Wie sich die Neos den Grant großer Zeitungen zuzogen

8. Oktober 2015, 17:44
166 Postings

Zeiten fokussierter Werbefreude – Spitzenkandidatin Meinl-Reisinger sieht "System des Schutzgelds"

Wien – In 12.741 Excel-Zeilen stecken viele lohnende Themen. Lohnend für Medien, in denen Bundesländer und Bund und ihre Firmen und Institutionen mit Steuergeld Werbung buchen. Lohnend für Funktionsträger und ihre Parteien, jedenfalls hoffen sie das. Parteien, die diese öffentliche Werbung kritisieren und selbst Vorwahlrabatte fordern, wird das indes heimgezahlt.

"Ich kriege einen Anruf von einem Journalisten, der ins Telefon brüllt und mir sagt, wenn ich noch einmal sage, dass die Werbeausgaben, die Inseratenausgaben zu hoch sind, dann schreibt er die Neos nieder", berichtete Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger am Montagabend in der TV-Debatte zur Wiener Landtagswahl. Namen wollen die Neos nicht nennen.

Wien wirbt am meisten im Boulevard

Wien bucht laut Medientransparenzdaten mit Abstand die meiste Werbung, zuletzt von April bis Juni 2015 8,8 Millionen Euro, mit städtischen Firmen 13 Millionen. Und Wien wirbt stets mit großem Abstand am meisten in den drei großen Boulevardtiteln Krone, Heute und Österreich.

Was stört den zitierten leitenden Journalisten und einen weiteren, der laut Neos ähnlich grantig reagierte? Der zweite erklärte das so: Was würden Sie sagen, Frau Meinl-Reisinger, wenn man Ihnen Geld wegnehmen will?

Neunmal mehr Werbung

Die Neos durchforsteten die gemeldeten Werbedaten und kamen zum Schluss, dass Wien 2014 mit 26,7 Millionen Euro fast dreimal soviel für Werbung ausgab wie die übrigen Bundesländer zusammen. Meinl-Reisinger formuliert daraus drastisch ihren Vorwurf eines "korrupten Mafiasystems der Werbeausgaben der Stadt Wien und der stadteigenen Betriebe".

Die Neos rechneten auch die vor der Wahl sprunghaft steigende Werbefreude Wien-naher Institutionen nach. Große Inserenten wie die Wiener Linien buchten im ersten Quartal 2015 um 44, im zweiten um 84 Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Stadtwerke Holding legte von null auf gut 430.000 im ersten Halbjahr 2015 zu. Kleinere Wiener Werber haben ihre Buchungen im ersten Halbjahr 2015 vervielfacht: Der Wiener Arbeitnehmerinnen Förderungsfonds verdoppelte sein Werbevolumen im ersten und zweiten Quartal 2015 beinahe gegenüber 2014. Der Fonds Soziales Wien hat es im ersten Quartal 2015 gegenüber 2014 auf gut 1,4 Millionen verneunfacht. Die Kampagne titelte: "Ich bin für Dich da."

"System des Schutzgelds"

Ein dritter Zeitungsmann drohte diplomatischer, weil mehrdeutig, als die Neos ihm eröffneten, dass sie in seiner Zeitung nicht mehr inserieren. Das werde sich wohl auf die Sichtbarkeit der Neos in seiner Zeitung auswirken, erklärte dieser Medienmann. Meinl-Reisinger nennt das ein "System des Schutzgelds".

"Neos-Kandidatin Beate Meinl-Reisinger wird beim Thema Werbung emotional": So knapp erwähnte eine Zeitung ihren Debattenauftritt. Nicht ganz unsichtbar. (Harald Fidler, 8.10.2015)

Korrektur

Die Drohung des dritten Zeitungsmannes bezog sich nicht, wie zunächst berichtet, auf den Vorschlag der Neos, Wahlwerbung nur mit 50 Prozent Rabatt zu bezahlen, und wenn sie zehn Prozent der Stimmen bekommen, den Rest auf den offiziellen Tarif zu begleichen. Dieses Modell schlugen die Neos nach eigenen Angaben nur TV-Sendern vor. (fid)

  • Bei der Elefantenrunde zur Wien-Wahl am Sonntag berichtete Beate Meinl-Reisinger (Mitte) von "einem Journalisten, der ins Telefon brüllt und mir sagt, wenn ich noch einmal sage, dass die Werbeausgaben, die Inseratenausgaben zu hoch sind, dann schreibt er die Neos nieder".
    foto: apa/georg hochmuth

    Bei der Elefantenrunde zur Wien-Wahl am Sonntag berichtete Beate Meinl-Reisinger (Mitte) von "einem Journalisten, der ins Telefon brüllt und mir sagt, wenn ich noch einmal sage, dass die Werbeausgaben, die Inseratenausgaben zu hoch sind, dann schreibt er die Neos nieder".

Share if you care.