"Rabo de Peixe": Die Fischer aus einer verlorenen Zeit

9. Oktober 2015, 12:11
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Das Doku-Essay "Rabo de Peixe" von Joaquim Pinto und Nuno Leonel

"Wenn ihr mit zum Fischen wollt, gebt uns die Kamera." Schnell sind die Rollen vertauscht. Die Fischer rennen zum Meer, die Kamera schwankt, als seien sie auf hoher See. Dann filmen sie sich gegenseitig: ihre Gesichter, ihre arbeitenden Hände, die Arbeitsgeräte. Netze, Köder und Haken. Zum Jahreswechsel 1998/99 besuchen die beiden Filmemacher und langjährigen Lebenspartner Joaquim Pinto und Nuno Leonel zum ersten Mal das Dorf Rabo de Peixe auf der Azoren-Insel São Miguel. Nahezu jede Familie lebt hier vom Fischfang, das Handwerk wird seit Generationen von den Vätern an die Söhne weitergegeben. Aus der persönlichen Begegnung mit einem Ort, seinen Menschen und ihrem bedrohten Gewerbe entsteht die Idee eines Films.

Immer wieder begleiten die Regisseure den jungen Fischer Pedro auf seinem Boot beim Krab- ben-, Makrelen- und Schwertfischfang. Der portugiesische Fernsehsender jedoch verstümmelt den Film. Nach der erneuten Bearbeitung ist nun Rabo de Peixe (Fish Tail) entstanden – eine Mischung aus Essay, Diary und Dokumentation. Auch wenn die Aufnahmen fast fünfzehn Jahre zurückliegen, wird der Film nicht retrospektiv erzählt, sondern in der Gegenwart der damaligen Zeit belassen. Er wirkt wie ein seltenes Fundstück.

Seemonster und Industriefischer

Pinto und Leonel nehmen sich erzählerische Freiheiten, schweifen ab, zitieren Simone Weil und streuen unvermutet filmhistorische Referenzen ein: etwa zu Seemonsterfilmen wie Jack Arnolds Creature from the Black Lagoon. Und auch wenn die Arbeit der Fischer im Zentrum steht, deren Raum zunehmend von Industriefischereigiganten beschnitten wird, ist Rabo de Peixe ebenso ein Film über das Verhältnis der Regisseure zu ihren Protagonisten, ihren Blick – die Kamera hat zu den Gesichtern und Körpern ein fast zärtliches Verhältnis.

Rabo de Peixe ist mit der Nähe und Intimität eines Home-Movies gedreht, doch die Grundierung ist politisch. Hier, auf den Azoren, meinen Pinto und Leonel Reste freiheitlicher Arbeit, von Gemeinschaft und Zusammenhalt gefunden zu haben. Tatsächlich kennen die Fischer keinen festen Lohn. Die Einnahmen werden kollektiv aufgeteilt.

Mit seinem Interesse an Menschen – und Freundschaften – ist Rabo de Peixe eine Art Gegenerzählung zu Leviathan, Lucien Castaing-Taylors und Véréna Paravels brachialem Trip auf einem Industriefischereischiff, das sich ohne Rücksicht durchs Meer frisst (der Film ist in der "Animals"-Retrospektive zu sehen). Als romantische Projektion eignet sich der Film aber kaum. Während des Drehs verschwinden zwei Fischer, sie werden nie gefunden. Am Ende ist Portugal der Eurozone beigetreten. Die Frage, wie Pedro, Manuel, Arturo und die anderen das krisengeschüttelte Jahrzehnt überstanden haben, steht unweigerlich im Raum. (Esther Buss, 9.10.2015)

28. 10., 20.30, Metro

5. 11., 13.30, Stadtkino

Programm und Karten unter www.viennale.at

  • Fast zärtlich nähert sich die Kamera den Figuren an.
    foto: viennale

    Fast zärtlich nähert sich die Kamera den Figuren an.

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