Das Schillern der Knöpfe im Waldviertel

12. Oktober 2015, 09:00
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Vor 50 Jahren fertigten noch an die 100 Betriebe in Österreich Knöpfe aus Perlmutt. Heute tut das nur noch eine Firma

Felling – Wenige Kilometer neben der kleinsten Stadt Österreichs, Hardegg, liegt in einer Senke der kleine Ort Felling, einen Steinwurf von der tschechischen Grenze entfernt. 2011 waren hier 128 Einwohner gemeldet. Doch immer mehr Menschen verlassen die Ortschaft, nicht zuletzt mangels Arbeitsperspektiven. Die waren im kargen Waldviertel noch nie üppig, weshalb sich die Menschen schon immer nach einem Zubrot zu ihrer Landwirtschaft umgeschaut haben.

So wie jener Fellinger namens Rudolf Machart, der wie viele Leute in der Gegend Anfang des 20. Jahrhunderts in mühseliger Heimarbeit Perlmuttknöpfe aus Flussmuscheln der Thaya und der March fertigte. Offenbar war er geschickter als andere mit seiner hölzernen Knopfdrechselmaschine: 1911 machte er sich selbstständig. Mit fünf Herren und einer Dame, wie aus der Familienchronik hervorgeht.

Warum sein Ururenkel am gleichen Ort noch immer das Gleiche tut, kann dieser mit Worten allein nicht erklären. Schließlich wäre er gerne Uhrmacher geworden. Aber wenn Rainer Mattejka durch die Räume seiner kleinen Firma schreitet, sich Perlmuttknöpfe durch die Finger rieseln lässt, den von seiner Frau Anita gefertigten Schmuck im Licht seine glänzenden und schillernden Schattierungen entfalten lässt und von seinem Großvater Bruno Machart erzählt, dann spürt man, dass das etwas mit Freude am Schönen und mit Liebe zu tun hat.

2003 verstarb Mattejkas Großvater plötzlich mit 73 Jahren. Bis zum letzten Tag hatte er regelmäßig bis neun Uhr abends in seiner Werkstatt Muschelrondelle ausgebohrt und gespaltet, raue Oberflächen glattgeschliffen. Mattejka, der als Kind mit seinen Eltern nach Wien gezogen war, war in den Ferien regelmäßig an seiner Seite gesessen und ihm zur Hand gegangen. Seine Entscheidung, das (Lebens-)Werk des Großvaters zu übernehmen und in die abgelegene Ortschaft zu übersiedeln, fiel rasch.

foto: standard/heidi seywald


Leid und Glück liegen mitunter nah beieinander. Kurze Zeit nach dem Tod des Großvaters ergab sich ein lukrativer Auftrag eines großen italienischen Modeherstellers, weitere folgten. Mattejka investierte in neue Maschinen. Heute fertigt RM Perlmutterdesign für Top-Modemarken und Hemdenproduzenten in der ganzen Welt, für namhafte Dirndlschneidereien und Maßhemdenhersteller, erzählt der 42-jährige Waldviertler Unternehmer. Spuckten die Maschinen 2003 etwa eine Million Knöpfe aus, sind es heute zwischen sieben und acht Millionen Stück pro Jahr. Wurde vor 22 Jahren noch 90 Prozent der Ware im Inland abgesetzt und zehn Prozent exportiert, ist es heute genau umgekehrt.

Preisanstieg durch Tsunami

25 Tonnen Muschelmaterial werden von den derzeit insgesamt sieben Beschäftigten des Fellinger Betriebs jährlich verarbeitet. Schon längst stammen die Muscheln nicht mehr aus heimischen Flüssen. Gewässerverschmutzung und Flussbegradigungen haben den empfindlichen Weichtieren den Garaus gemacht. Bereits Anfang der 50er-Jahre hat Großvater Bruno Marchart mit dem Import begonnen. Hauptlieferland ist Indonesien mit Makassar-Muscheln und Trocas-Schnecken. Wurden seinerzeit die Muscheln noch in ganzen Stücken geliefert, bezieht Enkel Rainer Mattejka mittlerweile nur mehr die Rondelle für die Knöpfe, die ausgebohrten Rundstücke, die dann weiterverarbeitet werden. Seit dem verheerenden Tsunami 2004 in Südostasien sind die Materialpreise stark gestiegen. Lag der Preis pro Kilo vorher bei neun Euro, sind es Mattejka zufolge heute um die 40 Euro. Viele Muschelfarmen wurden zerstört. Erst wenn die Mollusken zwölf, dreizehn Jahre alt sind, sind ihre Schalenschichten optimal für die Perlmuttverarbeitung.

Auch wenn heute vieles maschinell erfolgt, ist die Herstellung immer noch sehr handarbeitsintensiv. Je nach Machart wird ein Perlmuttknopf bis zu zwölfmal in die Hand genommen, bevor er für seinen Bestimmungszweck verschickt wird. Der Aufwand hat seinen Preis: Im Vergleich zum Polyesterprodukt ist Perlmutt zehnmal teurer. Der Plastikknopf war es denn auch, der die einst florierende Industrie in die Knie zwang. Bis in die 70er-Jahre habe es noch an die 100 Perlmuttbetriebe in Österreich gegeben, berichtet Mattejka. Heute ist er der einzige. In ganz Europa existieren nur noch fünf Betriebe, die Perlmuttknöpfe produzieren.

Auch wenn Plastik die Welt regiert, ein Naturprodukt wie Perlmutt wirkt nun einmal edler. Das wissen nicht nur renommierte Modeerzeuger, sondern auch Firmen, die in Felling Einlageverzierungen aus Perlmutt für ihre Produkte erzeugen lassen, wie etwa den Schriftzug Bösendorfer auf einigen Modellen des Klavierherstellers.

Etwa die Hälfte seines Umsatzes von knapp einer Million Euro erzielt das Unternehmen mit Knöpfen. Neben Schmuck und Restaurierungsarbeiten sind auch touristische Angebote wie Führungen durch die Werkstätte oder der alljährliche Perlmutter-Tag am 1. Mai zu einem, wenn auch kleinen, Standbein erwachsen, von dem auch die Region profitiert.

Wie sieht es mit der nächsten Generation aus, der 2001 geborenen Tochter und dem 2003 auf die Welt gekommenen Sohn des Ehepaars Mattejka? Werden sie den Traditionsbetrieb einmal fortführen? Der Firmenchef seufzt. "Es wird immer alles komplizierter, mit dem Papierkram, den Steuern, der Politik. Vielleicht ist es gescheiter, wenn sie mal etwas anderes machen ..." Fest steht für ihn aber eines: Solange es geht, bleibt er dem alten Metier der Perlmuttknopfherstellung treu. (Karin Tzschentke, 12.10.2015)

  • Der Aufwand für die Herstellung eines Perlmuttknopfs ist enorm: Bis zu zwölfmal wird er bei den einzelnen Arbeitsschritten in die Hand genommen. Rainer Mattejka leitet die Waldviertler Drechslerei in der fünften Generation.
    foto: robert herbst

    Der Aufwand für die Herstellung eines Perlmuttknopfs ist enorm: Bis zu zwölfmal wird er bei den einzelnen Arbeitsschritten in die Hand genommen. Rainer Mattejka leitet die Waldviertler Drechslerei in der fünften Generation.

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