Gewaltwelle in Nahost weitet sich aus

9. Oktober 2015, 13:30
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Hamas-Chef spricht von neuer Intifada – Fünf Palästinenser erschossen – Vier israelische Araber niedergestochen

Jerusalem – Die Welle der Gewalt in Nahost hat sich am Freitag bedrohlich ausgeweitet. Israelische Soldaten erschossen über die Grenze zum Gazastreifen hinweg fünf Palästinenser, wie die palästinensischen Rettungsdienste mitteilten. Der dortige Hamas-Chef sprach von einer "neuen Intifada".

Erstmals seit Beginn der neuen Gewaltspirale griff ein Jude in Südisrael mit einem Messer Araber an, nachdem es innerhalb einer Woche zwölf palästinensische Messerangriffe gegeben hatte.

Der Führer der radikalislamischen Hamas-Organisation im Gazastreifen, Ismail Haniyeh, verkündete beim Freitagsgebet in Gaza: "Wir rufen dazu auf, die Intifada zu verstärken und zuzuspitzen. Denn dies ist der einzige Weg, der zur Befreiung von den Besatzern führt." Intifada bezeichnet den Aufstand der Palästinenser, die ersten beiden Aufstände hatte es von 1987 bis 1993 und von 2000 bis 2005 gegeben. Haniyeh fügte hinzu: "Gaza wird seine Rolle in dieser Jerusalem-Intifada erfüllen und ist für die Konfrontation mehr als gerüstet."

Fünf Palästinenser erschossen

Kurz danach kam es zu Zusammenstößen an zwei Stellen der Grenze mit Israel. Durch die Sperranlagen hindurch erschossen dabei östlich von Gaza israelische Soldaten fünf Palästinenser, drei davon 20, einer 19 und einer 15 Jahre alt, wie die palästinensischen Rettungsdienste mitteilten. Die Soldaten hätten auf Steinwürfe von rund 300 Demonstranten mit scharfen Schüssen geantwortet, sagte eine Armeesprecherin. Im Süden der Enklave, östlich von Khan Younis, kam es zu ähnlichen Konfrontationen. An beiden Stellen gab es auch zahlreiche Verletzte, zum Teil mit schweren Schusswunden.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern war Mitte September anlässlich des Streits um die Nutzungsrechte auf dem Jerusalemer Tempelberg erneut aufgeflammt. Seit Donnerstag vergangener Woche gab es zahlreiche Anschläge und gewalttätige Proteste, bei denen vier Israelis und elf Palästinenser, darunter fünf mutmaßliche Attentäter, getötet wurden.

Messerangriff

Bei dem ersten Messer-Angriff eines Juden auf Araber erlitten am Freitagmorgen in der südisraelischen Stadt Dimona vier Araber Stichwunden, wie die Polizei mitteilte. Zwei der Opfer waren demnach arabische Israelis aus dem Umland. Bei den beiden anderen handelte es sich um palästinensische Bauarbeiter aus dem Westjordanland.

Die vier Männer wurden teils mit schwereren Stichwunden in ein Krankenhaus nach Beersheba gebracht. Der nach ersten Angaben 17-jährige jüdische Angreifer wurde am Tatort festgenommen. Als Motiv habe der Jugendliche erklärt, für ihn seien "alle Araber Terroristen", berichtete die Polizei. Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu verurteilte diesen Angriff auf "unschuldige Araber scharf". Die Zahl der seit dem vergangenen Samstag von Palästinensern und arabischen Israelis verübten Attacken mit Stichwaffen erhöhte sich mit drei weiteren Angriffen am Freitag auf zwölf.

Zugang zum Tempelberg beschränkt

Angesichts der Eskalation der Gewalt hat Israel erneut den Zugang zum Tempelberg in Jerusalem für Muslime beschränkt. Kein Mann im Alter unter 50 Jahren dürfe zu den Freitagsgebeten auf das Gelände, teilten die Behörden mit.

Die israelischen Behörden hatten erst am Mittwoch bereits zuvor erlassene Einschränkungen beim Zugang für Muslime zum Tempelberg wieder aufgehoben. Nun wurden diese zum muslimischen Freitagsgebet erneut verhängt. Netanyahu verbot allerdings am Donnerstag auch israelischen Politikern den Besuch des Geländes, auf dem bis zum Jahr 70 der Jüdische Tempel stand und wo vor 1.300 Jahren die Moschee und der islamische Felsendom errichtet wurden. An der für Juden und Muslime heiligen Stätte entzünden sich immer wieder Konflikte. (APA, 9.10.2015)

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