Flüchtlinge: Gut gebildet, aber keine Zeugnisse

9. Oktober 2015, 13:51
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Gut ausgebildete Flüchtlinge müssen unter ihrer Qualifikation arbeiten. Jobsuche und Anerkennung ausländischer Abschlüsse sind schwierig

Dornbirn – Die Frage, wie man Flüchtlinge und Asylsuchende in den Arbeitsmarkt integrieren kann, diskutierte am Donnerstagabend die Grüne Wirtschaft Vorarlberg. Migrationsforscher August Gächter vom Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) zeigte sich erstaunt über die Aufregung, die die aktuelle Flüchtlingswelle auslöst.

Flüchtlingswellen seien nichts Ungewöhnliches, sagte Gächter. Anscheinend habe man aber die Fluchtbewegungen der letzten 25 Jahre aus Rumänien, dem damaligen Jugoslawien oder die letzte aus Russland, die vor allem Tschetschenen und Tschetscheninnen nach Österreich gebracht hat, bereits wieder vergessen. Gächter vermisst wissenschaftliche Analysen über die Integration dieser Flüchtlinge in Gesellschaft und Arbeitsmarkt: "Wir haben nicht versucht, aus dieser Einwanderung zu lernen."

Gute Ausbildung, aber Nachweise fehlen

Aus Mikrozensuserhebungen (basierend auf Angaben der Befragten) liest der Experte, dass die aktuelle Flüchtlingsbewegung im Vergleich zu früheren Wellen sehr gebildete Menschen nach Europa bringe. 59 Prozent hätten Matura oder eine Universitätsausbildung (Stand 2014, die Zahlen für 2015 fehlen noch). Der Anteil von Menschen, die nur Pflichtschulausbildung haben, sei in den vergangenen zehn Jahren von 45 auf 20 Prozent gesunken.

Die Crux der gebildeten Flüchtlinge: Meist fehlen die Papiere zum Nachweis ihrer Abschlüsse. Was sich in der Statistik des Arbeitsmarktservice (AMS) niederschlägt, wie Bernhard Bereuter, stellvertretender Leiter des AMS Vorarlberg, erklärte. Wer keinen Abschluss nachweisen kann, wird mit dem niedrigsten Schulabschluss in der Statistik geführt. Was in Zahlen des AMS Vorarlberg bedeutet: 70 Prozent der Konventionsflüchtlinge (Asylsuchende werden vom AMS nicht erfasst) haben nur einen Pflichtschulabschluss.

Arbeiten unter Qualifikation

Mit Kompetenz- und Talentchecks versuche man nun, die vorhandenen Qualifikationen auszuloten und Menschen Jobs, die ihrer Ausbildung entsprechen, anzubieten. Denn Faktum sei, dass Flüchtlinge weit unter ihren Qualifikationen arbeiten müssten. Bereuter: "Es gilt, mitgebrachte Qualifikationen rasch nutzbar zu machen." Schließlich fehle es an Fachkräften.

Gächter forderte eine raschere Anerkennung von Ausbildungen und Lehrplätze für Erwachsene. Der Unternehmer Stefan Bitschnau verwies auf bürokratische Hürden. Er habe in einem asylsuchenden Syrer, der Maschinenbauingenieur ist, die lang gesuchte Fachkraft gefunden. Er darf ihn aber nicht beschäftigen. Nicht einmal unbezahlte Volontariate lasse das Gesetz zu. Bitschnaus Forderung: Kennenlernpraktika, die Unternehmen und Asylsuchenden gegenseitiges Abtasten ermöglichen, und die Arbeitserlaubnis für Asylsuchende nach kurzer Wartefrist.

Mehr und bessere Deutschkurse

Anas al Kala, Mathematiklehrer aus Syrien und einziger Betroffener in der Diskussionsrunde, hat ein überraschend schnelles halbjähriges Asylverfahren hinter sich. "Ich habe die paar Monate genutzt, um Deutsch zu lernen", erzählt der Mathematiker. In seinem Beruf kann der Lehrer aber nicht arbeiten: "Ich muss die Anerkennung meines Universitätsabschlusses noch beantragen, dann werden wir sehen."

Anas al Kala dolmetscht für die Caritas und engagiert sich als Nachhilfelehrer. Seine Anregung für Asylsuchende: "Man hat sehr, sehr viel Zeit als Flüchtling – die soll man nutzen, um die Sprache zu lernen." Was jedoch fehle, seien Intensivsprachkurse. August Gächter empfahl, die Sprachkurse nicht auf das Erlernen der Sprache allein zu beschränken. Sie sollten Begegnungsmöglichkeiten schaffen: "Holt die Menschen raus aus den Großquartieren, unternehmt was mit ihnen."

Deutschkurse mit Mentorinnen und Mentoren werden in einigen Vorarlberger Gemeinden von Ehrenamtlichen angeboten. Auf Plätze in Kursen diverser Organisationen müssen Asylsuchende Wochen bis Monate warten. Ein Faktum, das jene Politiker, die so laut Deutschlernen einfordern, gern ignorieren. (Jutta Berger, 9.10.2015)

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