Flüchtlingsberichterstattung der Medien polarisiert Österreich

8. Oktober 2015, 15:32
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Chefredakteure: Größte journalistische Herausforderung seit Jahren – "Tiefes Misstrauen vieler Bürger dem Establishment gegenüber" – "Penibel an Fakten halten"

Wien – Die Berichterstattung über die Flüchtlingsbewegungen in und um Österreich ist die größte Herausforderung für Medien seit Jahren. Das berichten Chefredakteurinnen und Chefredakteure des ORF sowie großer Zeitungen und Zeitschriften gegenüber der APA. "Wir versuchen die Balance zwischen 'Zeigen, was ist' und 'Darauf hinweisen, was nicht ist' zu halten", so ORF-Chefredakteur Fritz Dittlbacher.

"Kleine Zeitung"-Chefredakteur Hubert Patterer und "Salzburger Nachrichten"-Chef Manfred Perterer weisen darauf hin, dass das Thema die Leserschaft extrem stark polarisiert. "Ich spüre ein großes, tiefes Misstrauen vieler Bürger dem Establishment gegenüber, und die Medien müssen aufpassen, dass sich dieses Misstrauen nicht auch auf sie überträgt", so Patterers Befund zur Lage der Nation.

Umfragen

Seit Wochen berichten Österreichs Medien in Sondersendungen, Sonderformaten und langen Printstrecken über die Flüchtlingsthematik und ihre Folgen auf Politik und Gesellschaft. Im Zusammenhang mit der Berichterstattung gibt es auch viel Kritik: Veröffentlichte Meinung und öffentliche Meinung lägen beim Thema Flüchtlinge weit auseinander, Mainstream-Medien berichteten nicht objektiv, sondern überwiegend positiv und sparten negative Folgen aus. In einer aktuellen "tv-media"-Umfrage meinen etwa 46,4 Prozent der Befragten, dass der ORF zu sehr aufseiten der Flüchtlinge stehe, 36 Prozent sehen die ORF-Aufgaben von Neutralität und Objektivität gut wahrgenommen.

"Verantwortungsvoll informieren heißt nicht, Vorurteile zu bestärken, sondern sie zu hinterfragen", hält Fernsehchefredakteur Dittlbacher dem entgegen. "Weder ist es unsere Aufgabe, die Welt zu verbessern, noch, nur das zu schreiben, was die Mehrheit der Bevölkerung gerade denkt. Das ist Sache der Boulevardzeitung", erklärt "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak zur Problematik der gespaltenen Seher- und Leserschaft.

Offenes Klima schaffen

"Österreich"-Herausgeber Wolfgang Fellner betrachtet es als "Aufgabe der Medien und insbesondere auch von Zeitungen mit großer Massenwirkung, bei gesellschaftlich so wichtigen Fragen ein Klima der Menschlichkeit, der Toleranz, der Fairness und der Hilfsbereitschaft zu erzeugen". Fellner hat jedenfalls den Eindruck, "dass sich unsere veröffentlichte Meinung mit der öffentlichen Meinung weitgehend deckt".

Keine Rückmeldung gibt vom geschäftsführenden "Krone"-Chefredakteur Klaus Herrmann. Die "Krone" fährt in der Flüchtlingsberichterstattung einen "ambivalenten Kurs" zwischen alarmistischem Ressentiment und toleranter Empathie, wie der Medienforscher Fritz Hausjell stattdessen für die APA analysiert.

Viele Rückmeldungen

Für "Kurier"-Herausgeber Helmut Brandstätter kommt es jetzt auf eine klare Haltung an: "Denjenigen, die hier sind, muss geholfen werden." Zustimmung und Ablehnung punkto Berichterstattung hielten sich in der "Kurier"-Leserschaft "die Waage", so Brandstätter. "Interessant ist, dass wir viel mehr positive Rückmeldungen als sonst bekommen." "Kleine"-Chefredakteur Patterer ortet hingegen "Liebesentzug von beiden Flanken".

Fakten, Fakten, Fakten ist für das Gros der Medien deshalb die zentrale Linie. "Wir versuchen, möglichst das ganze Bild zu beleuchten", erklärt etwa "News"-Chefredakteurin Eva Weissenberger. "Der Hysterie und Aufregung beider Seiten nüchtern und sachlich" begegnen, nennt "Presse"-Chefredakteur Nowak als vordringliche Aufgabe. "Penibel an Fakten halten", rät SN-Chefredakteur Perterer.

Behörden erschweren Recherche

STANDARD-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid weist dabei auf eine besondere Schwierigkeit hin: "Die Behörden machen Recherchen nicht leicht, weil unterschiedliche Zahlen angegeben werden oder, wie zu den Kosten, erst gar keine Informationen offiziell preisgegeben werden." Und Gerold Riedmann, Chefredakteur der "Vorarlberger Nachrichten", führt ein weiteres Problem an: "Ich stelle seit einiger Zeit fest, dass sich ein Teil durch sehr selektive Auswahl von Nachrichtenquellen in Zusammenwirkung mit Facebook seine eigene Wirklichkeit – teils auch in Form einer Echokammer – schafft. Das Sichtfeld wird durch die Scheuklappen des Newsfeed-Algorithmus immer enger. Und der Wohlfühlfaktor ist höher, wenn alle, die ich kenne, derselben Meinung sind." Die VN würden jedenfalls weiter für Menschlichkeit eintreten. "Dafür lass' ich mich gern prügeln", so Riedmann.

Während "Presse", "Standard" oder "Kleine Zeitung" wegen der Flüchtlingsberichterstattung mit einzelnen Abo-Abbestellungen konfrontiert sind, melden andere Medien steigendes Publikumsinteresse. "Wir haben seit langem schon nicht mehr so kontinuierlich hohe Reichweiten gehabt wie in dieser Flüchtlingskrise", so ORF-Chefredakteur Dittlbacher. Auch "profil"-Herausgeber Christian Rainer spricht von hohen Verkaufszahlen im Einzelhandel. Rainer sieht auch weniger die Medien in der Kritik: "Die Kritik entzündet sich vielmehr an der Politik und hier in auffälliger Masse an der paralysierten und negierenden Regierung im Bund und in den Ländern", so der "profil"-Chef.

Der Kommunikationswissenschafter Hausjell stellt den Medien ein überwiegend positives Zeugnis für ihre Berichterstattung aus: "Das ist in Summe eine gewaltige journalistische Leistung, die man da beobachten kann." (APA, 8.10.2015)

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