Andrea Hirata: "Moral wird zu einer globalen Herausforderung"

Interview10. Oktober 2015, 08:00
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Er befolgt die fünf Grundsätze des Lebens und ist der erfolgreichste Schriftsteller seiner indonesischen Heimat. Andrea Hirata über das Glück der Bildung, den Islam in Indonesien und einen Kapitalismus unter Aufsicht

STANDARD: Herr Hirata, vom Sohn eines Minenarbeiters, der nicht lesen und schreiben kann, zum meistgelesenen Schriftsteller Indonesiens – wie empfinden Sie in der Rückschau diesen Weg?

Hirata: In Australien nannte man mich einen Zufallsschriftsteller. Ich hatte nicht vor, Schriftsteller zu werden. Und schon gar nicht habe ich erwartet, bekannt zu werden. Aber dieser Erfolg beeinflusst mich nicht, verändert meine Lebensweise nicht. Ich empfinde ihn eher als Verantwortung. Auf meiner Heimatinsel Belitong habe ich ein eigenes freies Bildungsprogramm aufgebaut. Ich habe 40 Schüler, alles Kinder, die in Armut leben. Mit einigen Freunden unterrichte ich sie in Englisch, Mathematik und Musik.

STANDARD: Sie haben auch ein literarisches Museum auf Belitong errichtet. Sind Sie in Indonesien ein moralisches Vorbild?

Hirata: Meine Romane enthalten moralische Botschaften. Sie erzählen nicht nur von zehn Schülern, die ihre Schuljahre zubringen, Schabernack treiben und die Verrücktheiten der ersten Liebe erfahren, sondern sie erzählen auch vom menschlichen Bedürfnis, Gutes zu tun. Sie fordern auf, sich mit grundsätzlichen Lebensfragen auseinanderzusetzen wie dem Verhältnis zu unseren Eltern und Lehrern, der Frage, was wir lernen sollen und wie wir unser Leben gestalten wollen und ob wir tatsächlich immer selbstsüchtiger und materialistischer werden wollen. In diesem Sinn verstehe ich sie als politische und kritische Bücher. Moral wird zu einer globalen Herausforderung. Überall in der Welt können Sie sehen, wie das Leben seinen Wert verliert. Kinder leiden und hungern. Und die Politiker sprechen sich für Krieg aus. Wir sollten für einen Moment innehalten und versuchen, uns wieder auf unser Menschsein zu besinnen. Vielleicht gelingt es uns, eine Veränderung herbeizuführen und zur grundlegenden Moral unseres Daseins zurückzukehren.

STANDARD: Sukarno, der erste Präsident Indonesiens nach der Unabhängigkeit, benannte fünf Prinzipien als Staatsgrundlage. Haben die heute noch eine Bedeutung?

Hirata: Sie sind wegweisend für unser Leben. Solange wir Indonesier sind, werden sie für uns bedeutsam sein. Wir nennen sie Pancasila – die fünf Grundsätze. Sie formulieren unsere Lebensweise, unseren Glauben an Gott, unser Eintreten für soziale Gerechtigkeit und unseren Geist als Nation. In Indonesien leben hunderte Stämme. Sie sprechen an die 7000 lokale Dialekte. Das kann ein harmonisches Zusammenleben oft sehr erschweren.

STANDARD: Als Land mit der größten muslimischen Bevölkerung zeigt Indonesien, dass demokratische Strukturen und Islam einander nicht ausschließen müssen. Könnte das auch für die arabische Welt wegweisend sein?

Hirata: Das ist meine große Hoffnung. Der Islam, an den ich glaube, ist eine friedliche und tolerante Religion. Von Kindheit an habe ich ihn so erfahren. Die Grundschule, die ich besuchte, war eine islamische. Unsere Lehrerin war Muslimin. Aber niemals fanden irgendwelche Diskriminierungen unseres chinesischen Mitschülers statt. Ich wünsche mir, dass der Islam Frieden in die Welt bringt und nicht für Kriege benützt wird.

STANDARD: Die Geschichte wiederholt sich. Dieser Satz taucht mehrfach in Ihrem Roman auf ...

Hirata: Er beruht auf der Vorstellung, dass das Leben einem Kreis folgt. Bestimmte Situationen kehren immer wieder. Als Kind war es für mich schwer, eine Schulbildung zu bekommen, insbesondere da ich auf einer entlegenen Insel aufwuchs. Ich fühlte mich irgendwie zurückgelassen. Jetzt bin ich Schriftsteller. Und manchmal fühle ich mich von meinen Freunden und deren Leben zurückgelassen. Ich vermisse sie in meinem Dorf. Das habe ich in meinem Leben mehrfach erfahren: Etwas geschieht wieder und wieder, und manchmal lernen wir sogar ein bisschen aus den Erfahrungen.

STANDARD: Wie empfinden Sie vor diesem Hintergrund den kapitalistischen Aufbruch Indonesiens?

Hirata: Da haben Sie erneut die Erfahrung, dass die Geschichte sich wiederholt. An Europa konnten wir sehen, wie das sozialistische System scheiterte und der Kapi talismus die Oberhand gewann. Also blieb uns keine Wahl. Aber wir kennen auch die unvermeidlichen Folgen des kapitalistischen Systems, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Es sollte den Regierungen gelingen, ein Gleichgewicht herzustellen und die kapitalistische Wirtschaft zu öffnen, um auch den Armen so viel Unterstützung wie möglich zukommen zu lassen. In Indonesien haben wir eine gemäßigte kapitalistische Wirtschaft. Ich würde es Kapitalismus unter Aufsicht nennen. So wird etwa die wichtigste wirtschaftliche Ressource des Landes, nämlich Bildung, von der Regierung überwacht. Das ist sogar in unserer Verfassung festgehalten. In Artikel 31 heißt es, dass jeder Staatsbürger ein Recht auf Bildung habe.

STANDARD: Dennoch wäre Ihnen dieses Recht fast vorenthalten worden ...

Hirata: Ich habe erlebt, wie schwierig es ist, selbst nur eine einfache Schulbildung zu bekommen. Ungleichheit zu erleben, sich im Kreislauf der Armut zu drehen, keinen Ausweg zu finden und an restriktiven politischen Situationen zu scheitern ist deprimierend. Es gibt 500.000 Schulen in Indonesien. Aber wir haben fast 40 Millionen Schüler. 75 Prozent von ihnen leben in Armut. Auf meiner Heimatinsel Belitong ist Bildung der einzige Weg, um der Armut zu entkommen. Die Wirtschaft der Insel beruht auf Zinnbergbau. Sie ist abhängig von den Preisen auf den internationalen Rohstoffmärkten. Wir haben keine Landwirtschaft und nichts, womit wir Handel treiben könnten.

STANDARD: Die Anstrengungen, die Sie und Ihre Freunde als Kinder auf sich nahmen, um die Schule zu besuchen, sind unglaublich: kilometerweite Radfahrten durch mannshohes Gras, die Gefahr, von Krokodilen angefallen zu werden, und lebensbedrohliche Schwerstarbeit ...

Hirata: Die erste Lektion meiner Lehrer war, dass Bildung ein Fest des Lebens ist, dass es ein Glück ist, lernen zu dürfen. Als ich anlässlich der deutschsprachigen Ausgabe meines ersten Romans eine Lesereise durch deutsche Schulen unternahm, war ich beeindruckt von deren Ausstattung. Es war alles vorhanden. Aber die Lehrer erzählten mir, dass sie Probleme hätten, weil die Schüler nicht motiviert seien. In meinem Heimatdorf haben wir fast nichts. Dafür sind die Schüler begie- rig. Das habe ich auch immer so empfunden. Ich schätze Bildung als eine der schönsten Erfahrungen meines Lebens. Von diesem Glück handeln meine Romane. Ich erzähle von menschlichen Schicksalen und von Menschen, die versuchen, ihr Elend zu überwinden.

STANDARD: Welche Themen bestimmen die gegenwärtige Literaturszene Indonesiens?

Hirata: Gute Bücher müssen nicht unbedingt bittere Erfahrungen mit der Politik wiedergeben. Junge Au toren wenden sich auch neuen Themen zu wie Lebensgestaltung, Bildung oder Themen, die mit der Kultur unseres Landes verbunden sind. Das könnte über Indonesien hinaus Interesse an der indonesischen Literatur wecken.

STANDARD: Es ist nicht viel bekannt von der indonesischen Literatur. Welche Autoren oder Bücher sollten Ihrer Empfehlung nach übersetzt werden, um auch hierzulande gelesen zu werden?

Hirata: Es gibt viele junge talentierte Autoren in Indonesien. Aber nur von wenigen ist tatsächlich mehr als ein Buch auf Deutsch erschienen. Ein Autor, den ich besonders schätze und als meinen literarischen Lehrer betrachte, ist Ahmad Tohari. In den Neunzigerjahren kamen zwei Romane von ihm auf Deutsch heraus. Ich wünsche den deutschsprachigen Lesern, dass sie noch mehr von ihm kennenlernen.

STANDARD: Und welche Wünsche haben Sie für Ihre Zukunft?

Hirata: Für mein Land wünsche ich mir, dass wir die Armut verringern. Für mich habe ich drei Ziele: Ich möchte ein guter Schriftsteller sein. Aber vor allem möchte ich ein guter Mensch sein. Und ich wünsche mir, dass meine Romane all die Kinder, die irgendwo in der Welt in Armut leben, dazu ermutigen, sich Bildung zu verschaffen. (Ruth Renée Reif, 10.10.2015)

Andrea Hirata, geb. 1976 auf der indonesischen Insel Belitong, absolvierte an der Universität von Jakarta ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, das er mit einem EU-Sti pendium an der Sorbonne in Paris und der Sheffield Hallam University abschloss. Im Jahr 2005 veröffentlichte er seinen ersten Roman, der sofort eine Millionenauflage erreichte. Er wurde in über 25 Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschien er 2013 unter dem Titel "Die Regenbogentruppe". Die Verfilmung des Romans durch den Regisseur Riri Riza fand in Indonesien fünf Millionen Zuschauer und wurde 2009 auch auf der Berlinale gezeigt. Im selben Jahr verfilmte Riza auch Hiratas Roman "Der Träumer", der bei Hanser soeben auf Deutsch herauskam. In Indonesien erscheint bereits Hiratas achter Roman, "Ayah" (Vater).

Zum Weiterlesen Der Inselstaat und seine Schreiber

  • Der indonesische Autor Andrea Hirata
    foto: billy konnolly

    Der indonesische Autor Andrea Hirata

  • Artikelbild
    foto: hanser
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