Strache goes Hip-Hop – und vermarktet sich selbst

Kommentar der anderen8. Oktober 2015, 17:04
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Im jüngsten Wahlkampf-Rap hat Heinz-Christian Strache klugerweise darauf verzichtet, selbst zu singen. Als Kommunikationskanal zu Jugendlichen setzt die FPÖ den Rap professioneller ein denn je – auch wenn die Botschaften gar nichts Rebellisches an sich haben

Von "super geniales Video" bis "Peinlichkeitsrekord" lauten die Kommentare zum Wahlkampf-Rap von und mit dem freiheitlichen Parteiobmann. Gleichzeitig zeugen die mehr als 100.000 Aufrufe auf Youtube innerhalb der ersten beiden Tage nicht unbedingt von Bedeutungslosigkeit.

Zwei Beobachtungen scheinen mir in diesem Zusammenhang von Bedeutung zu sein: Verglichen mit dem ersten Rap, in dem der freiheitliche Obmann noch der Liedsänger war, reflektiert der zweite Rap einen Meilensprung in der Qualität, selbst wenn die PR-Agenten dahinter scheinbar nicht verstanden haben, dass es "MC Blue feat. HC Strache" anstatt "HC Strache feat. MC Blue" heißen müsste. Dennoch: Niemand, auch nicht die jungen Kandidaten der restlichen Parteien, vermögen in ihren Mitteln der Kommunikation mit den Jungwählern mit dem Rechtspopulisten mitzuhalten; der einstige Jungpolitiker Kurz, der sich Umfragewerten zufolge weiterhin hoher Beliebtheitsgrade erfreut, mit seiner Funktion als Außenminister aber kaum ein Geilomobil fahren kann, ebenso wenig wie der nicht in Wien antretende, aber werbende junge Grünpolitiker Julian Schmid. Sie alle stehen verglichen mit Strache mit grauen Gesichtern da.

Heinz-Christian Strache hat bereits bei seinem ersten Rap-Video, mehr holprig als professionell, das jugendliche Genre des Deutsch-Raps für sich entdeckt. Damals machte er den Fehler, wenig gekonnt und wenig authentisch selbst als Liedsänger aufzutreten. Den Refrain bildeten alte Männer und wenige Frauen, die im Hintergrund überdimensional große Österreich-Fahnen in politischen Prunkbauten schwenkten. Damit reflektierte das Rap-Video vermutlich mehr die Lebenswelten des Politikermilieus der FPÖ als jenes der jungen Menschen, die er mit dem Video anzusprechen trachtete.

Nicht so bei dem neuen Rap-Video. Der freiheitliche Spitzenkandidat für die Wiener Wahl lässt gekonnt für sich und seine Inhalte rappen. MC Blue rappt mit mehr Flow als Strache und lässig im Wiener Dialekt die zentralen Forderungen der Partei und erklärt, warum HC der beste Kandidat sei.

"Delinquente" Sequenzen wie ein Tag (Graffiti) mit den Initialen "HC" an einer Wand verweisen auf das Rebellische und Jugendliche der Marke "HC". Eigentlich spießt sich das mit dem Prinzip des Law and Order, dieses wird aber in diesem Fall hintangestellt. Mit der Nachahmung von Falco wird auf die heimische Musikszene Bezug genommen, ein Stück weit Tradition hergestellt.

Besonders interessant erscheint auch der letzte Teil des Raps, in dem der FP-Obmann mit Jungen wie Alten zusammensitzt und im Rap austauschend Dialog führt. Der Rap selbst wird damit – ähnlich dem Gründeranspruch in den frühen 1970er-Jahren – als verbindendendes Element von Jung und Alt zu einem Faktor der Vergemeinschaftlichung und kreativen Auseinandersetzung.

War der Rap in den 1990er-Jahren im Kontext von Antiamerikanismus und florierendem antischwarzem Rassismus noch Inbegriff von zerstörerischer Unkultur, bedient sich heute der Obmann der FPÖ dieses in der Zwischenzeit deutschsprachig etablierten Genres als eines neuen Kommunikationskanals zur Jugend von heute. Während auch die Wiener Sozialdemokratie im Gewand der Wiener Regierung bereits vor vielen Jahren den Hip-Hop als Kommunikationsmittel für sich entdeckt hat, unterscheidet das FPÖ-Video vor allem Folgendes: die explizite Vermittlung von Parteiforderungen, ein Zuschneiden auf den Spitzenkandidaten und die konsequente Vermarktung des PR-Artikels "HC". (Farid Hafez, 8.10.2015)

Farid Hafez ist Politikwissenschafter an der Universität Salzburg und forschte an der Columbia University zu Hip-Hop-Musik und Politik.

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