VW-Manager vor dem US-Kongress: "Es ist in der Tat kaum zu glauben"

8. Oktober 2015, 20:34
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Der US-Chef von Volkswagen, Michael Horn, musste im Kongress in den Zeugenstand

Lädt der amerikanische Kongress einen Wirtschaftsmann vor, um einem Skandal auf den Grund zu gehen, kennt er keine Gnade. Ob Toyota nach einer Serie von Sicherheitspannen, BP nach der Explosion einer Ölbohrplattform oder General Motors, der selbstgefällige Autobauer, der mit Milliarden vor dem Bankrott gerettet werden musste: Als sich die verantwortlichen Manager den Abgeordneten auf Capitol Hill stellten, wurden sie regelrecht gegrillt. Michael Horn, dem US-Chef von Volkswagen, ging es nicht anders. Am Donnerstag trat er vorm Energie- und Handelsausschuss des Repräsentantenhauses in den Zeugenstand, um zur Abgasaffäre auszusagen.

Im Namen seiner Kollegen in Deutschland biete er eine aufrichtige Entschuldigung an, sagt Horn. "Wir haben das Vertrauen unserer Kunden, unserer Händler und Angestellten genauso missbraucht wie das der Öffentlichkeit und der Aufsichtsbehörden." Er räumt ein, bereits im Frühjahr 2014 von Problemen bei der Einhaltung von Abgaswerten erfahren zu haben. Techniker würden mit der Umweltbehörde EPA kooperieren, um Lösungen zu finden, habe es später geheißen. Aber Betrügereien mit Software, das habe er sich nicht vorstellen können, betont er, bevor er von den Reparaturarbeiten spricht, die man nun mit Hochdruck angehe. 430 000 in den USA verkaufte Dieselfahrzeuge würden mit hohem Aufwand nachgerüstet, wobei mehrere Szenarien denkbar seien, eines davon der Einbau eines speziellen Stickoxid-Katalysators. Mindestens zwei Jahre könne das alles dauern – sobald man eine Lösung habe.

Kühl und ungeduldig

In Worten ging der Hamburger in Sack und Asche, aber das reicht nicht in einem Parlament, das in solchen Fällen auch die Mimik echter Reue erwartet. Als Toyota-Boss Akio Toyoda hier 2010 um Verzeihung bat, wirkte er, als würde er sich jeden Moment in ein imaginäres Schwert stürzen. Horn dagegen: kühl, bisweilen ungeduldig, wenn eine Frage kommt, die er bereits beantwortet zu haben glaubt.

Was auf VW noch zukommen kann, lässt allein schon eine Klage West Virginias erkennen, eines Bundesstaats, der sich dem Kapitel schon deshalb mit besonderem Eifer widmet, weil es ein Team der West Virginia University war, das den Autobauern auf die Schliche kam. Für jedes Mobil mit Schummel-Software soll VW nun mit 5000 Dollar Strafe büßen. Obendrein soll es den Kunden erstatten, was diese für "Clean-Diesel"-Modelle im Vergleich zu billigeren, benzingetriebenen zusätzlich berappten, dazu Entschädigungen zahlen, sowohl für den gesunkenen Wiederverkaufswert als auch für den zu erwartenden Leistungsverlust, der mit der Nachrüstung einhergehen dürfte.

Das Beispiel wird sicher landesweit Schule machen, doch nach der Anhörung zu urteilen, ist wohl auch dies nur die Spitze des Eisbergs – ganz abgesehen von den privaten Sammelklagen, von Klagen düpierter Anleger, an denen Dutzende Anwälte zwischen Seattle und Miami bereits feilen. Horn absolviert derweil verbale Eiertänze. "Die Kunden werden den Kraftstoffverbrauch pro Meile bekommen, der ausgewiesen ist. Aber der Umbau könnte einen kleinen Effekt auf die Leistung der Autos haben."

"VW hat eine ganze Nation betrogen"

Wie Wolfsburg denn mit dem Schaden umzugehen gedenke, der den Amerikanern – wohlgemerkt, nicht nur VW-Kunden – durch die in Wahrheit viel höheren Stickoxid-Emissionen entstanden sei, will Frank Pallone wissen, ein demokratischer Abgeordneter aus New Jersey. "VW hat eine ganze Nation betrogen. Entweder wird hier gründlich saubergemacht, oder Sie verabschieden sich von der Straße", poltert Fred Upton, ein Republikaner aus dem Autobauerstaat Michigan. Worte interessierten nicht mehr, nur noch Taten, sagt Jan Schakowsky, eine Demokratin aus Illinois. "Das Wort dieser Firma ist keinen Heller mehr wert."

Der Republikaner Joe Barton, ein wirtschaftsfreundlicher Texaner, kann einfach nicht glauben, dass nur eine kleine Gruppe von Technikern über die Tricksereien im Bilde war. Dass man, wie Horn im Auftrag der Wolfsburger Zentrale erklärt, in den Spitzenetagen erst Anfang September davon erfuhr. "Glauben Sie wirklich, in einem so straff geführten Unternehmen wie VW hatten die Topmanager jahrelang nicht die geringste Ahnung?" Da müsse er wohl zustimmen, pflichtet Horn bei. "Es ist in der Tat kaum zu glauben", auch ihm persönlich falle das schwer. (Frank Herrmann aus Washington, 8.10.2015)

  • "Wir haben das Vertrauen unserer Kunden, unserer Händler und Angestellten genauso missbraucht wie das der Öffentlichkeit und der Aufsichtsbehörden."
    foto: apa/epa/jim lo scalzo

    "Wir haben das Vertrauen unserer Kunden, unserer Händler und Angestellten genauso missbraucht wie das der Öffentlichkeit und der Aufsichtsbehörden."

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