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Reportage10. Oktober 2015, 12:00

Irene Wernicke hat es eilig. Ungeduldig wippt sie von einem Fuß auf den anderen, sortiert zum x-ten Mal die Informationsbroschüren, schaut sich ein ums andere Mal um. Es ist der Blick einer strengen Lehrerin, mit dem sie vor allen anderen ÖVP-Wahlkampfhelfern ihren Schützling über den Rochusmarkt hetzen sieht. "Du bist spät dran", sagt sie zu Sabine Schwarz, der Spitzenkandidatin der Volkspartei im dritten Wiener Gemeindebezirk.

Die beiden kennen einander "noch von der Schule" – Irene als Lehrerin, Sabine als Schülerin. Da können schon mal die Rollen verschwimmen, und Sabine antwortet im Ton einer ertappten Schülerin: "Aber es sind ja eh nur ein paar Minuten, ich hab so einen Stress." Irene verzeiht in der Sekunde, und los geht die Tour. Die sportliche Frau mit den kurzen grauen Haaren scheint jeden auf dem Markt zu kennen, sie grüßt, verteilt Folder, macht hier einen kleinen Scherz, fragt dort nach dem werten Befinden – und immer findet sie sehr schnell einen Dreh, "die Sabine" zu bewerben.

So flott geht das gut zwei Stunden dahin, dann muss Frau Wernicke wieder weiter – erst das Enkerl von der Schule abholen, später dann zu den Flüchtlingen auf den Westbahnhof. Irene Wernicke ist der ÖVP seit Jörg Mauthes Zeiten treu, auch unter Schwarz-Blau blieb sie dabei – aber ihr Engagement war nie nur auf die Partei beschränkt.

Wahlkampf als Freizeitaktivität

Ohne Wernicke und ihresgleichen könnte die ÖVP den Kampf um Wählerstimmen auf Wiens Straßen, Plätzen und in den Wohnbauten aber gar nicht bestreiten. Den anderen Parteien ergeht es ähnlich: Von den Sozialdemokraten bis zu den Freiheitlichen, von den Grünen bis hin zu den Neos – niemand kann auf die klassische Methode der persönlichen Kontaktaufnahme verzichten. Möglichst flächendeckend sollen alle und jeder auf die Wahl angesprochen werden, vor allem in jenen Bezirken und Grätzeln, wo man sich Zuspruch oder sogar Zuwächse erhofft, den sogenannten "Battlegrounds".

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Irene Wenicke würde die ÖVP auch unterstützen, sollte sie mit den Freiheitlichen koalieren. Nur die Einführung der Todesstrafe oder Ähnlichem ginge gar nicht.

Weder die Spitzenkandidaten noch jene, die auf ein Gemeinderats- oder zumindest ein Bezirksratsmandat hoffen, schaffen das allein. Sie alle sind auf jene freiwilligen, ehrenamtlichen Helfer angewiesen, die einen Gutteil ihrer Freizeit, manche 20 Stunden und mehr pro Woche, in die Partei ihres Vertrauens investieren. Ihre Motive sind unterschiedlich: Entweder ist es Sympathie für eine bestimmte Idee oder Ideologie, das unbestimmte Gefühl, "etwas tun" zu wollen, manchmal ist es auch nur Sympathie für einen bestimmten Politiker oder eine Politikerin, mitunter erhoffen sich vor allem junge Leute auch einen dauerhaften Job in den Parteistrukturen.

Und manchmal ist es einfach nur Heinz-Christian Strache. Der FPÖ-Chef mobilisiert – seine Fans und seine Gegner. Einige, die der STANDARD für diese Geschichte befragt hat, gaben an, sie wollten "verhindern, dass Strache weiter gewinnt".

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Schön bio unterwegs: Katharina Mandl engagiert sich seit zwei Jahren für die Grünen. Im Häuser-Wahlkampf glaubt die Germanistik-Studentin das politische Handwerk zu lernen.

Das Thema Flüchtlinge habe viele Menschen motiviert – auch im Sinne eines Engagements für Parteien, glaubt etwa der grüne Landesgeschäftsführer Georg Prack: "Bei uns engagieren sich viel mehr Leute als beim letzten Mal."

Der Politologe Anton Pelinka bemerkt langfristig einen Gegentrend: "Freiwilliges Engagement für Parteien geht insgesamt zurück." Das schließe freilich kurzfristiges Aufflackern von parteipolitischem Engagement nicht aus. Vor allem, weil die Traditionsparteien kontinuierlich Mitglieder verlieren, "werden vor allem SPÖ und ÖVP auf Dauer Schwierigkeiten haben" (Pelinka). Denn obwohl traditionell geführte Wahlkämpfe immer weniger wichtig würden, wolle niemand damit aufhören, sagt Pelinka: "Weil alle anderen ja auch damit weitermachen."

In diesem Wiener Wahlkampf scheinen die Parteien jedoch noch keine großen Probleme gehabt zu haben, ehrenamtliche Mitarbeiter zu finden. Zumindest behaupten sie das.

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Resolut, aber herzlich und beharrlich: Irene Wernicke läuft sich seit Jahrzehnten für die ÖVP die Füße wund. Als ehemalige Lehrerin hat sie eine hohe Frustrationstoleranz.

Für die ÖVP sind rund 120 Freiwillige im Einsatz, die allein über das "Mobilisierungsbüro" der Landesparteizentrale aktiviert werden konnten – nicht mitgerechnet jene, die aus Sympathie, Freundschaft oder Verwandtschaft "ihre" Kandidaten in den Bezirken begleiten.

Die Grünen reklamieren 500 Freiwillige für sich. Für die Neos rennen sich laut Kommunikationschefin Kornelia Kopf "gut 1000 Leute" wienweit die Sohlen ab. Die SPÖ-Landesparteizentrale berichtet sogar von 8000 Freiwilligen, die man von den roten Inhalten begeistern habe können.

Allein die FPÖ will nichts sagen – sie ließ dem STANDARD ausrichten, eine Geschichte über freiwillige Helfer im Wiener Wahlkampf "entspricht uns nicht". Laut dem Politikwissenschafter Hubert Sickinger lasse sich aber auch so gut einschätzen, "dass hier mindestens so viele Freiwillige unterwegs sind wie für die Sozialdemokraten". Wien ist für die FPÖ schließlich ein einziges großes Wahlschlachtfeld. Schon vor zwei Jahren begannen die Blauen ihre systematische Wahlkampftour durch Wiener Gemeindebauten. Hier hat man schon einmal das "Duell" gegen den roten Bürgermeister ausgerufen, nun soll es gar eine "Oktoberrevolution" werden.

Das merkt man auch auf den Wiener Märkten, etwa am Rochusmarkt, wo sich an Samstagvormittagen vor Wahlen die Parteien fast auf die Füße treten. Zwischen den Marktstandln drängen sich die bunten Sonnenschirme der Parteien, darunter, davor und dazwischen tummeln sich die Wahlhelfer in grellem Pink, Blau, Gelb – oder Rot.

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Der Unternehmer Harald Sorger wirbt für die Sozialdemokraten.

Harald Sorger ist einer von ihnen, er bemüht sich sehr, Menschen ins Gespräch zu verwickeln, die eigentlich hier nur ihre Einkäufe erledigen wollen. Ins Gespräch kommen – das ist schon etwas, befindet er. Er ist im Hauptberuf Bühnenbeleuchter und -techniker mit eigener Firma, quasi nebenberuflich rennt er derzeit im Wiener Wahlkampf für die SPÖ.

Der 42-jährige Unternehmer widmet nun "zehn Stunden aufwärts pro Woche" Michael Häupl und der Sozialdemokratie. Warum er das macht? Sorger muss nicht lange nachdenken: "Ich fühle mich hier zu Hause, wir sind hier alle per Du." Er sei zwar erblich vorbelastet ("Mein Opa war beim Schutzbund"), er selbst habe aber länger gebraucht, um zur SPÖ zu finden. 2011, erzählt Sorger, habe er dann Werner Faymann im TV-" Sommergespräch" gesehen: "Ich fand recht vernünftig, was er zu Wirtschaft und Stabilität sagte, und dass der Mensch immer im Zentrum der Politik stehen muss."

Im selben Herbst habe er dann mit anderen Unternehmern die Wiener Finanzstadträtin Renate Brauner zu einem Arbeitsbesuch nach Baku begleitet und sei "nochmals positiv überrascht" worden. Daraufhin wurde er SPÖ-Mitglied.

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"G’spür für Wien": Harald Sorger versucht einen Passanten am Rochusmarkt davon zu überzeugen, dass nur die SPÖ ein solches habe. Leicht hat er es dabei nicht immer.

Dort nahm man Harald Sorger gern – und ließ ihn ins gut geölte Getriebe einer Mitgliederpartei hineingleiten: Kennenlernwochenende, Wiener Parteischule, Abendworkshops, Exkursionen. Im Dezember 2014 war Sorger dann so weit: Er übernahm gleich eine eigene SPÖ-Sektion im 3. Bezirk, wo er seither versucht, auch "Menschen von außerhalb" mit interessanten Vorträgen zu aktuellen Themen ins Lokal zu holen. Und er stellt sich wochenends auf Märkte, versucht Passanten von Michael Häupls "G'spür für Wien" zu überzeugen und macht Hausbesuche, um den Leuten das Kreuzerlmachen bei den Roten schmackhaft zu machen.

Aus der Sicht des Politologen Sickinger werden ehrenamtliche Wahlkampfhelfer immer wichtiger: "Gezielte, flächendeckende Hausbesuche in den Hoffnungsbezirken sind das Um und Auf." Dieser Trend in westlichen Demokratien habe sich schon 2008, beim ersten Präsidentschaftswahlkampf von Barack Obama abgezeichnet und 2012, bei seiner Wiederwahl, verfestigt.

Zwar nutzten Obama und sein Team Social Media so intensiv wie keiner zuvor – aber die demokratischen Wahlhelfer ließen in den "Battlegrounds" kaum ein Haus unbesucht. Und dem persönlichen Vorsprechen folgte sofort eine freundliche E-Mail als Anknüpfung an das "gute Gespräch". So sollte die mögliche Wahlentscheidung pro Obama noch einmal bekräftigt werden.

In den USA hat "Volunteering" für Parteien freilich eine andere Tradition als hierzulande, wo die (Groß-)parteien jahrzehntelang auf eine solide Mitgliederbasis zurückgreifen konnten, die den "Ground War" um jede Wählerstimme führte. Man musste sich nicht um zusätzliche Mobilisierungen bemühen. Das hat sich grundlegend verändert, nun ist auch Hilfe von außen gefragt. Sickinger: "Es werden auch Studenten für Geld angeheuert. Darüber wird nicht gern geredet, aber ohne das ginge es nicht."

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Marie-Therese Sölle ist durch und durch pink gestyled und würde für ihre Partei, die Neos, nahezu alles tun.

Zu verteilen gibt es tonnenweise. Keine Partei geizt mit Hochglanzbroschüren, Foldern und Giveaways. Erstmals haben sich die im Wiener Gemeinderat vertretenen Parteien in den Wahlkampfkosten selbst beschränkt. Nicht mehr als sechs Millionen Euro pro Partei darf ausgegeben werden, bei Verstößen kann der Rechnungshof Geldbußen verhängen.

Für den Politologen haben die österreichischen Parteien "ohnehin zu viel Geld". Das führe zu "sinnlosen Ausgaben", sagt Sickinger: "Alle wissen, dass Dreieckständer nichts bringen. Trotzdem machen es alle – weil es die anderen auch tun."

Hoodie-Träger mit Laptop

Den geringsten Teil des vielen Geldes bekommen die ehrenamtlichen Wahlkampfhelfer. Bei den Neos führte die Sparsamkeit im Oberösterreich-Wahlkampf sogar zu einer herben Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft. Man suchte dort junge Grafiker, Callcentermitarbeiter, Projektmanager, Assistenten für die Pressearbeit und Mitarbeiter für inhaltliche Recherche. Gelockt wurde mit dem Spruch: "Wir haben kein Geld, um dich zu bezahlen, aber wir haben leckeren Kuchen." Woraufhin die Gewerkschaft prompt einen geplanten "Berufseinstieg von jungen Menschen zum Nulltarif" witterte.

Auch in der pinken Wiener Wahlkampfzentrale in der Neustiftgasse ist kaum jemand über 30. Stattdessen: Jede Menge Hoodie-Träger und -innen vor Laptops, ein Wuzzler, Politiker-Karikaturen an den Wänden (von allen Spitzenkandidaten), bunte Charts, Slogans. Von dort startet auch Marie-Therese Sölle ihre Tour. Die Kärntnerin aus Hermagor, die in Klagenfurt Wirtschaft und Slawistik studiert, ist für ihren Wahlkampfeinsatz auf der Mariahilfer Straße perfekt gestylt: Die Nägel pink, die Jacke ebenso, ganz zu schweigen von den Luftballons, die sie umschweben. Die 21-Jährige ist eine gutgelaunte Erscheinung mit wehendem Haar – die Passanten auf der "MaHü" nehmen ihr gerne die Neos-Ballons ab und spendieren Unterschriften für die "Aufbegehren"-Kampagne der Neos.

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Gute Laune gegen "g’stopfte Politiker": Marie-Therese Sölle fand über ihre Schwester zu den Neos. Der ehemaligen Leistungssportlerin gefällt die Motivation im pinken War-Room.

Sölle verbrachte diesen Sommer in Wien, weil auch die große Schwester bei den Neos ist. Ihr Elternhaus beschreibt sie als nicht sehr politisch, erst die begeisterten Erzählungen ihrer Schwester hätten sie neugierig gemacht. "In meiner Jugend", erzählt die junge Dame, habe sie Skifahren als Leistungssport betrieben – "dieselbe Motivation habe ich bei den Leuten hier gefunden".

Puffer für Schlechtgelaunte

An Motivation fehlt es den anderen auch nicht. Allerdings haben es die Helfer der Regierungsparteien um einiges schwerer. Im Häuserkampf und auf der Straße müssen sie sich für das rechtfertigen, was in den letzten fünf Jahren im Rathaus an Politik gemacht – oder auch nicht gemacht – wurde.

Die Grünen etwa dürfen sich – je nach Bezirk und je nach politischer Sympathie – anhören, woran ihre Spitzenkandidatin Maria Vassilakou schuld ist.

Katharina Mandl, 22 Jahre jung, hat da schon einiges gehört: "Wenn es regnet und die Menschen im Stau gestanden sind, kriegst du das um die Ohren gehaut", lächelt sie. Ihr mache das freilich nichts aus – und Negativerlebnisse seien ohnehin in der Minderzahl, sagt Mandl. Die Germanistikstudentin und Mutter eines sechsjährigen Sohnes engagiert sich seit zwei Jahren für die Grünen. Sie macht Hausbesuche, ging im Sommer auf Bädertour, stellt sich auf Straßen, die die Grünen gerne verkehrsberuhigen würden, und verteilt Folder. Warum sie das tut? "Die Stärke der FPÖ bei der Nationalratswahl war ein Riesenschock für mich, da habe ich beschlossen, etwas dagegen zu tun."

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Katharina Mandl stehe dort, wo man sie braucht und verteile "Zeugs" für die Grünen.

Im Lärm der Praterstraße kramt sie in den grünen Leinentaschen mit dem Aufdruck "Bio macht schön" und sucht ihr Material zusammen: Folder, Türhänger, Schokoherzen. Viele öffnen heute ihre Wohnungstür, die Grünen können ihre Botschaften anbringen. Leichthin sagt Katharina: "Zum Spaß sage ich oft, ich werde einmal grüne Bundessprecherin." Allerdings fehle ihr noch das nötige politische Handwerk. Mittlerweile hat sie keine Skrupel, an fremden Türen zu läuten und auf Menschen zuzugehen.

Das konnten in diesem Wien-Wahlkampf jedenfalls alle freiwilligen Helfer gut üben.

(Petra Stuiber, 10.10.2015)