Leopold-Museum: Die Bilder hinter den Augen

9. Oktober 2015, 05:30
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Trunken machen in der Ausstellung "Farbenrausch. Meisterwerke des deutschen Expressionismus" weniger die Gemälde als die kuratorischen und gestalterischen Extras, auf die man besser verzichtet hätte

Wien – Dass sein Ego ausgeprägt war, davon war auszugehen. "Ich kann nicht verstandesmäßig arbeiten, ich bin zu sehr Farbenmensch", schrieb Ernst Ludwig Kirchner. Und weiter: "Seltsam, die Hoffnung der kleinen Seele, dass das Genie kommen möge und die ängstliche Theorie zum Wege tragen möchte. Wisst ihr ja nicht, dass das Genie keine Theorie braucht."

Dass Kirchners große Genieseele sich so raumgreifend entfaltete, dass die Künstlergruppe Brücke 1913, acht Jahre nach ihrer Gründung, zerbrach, schien bisher nie so ausdrücklich formuliert worden zu sein. Kirchner muss sich, so vermittelt es sich derzeit in einer Expressionistenschau im Leopold-Museum, bis zum Unerträglichen als "spiritus movens" der Gruppe aufgeplustert haben.

Bis zum Zerwürfnis steigerte sich im Brücke-Zirkel, womöglich auch durch eitles Gegockel untereinander angestachelt, allerdings die Expression, brachte außerordentliche Feste der Farbe und entfesselter Gesten hervor – freilich vorrangig auf der Leinwand. Aber wer weiß? Leidenschaftlich diskutiert wurde sicherlich auch bei den Zusammenkünften von Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein, Otto Mueller und Emil Nolde. Obgleich Kirchners Gemälde Künstlergruppe (Unterhaltung der Künstler) von 1913 doch eher das Bild eines im Sessel zurückgelehnten Bohemiens zeichnet, dem zwei Damen regelrecht an den Lippen hängen.

Der Zeitgeist war auf Krawall gebürstet, es galt gegen das Etablierte, Akademische zu rebellieren; der Impressionismus war zu sehr auf die Optik bedacht, der Jugendstil in die schöne Linie verliebt, es verlangte den Lebenshungrigen nach mehr Emotion, nach "unmittelbarem und unverfälschtem Ausdruck". Das, was die Brücke in ihrem Manifest beschwor, soll aber angestoßen worden sein von einer Vincent-van-Gogh-Ausstellung 1905 in der Galerie Arnold in Dresden.

Simpsonsgelb und Lehmbraun

Der im Titel beschworene Rausch der Farbe, von dem Elisabeth Leopold so wortgewaltig schwelgt – Kolorit, das "alles schlägt", "Farbe, die sie zum Leuchten und Klingen bringen" -, vermittelt sich in der Schau allerdings anfänglich nur zögerlich: Ochsenblutrote Segel und simpsonsgelbe Menschen in lehmbraunen Anzügen des Brücke-Künstlers Kirchner sind im Vergleich zu Farborgien in Bildern des Blauen Reiters eher lau. Wie ein tiefblaues Samtband zieht sich ein Gebirgszug, der eine zitronengelbe Sonne schluckt, durch eine Landschaft Gabriele Münters.

Und Alexej von Jawlenskys Barbarenfürstin leuchtet – trotz dunkler, von Kajal umrandeter Augen – so hell wie eine Christbaumkugel. Später aber zieht mit Emil Nolde ein Sturm herauf: Er lässt die Dramatik mit schwarzvioletten Wolken aufziehen, malt das, was Munch als die "Bilder hinter den Augen" bezeichnete.

Trotzdem, so richtig scheint man im Leopold Museum der Rauschwirkung der Farbe nicht zu vertrauen. Warum? Der White Cube war wohl zu fade, und so hat man die acht Räume zum Traum eines Malermeisters aufgemöbelt: von Grasgrün über Lavendelblau und Flieder sowie Ocker, Maisgelb, Royalblau und Minzkaugummigrün bis Kirschrot.

Bei aller Begeisterung für Farbe – in einem Museum sollte sie doch eher jener im Geviert des Rahmens gelten und nicht der Wandfarbenpalette im Heimwerkermarkt. Obendrein bremst dieser echte Fauxpas die Wirkkraft der Bilder. Aber dem nicht genug: Die Ouvertüre bestreitet man mit einer Art multimedialem Kaleidoskop. Virgil Widrich projiziert die aus den Gemälden der Schau gewonnenen Farbstrukturen auf konzentrische Ringe: Besucherhypnose im Liegen.

Rausch oder Poesie

Statt den Rausch der Farbe beschwört die Staatsgalerie Stuttgart bald die Poesie der Farbe und scheint dabei ein klareres Konzept für eine Expressionistenschau zu verfolgen: Blau steht für die Künstler des Blauen Reiters, Rot vereint Bilder von Beckmann, Dix und Grosz. Gelb ist für heitere, ironische, ins Groteske gehende Aspekte reserviert.

In Wien hält man es eher mit der Konfusion: So mischen sich zwischen die überwiegend vor und während des Ersten Weltkriegs entstandenen Werke späte Arbeiten der Künstler aus den 1930er-Jahren – unter anderem von Einzelgänger Christian Rohlfs, dem man tatsächlich lieber – und zu Recht – eine kleine Personale gewidmet hätte. Die Krux der Schau, die der Titel geschickt verbirgt: Es ist die Präsentation einer einzigen Sammlung – und zwar jener von Karl Ernst Osthaus, einem Mäzen jener Zeit. (Anne Katrin Feßler, 9.10.2015)

Bis 11. Jänner

  • Franz Marc schrieb den Farben symbolische Werte zu: "Kleine Komposition III" (1913/14).
    foto: osthaus museum hagen & institut für kulturaustausch

    Franz Marc schrieb den Farben symbolische Werte zu: "Kleine Komposition III" (1913/14).

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