Technologie-Forscherin: "Oft erschließt sich der Nutzen nicht"

Interview13. Oktober 2015, 09:00
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Warum der intelligente Mülleimer noch nicht in jedem Büro in Verwendung ist und wie das Internet of Things unser Zuhause sicherer machen könnte

STANDARD: Im Bereich "Internet of Things" ist bereits einiges möglich – vom Kühlschrank oder der Waschmaschine, die sich über Tablet oder Smartphone regeln lassen, bis hin zum Mistkübel, der Benachrichtigungen versendet, wenn er voll ist. Warum werden diese Technologien nicht genutzt?

Hochleitner: Das liegt zunächst einmal daran, dass die Menschen sie nicht verstehen, diese Technologien ihnen zu komplex sind. Darum wollen sie sie auch nicht verwenden. Ein gutes Beispiel sind die Smart Watches, die intelligenten Uhren: Ihr Nutzen erschließt sich vielen noch nicht. Das ist bei anderen Technologien ähnlich.

STANDARD: Es wird also viel entwickelt, das die Menschen gar nicht brauchen?

Hochleitner: Ich glaube schon, dass intelligente Technologien, deren Ziel es ja ist, das Leben zu erleichtern, für sie nützlich sein können. Aber momentan gibt es keine verständlichen Bedienungsanleitungen. Dazu kommen Sicherheitsbedenken, Datenschutzbedenken. Die Menschen fragen sich: Was kann man aus den Daten, die da gesammelt werden, alles herauslesen? Kann man zum Beispiel herauslesen, ob ich zu Hause bin? Hat der Chef nun Einblick, wann ich im Büro bin? Es erscheint als massiver Eingriff ins Private. Deshalb muss die Funktionsweise der Geräte noch transparenter aufbereitet werden. Damit die Nutzer diese Angst ablegen können. Daran forsche ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Bereich Technology-Experience. Es geht uns darum, zu evaluieren, wie die Information idealerweise präsentiert werden kann. Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Den-Nutzer-Informieren und dem Den-Nutzer-überwältigen-und-noch-mehr-Abschrecken.

STANDARD: Aber auch wenn die Nutzer über die Funktionsweise Bescheid wissen, können sie nicht wissen, ob ihre Daten sicher sind.

Hochleitner: Es stimmt, das können sie nicht wissen. Deshalb braucht es natürlich auch eine sichere technische Infrastruktur und gute rechtliche Standards. In Gesetzen muss streng geregelt werden, welche Daten gesammelt werden dürfen, was mit ihnen passieren darf und welche technischen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit die Informationen sicher sind.

STANDARD: Beim Smart Home herrscht Skepsis, weil die Privatsphäre berührt wird. Auf Facebook scheint das hingegen kaum jemanden abzuschrecken. Irgendwie paradox?

Hochleitner: Sicherheitsbedenken werden im alltäglichen Umgang mit vertrauter Technik tatsächlich oft in den Hintergrund gestellt. Der Grund: Man will etwas unbedingt und möglichst sofort. So ist das bei Facebook: Die Nutzer wollen dort schnell und einfach mit anderen kommunizieren, alles andere ist ihnen in dem Moment unwichtig. Ein ähnliches Beispiel ist Amazon. Wenn Sie ein Buch unbedingt brauchen, werden Sie es bestellen, egal welche Informationen sie dabei preisgeben müssen.

Beim Smart Home oder Smart Office geht diese Rechnung aber nicht auf. Die Technologien sind vielen zu teuer, für den Nutzen, den sie offenbar bringen. Und das ist gut, denn sie haben auch in puncto Sicherheit sehr viel Potenzial: Wenn man beispielsweise auf Urlaub ist, kann man den Anschein erwecken, man wäre man zu Hause: Die Jalousien automatisch hoch- und runterfahren lassen, das Licht täglich ein- und ausschalten.

STANDARD: Um intelligente Technologien zu testen, nutzen Sie virtuelle Realitäten?

Hochleitner: Diese virtuellen Räume sind tatsächlich praktisch, um Smart Homes oder Smart Offices zu testen – diese Szenarios live nachzustellen wäre weit aufwendiger.

In einem unserer Forschungsprojekte haben wir also unsere Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen durch virtuelle Appartements oder Büros, in denen die Geräte miteinander vernetzt sind, gehen lassen. Wir haben sie aufgefordert, dort intelligente Medikamentenkasten zu bedienen. Waren die Medikamente aufgebraucht, sollten sie welche nachbestellen. Im virtuellen Büro haben wir die Probanden Zutrittssysteme und vernetzte Drucker verwenden lassen. Wir haben sie vorher darüber aufgeklärt, an wen die Informationen, die sie dabei angeben müssen, gehen, und gemessen, ob die Warnungen wahrgenommen und die Empfehlungen befolgt wurden.

STANDARD: Und wurden sie?

Hochleitner: Als sie einen digitalen Schlüssel für ihre Haustüre vergeben sollten, entschieden sich nach einer Warnung immerhin 94 Prozent dagegen, ihn zu vergeben. Lediglich knapp über 40 Prozent haben Medikamente nachbestellt, wenn ihnen davon abgeraten wurde. (Lisa Breit, 13.10.2015)

Christina Hochleitner forscht am AIT Austrian Institute of Technology zu Usability, User-Experience, Datenschutz, Sicherheit und Vertrauen.

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  • Sie Smart Watch: Vielen zu komplex, um sie zu verwenden.
    foto: reuters/albert gea

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