kapital" gehalten

In einer Schulklasse wären es wohl die, die ganz hinten sitzen: Entweder sie haben den Text nicht gelesen oder einfach keine Lust auf die Auseinandersetzung mit dem Thema gehabt. "Kunst und Kapital", das war die Schnittstelle, die man heuer unter dem Titel Tomorrow Today im Rahmen des Wiener Galerienprojekts "curated by" diskutiert haben wollte. Allein, alle Kuratoren haben sich nicht damit befasst.

Nun fühlt man sich zwar angesichts so mancher Präsentation an das kapitalismuskritische Credo "I would prefer not to" erinnert – so einfach ist es aber auch wieder nicht. Am Thema vorbei und letztlich doch näher dran als erwartet, ist etwa das Konzept von Vincent Honoré. Als einer der wenigen hat der in London lebende Kurator bei Viktor Bucher auf das Performative gesetzt, das kunstmarkttechnisch bekanntlich kein Renner ist.

Impossible Love heißt die Ausstellung, in der er anstelle von "Kunst und Kapital" eher auf ein – durchaus leidenschaftlich gemeintes – Kunst und Du-kannst-mich-mal setzt: Neben einem Dark Room, den man eigens für die Eröffnungsfeierlichkeiten installierte, wird dem Betrachter auf einem bestickten Vorhang von Adam Christensen ein nackter Hintern entgegengestreckt.

Body Politics

Politik wird hier nicht mit Analysen oder Konzepten, sondern mit dem (sexualisierten) Körper, avantgardistischen High Heels und mit viel Poesie gemacht: Auf dem Boden liegen Werke von Oscar Wilde oder Anaïs Nin; an den Wänden hängen Zeichnungen von Juliette Blightman, Penisstillleben. Die Show selbst ist zwar unübersehbar vorbei, die "Überreste" (u. a. Werke von Nick Mauss, Zoe Williams oder Eddie Peake) sind jedoch mindestens genauso stimmungsgeladen wie die opulente Installation, die man in der Galerie Meyer Kainer sieht.

Auch dort betritt man mit der Ausstellung von Kerstin Brätsch und Debo Eilers eine Art Bühne, auf der es zwei Protagonistinnen gibt: zum einen KAYA, die Muse der beiden Künstler, zum anderen das Medium Malerei, das dort auf mehreren Operationstischen liegt. In riesigen Plastiksäcken sieht man ein wüstes Gemisch aus bunten Farbschichten, Lederriemen, Fotos, Gummidichtungen sowie in Epoxidharz gegossenen Körperteilen; außerdem Graffitis, für die der Kurator und Bruder der Künstlerin N.O.Madski verantwortlich ist.

Neben ihren medialen Grenzgängen geht es Brätsch und Eilers immer wieder um solche (auch familiären) Kollaborationen. Und selbst wenn man mit ihrer überbordenden Ästhetik nicht so viel anfangen kann, einen Besuch ist ihre Ausstellung auf jeden Fall wert.

Empfehlenswert, weil inhaltlich konsequent sind außerdem all jene Präsentationen, in denen man anstelle von "Kunst und Kapital" den Projekttitel Tomorrow Today als Ausgangspunkt nahm. Unter dem Titel Days of Future Just Past haben etwa Brigitte Huck und Martin Guttmann in der Galerie Charim spannende, auf Zeit basierende Werke versammelt (u. a. ein rar gezeigtes Video von Dan Graham). Und bei Thoman hat Veit Loers auf die Bedeutung der Kunst von gestern (u. a. mit Franz West oder Rudolf Polanszky) für das Heute gesetzt.

Roboter, die rasten

Am smartesten hat aber der New Yorker Kurator Chris Fitzpatrick den Zeitfaktor mit aktuellen politischen Themen verknüpft: Seine Ausstellung Cartoon Physics in der Galerie Engholm "rahmen" circa 2000 Science-Fiction-Romane (eine Arbeit von Post Brothers). Eine Geste, die das Wort Utopie wieder auf die Agenda setzt. Schließlich wurden auch die Mondlandung oder das Mobiltelefon in der Science-Fiction noch vor ihrer Zeit erdacht.

Vor diesem Hintergrund plädiert Fitzpatrick für ein fantastisches Denken: Seine flexible "Cartoon-Physik" illustriert etwa eine Animation, in der eine Comicfigur die Finanzkrise erklärt oder Staubsaugerroboter, die umgepolt wurden und nun chillen, statt zu arbeiten. Von einem "Neustart" ist auch der Betrachter nicht ausgenommen: Dazu animieren zwei Schnecken, die über die Schaufensterscheibe kriechen. Mit ihnen fährt Nick Bastis die digital geprägte Wahrnehmungsroutine sehr smooth herunter. (Christa Benzer , Roboter, die rasten, 10.10.2015)

"Tomorrow Today" bis 17. 10. unter anderem in folgenden Wiener Galerien: Projektraum Viktor Bucher (2., Praterstraße 13), Galerie Meyer Kainer (1., Eschenbachgasse 9), Galerie Charim (1., Dorotheergasse 12), Galerie Thoman (1., Seilerstätte 7), Galerie Engholm (4., Schleifmühlgasse 3)

www.curatedby.at

  • Science-Fiction-Bände (eine Installation von Post Brothers) als Hinweis auf Zukunftsutopien, die sich erfüllen können, in der Galerie Engholm...
    foto: stefan lux

    Science-Fiction-Bände (eine Installation von Post Brothers) als Hinweis auf Zukunftsutopien, die sich erfüllen können, in der Galerie Engholm...

  • ...und eine doch recht eindeutige Botschaft von Adam Christensen ("Fuck Tree", 2015) im Projektraum Viktor Bucher.
    foto: max schnuerer

    ...und eine doch recht eindeutige Botschaft von Adam Christensen ("Fuck Tree", 2015) im Projektraum Viktor Bucher.

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