Wegweiser durch nicht gelernte Lektionen

11. Oktober 2015, 10:57
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In seinem neuen Buch "Blackearth" versucht der US-Historiker Timothy Snyder den Holocaust auf eine ganz neue Weise zu erklären – und zieht Parallelen in die Gegenwart, zu Putin und dem Klimawandel

"Ein Mensch kann nur unter menschlichen Bedingungen menschlich sein." Zweimal zitiert Timothy Snyder in seinem neuen Buch einen polnisch-jüdischen Widerstandskämpfer, der sowjetische Straflager und den Zweiten Weltkrieg überlebte. Staaten seien dazu da, setzt Snyder fort, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass ihre Bürger nicht das eigene Überleben als einziges Ziel vor Augen haben müssen.

Black Earth ist die umfassend angelegte und erschütternde Darstellung dessen, was passiert, wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind. Der Historiker an der Yale University hat nicht weniger als den Versuch unternommen, den europäischen Weg in die Katastrophe der Dreißiger- und Vierzigerjahre, insbesondere den Holocaust, auf eine neue Weise zu erklären und zu interpretieren.

Aufbauend auf bisherigen Forschungsarbeiten und auf seinen jahrzehntelangen Recherchen in osteuropäischen Archiven kommt Synder zu Schlussfolgerungen, die einen beunruhigenden Blick auf unsere Gegenwart und Zukunft münden – daher der Untertitel: Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann.

"Nie wieder!" schafft kein neues Wissen

Sehr verkürzt gesagt, macht er das Zusammenfallen von Rassenwahn und der Zerstörung von Staatgefügen sowie die Gleichsetzung von Natur und Gesellschaft, von Politik und Wissenschaft dafür verantwortlich, dass Massenmorde möglich und akzeptabel wurden. Gegenüber den bisherigen Erklärungsversuchen ist das eine Akzentverschiebung von nicht nur akademischer Bedeutung. Es hebt die Geschehnisse aus dem Rahmen der letztlich unverständlichen Einzigartigkeit heraus, in dem es vor allem Gedenken und "Nie wieder!"-Beschwörungen gibt (in seinen eigenen Worten: "Das hat seinen Platz, aber es schafft kein neues Wissen"). Es fügt sie in ein historisches Kontinuum, das vergleichbare Entwicklungen möglich erscheinen lässt.

Die Zerstörung funktionierender Staaten analysierte Snyder bereits in seinem Buch Bloodlands (deutsch 2011 bei Beck). Die osteuropäische Region vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer beschrieb er als "killing fields", auf denen 14 Millionen Menschen ihr Leben verloren, vor allem die dort lebenden Juden, aber auch Zivilisten und Soldaten aller Couleur. Sie verloren es wegen der Regime Hitlers und Stalins, ihrer Zusammenarbeit und des darauffolgenden Krieges zwischen ihnen.

In seinem neuen Buch erweitert Snyder die geschichtliche Analyse zeitlich nach hinten, zu den Anfängen Hitlers, und zu einem umfassenden Blick auf den mehr oder weniger mörderischen Rest von Europa. Das Ergebnis ist ein Werk, das in Teilen an die monumentale Arbeit Postwar (dt. Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart) seines Mentors und Kollegen Tony Judt erinnert, in anderen Teilen an die Tradition der oral history und an den Duktus des "großen Narrativs" Und es ist auch noch – so problematisch das Wort in diesem Zusammenhang scheinen mag – spannend geschrieben, so, dass man weiterlesen möchte, auch wenn man das genaue Gegenteil von leichter Lektüre vor sich hat. Die New York Times attestiert ihm einen eleganten literarischen Stil und "brandheiße moralische Leidenschaft".

Dem Führer war "sein" Staat egal

Hitler, so hebt Black Earth an, war ein dem Rassenwahn verfallener "ökologischer Anarchist". Er glaubte nur an ein Gesetz, das des stärkeren Volkes. Es hat das Recht, alles zu vernichten, was seinem "Lebensraum" im Weg steht. Die überlegene Rasse der Deutschen sah er in diesem Raum beengt, es war von Importen abhängig, der friedliche Zugang zu Lebensmitteln, vor allem aus der "Kornkammer" Ukraine, war ihm zu wenig, und schuld an allem waren die Juden. So weit, so jedem bekannt, der Mein Kampf gelesen hat, also auch jedem Historiker.

Snyder geht einige Schritte weiter. Er schlussfolgert, dass dem "Führer" jeder Staat im Weg und auch sein eigener letztlich egal war – was erklärt, warum er Deutschland wissentlich in den Untergang geführt hat. Wesentlicher für das Buch aber ist der Blick auf eben jene Länder, deren fruchtbare "schwarze Erde" schon vor der systematischen Tötungsmaschinerie blutgetränkt war (die deutsche Übersetzung hat den Originaltitel des Buches beibehalten).

Äußerst kompakt schildert der Autor die Entwicklungen in den Ländern zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, das sukzessive Zerfallen von staatlicher Ordnung in Österreich, der Tschechoslowakei, auf der anderen Seite in den "sozialistischen Republiken", die der Willkür Stalins ausgeliefert waren, von Deportationen aus den baltischen Staaten bis zur genozidalen Hungersnot in der Ukraine; und dazwischen Polen mit seinem Lavieren zwischen den Mächten; überraschend für viele mag die Beschreibung die Kooperation zwischen den antisemitischen Behörden und Militärs und den Zionisten sein (zu denen die jungen Begin und Schamir gehörten), die dasselbe Ziel hatten: möglichst viele Juden von Polen nach Palästina zu bringen.

Mehrere Momentaufnahmen

Solche Details und die äußerst komplizierte ethnische Gemengelage in jenem Teil Europas verdichtet Snyder zu mehreren Momentaufnahmen: 1939 – der Hitler-Stalin Pakt und der darauffolgende Überfall auf Polen; und 1941 – der deutsche Angriffskrieg auf die Sowjetunion. Mit dem nun völligen Fehlen von Rechtsstaatlichkeit hatte die Willkür Oberhand, in erster Linie die der deutschen militärischen und SS-Verbände. Zudem nahm die Zivilbevölkerung Rache an allen, die ihnen ausgeliefert waren und von denen sie, aus Tradition oder durch Propaganda eingetrichtert, das Schlimmste annahmen, also die "bolschewistischen" Juden, die jeweils schwächere Ethnie oder einfach der Nachbar, den man denunzieren konnte. Mit der rückblickenden Konzentration auf das Vernichtungslager Auschwitz als Symbol für den Holocaust, das in gewissem Sinne exterritorialisiert war, konnte man dem Autor zufolge beteuern, nichts gewusst zu haben, und von den vorangegangenen Massenmorden ablenken, die unter den Augen von Hunderttausenden geschahen und über die oft nach Hause geschrieben wurde.

Snyder vergleicht die Anarchie der Bloodlands mit anderen Ländern, die mehr oder weniger direkt unter dem Einfluss Nazi-Deutschlands standen. Er findet eine Korrelation zwischen dem Grad an "Staatlichkeit" (wo es Staatsangehörigkeit, Bürokratie und Außenpolitik gab) und dem Schutz der jüdischen Bevölkerung, relativ unabhängig davon, ob das Land mit den Nazis verbündet oder von ihnen besetzt war. Deshalb, so der Autor, ging es Juden in Italien vergleichsweise besser als in Holland; im kaputten Estland überlebte ein Prozent, im relativ intakten Dänemark 99 Prozent. Diese Unterschiede "lassen sich nicht intuitiv erklären", eher mit der Elle, die er anlegt.

Sprung in die Gegenwart

Im letzten Teil des Buches macht Snyder einen unvermittelten Sprung in die Gegenwart. Auch heute, sagt er, kommen enorme Verteilungskämpfe auf uns zu, um Wasser, um Energie, um Überleben am Rande steigender Meeresspiegel. Und wieder gibt es Kräfte, die diese Probleme nicht mit rationalen Mitteln analysieren und lösen wollen, sondern mit dem Naturgesetz des Stärkeren. Die schwarze Erde der Ukraine ist nach wie vor das Ziel von Begehrlichkeiten mit potenziell desaströsen Konsequenzen, das Erdöl des Nahen Ostens ebenfalls. Wie in NS-Zeiten möchten manche die Wissenschaft der Politik gefügig machen – Snyder denkt insbesondere an die Bestrebungen, die Klimaforschung zu ignorieren und weiter Raubbau zu betreiben, ohne Rücksicht auf "Nachbarn".

Es müssen nur noch ein Feindbild identifiziert und die Massen mobilisiert werden, dann wäre eine explosive Situation gegeben: "Wir leben immer noch auf demselben Planeten wie Hitler, und wir haben zum Teil dieselben Sorgen; wir haben uns weniger verändert, als wir glauben." Das Böse, so Snyders warnende Quintessenz, "muss verstanden werden, damit sich Ähnliches in der Zukunft verhindern lässt".

Wie zu erwarten war, löste Black Earth schon vor seinem Erscheinen – im Herbst in insgesamt 19 Sprachen – Kontroversen aus. Zustimmung kam etwa von Ian Kershaw, bekannt für seine Studien zu Hitler, und von Deborah Lipstadt, die über Holocaust-Leugnung forscht. Kritisch äußerte sich der Princeton-Historiker David Bell. Er bemängelte vor allem Snyders Fokus auf (ex)kommunistische Kollaborateure und seine "freundliche" Beurteilung der polnischen Seite in den Auseinandersetzungen. Diesem Argument zumindest widersprechen die Fallstudien im Buch, die ein weites, alle Ethnien und Konfessionen umspannendes Spektrum an Hilfe wie auch an Verrat zeigen.

Wegweiser durch gelernte Lektionen

Weiters wirft Bell dem Autor vor, wenig zur Erklärung beizutragen, warum der Holocaust an einem bestimmten Punkt begann. Dazu lässt sich sagen, dass Snyder wichtige Werke über dieses Thema (etwa von Saul Friedländer, Raul Hilberg, Christopher Browning, Jan Gross) sehr wohl zitiert, aber verständlicherweise nicht erneut ausbreitet. (Sackgassen wie den von Daniel Goldhagen postulierten, angeblich ewigen "eliminatorischen Antisemitismus" der Deutschen betritt er erst gar nicht.) Indem er allerdings rechtsstaatliche Zustände als ein wichtiges, wenn nicht gar entscheidendes Kriterium untersucht, fügt er bisherigen sozialwissenschaftlichen Zugängen einen weiteren hinzu.

Ein Problem von Snyders Ansatz liegt eher darin, dass er zwar tiefenpsychologische Erklärungsansätze anführt (die Kehrtwendungen von Kollaborateuren als Kompensation und Verschiebung), aber nicht weiter ausführt. Die Frankfurter Schule, die er in einem kurzen Absatz abqualifiziert, hat eben nicht nur Universalismen und die Moderne kritisiert, sondern auch empirische Studien über den autoritären Charakter durchgeführt. Die sind heute noch hilfreich beim Verständnis, was "ganz normale Männer" (Browning) zu willigen Vollstreckern macht. Diese Komponente und die Bedeutung von Massenmedien, die schon Goebbels bestens erkannt hat, sollten in einem umfassenden historischen Werk nicht fehlen.

Dessen ungeachtet liegt mit Black Earth ein bedeutendes, ein unbedingt lesenswertes Buch vor. Es hilft nicht zuletzt auch dabei, wieder über Europa drohende Stürme und kriegslüsterne Projekte mit noch kritischeren Augen zu sehen – ein Wegweiser durch nicht gelernte Lektionen. (Michael Freund, 10.10.2015)

Timothy Snyder, "Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann". € 31,10/462 Seiten. C.H.Beck, München 2015.

Am 21. Oktober, 18.00, stellt der Autor in Zusammenarbeit mit dem Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) das Buch im Wien Museum vor.

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Timothy Snyder: "Nicht so weit von uns entfernt"

  • Timothy Snyder (46) ist amerikanischer Historiker mit den Schwerpunkten osteuropäische Geschichte und Holocaustforschung. Er unterrichtet an der Yale Universität und war mehrmals zu Forschungsarbeiten am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.
    foto: picturedesk

    Timothy Snyder (46) ist amerikanischer Historiker mit den Schwerpunkten osteuropäische Geschichte und Holocaustforschung. Er unterrichtet an der Yale Universität und war mehrmals zu Forschungsarbeiten am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.

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