Warum Maria Giulia für den IS in den Jihad zog

16. Oktober 2015, 15:53
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Maria Giulia Sergio ist nach Syrien ausgewandert. Es ist die Frage, warum eine junge italienische Frau sich radikalisierte, die die Öffentlichkeit beschäftigt

Immer wieder tauchte der Name Adriano auf. Marta Serafini, Mailänder Journalistin, vermutete beim Lesen der Abhörprotokolle der vermutlich ersten italienischen Jihadistin einen Code. Maria Giulia Sergio telefonierte mit ihren Eltern und wollte, dass diese ihr nach Syrien folgen. Bis sich herausstellte, dass Adriano die Katze ist, die Maria Giulias Eltern daran hinderte, ihrer Tochter nachzureisen.

Maria Giulia nennt sich jetzt Fatima. Die 28-jährige Italienerin reiste vor einem Jahr nach Syrien, um der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu dienen. Ihre Eltern sollten nachkommen, doch sie sind in Haft, weil bei ihnen Geld gefunden wurde. Sie stehen im Verdacht, eine Terrororganisation finanziert zu haben. Die Mutter ist mittlerweile verstorben. Die Katze und die Sorge der Eltern über das syrische Essen gaben dem Fall eine skurrile Note, die Italien mitverfolgte. In den Medien wurde sie zur "Lady Jihad". Marta Serafini hat ihre Geschichte aufgeschrieben und das Buch "Maria Giulia que devienne Fatima" ("Maria Giulia, die zu Fatima wurde") veröffentlicht.

81 Italiener kämpfen in Syrien

Maria Giulia ist nicht der einzige Fall in Italien, aber der prominenteste: Seit 2014 sind 81 Italiener für den IS in den Krieg gezogen. Für ein Land mit knapp 60 Millionen Einwohnern ist das nicht viel. Insgesamt soll es etwa 5.000 europäische Foreign Fighters geben, das Innenministerium rechnet mit etwa 200 aus Österreich. Warum es in Italien weniger Jihadisten gibt, hat der Politikwissenschafter Lorenzo Vidino untersucht. Seine These: In Italien fehlt die zweite Generation eingewanderter Muslime. Anders als beispielsweise in Frankreich kamen erst in den 1990er-Jahren Einwanderer aus muslimischen Ländern nach Italien. Dadurch haben sich weder traditionelle Netzwerke entwickeln können, noch gibt es eine salafistische Szene oder Propagandamaterial auf Italienisch. Das ist aber keine Erklärung für Maria Giulia.

Denn sie ist Italienerin. Auch Serafini wollte herausfinden, was eine italienische Biotechnologie-Studentin, die in einer Pizzeria arbeitet, dazu bringt, in den Jihad zu gehen. Maria Giulia stammt aus einem Ort im Süden, ihre Eltern sind katholisch, aber laut Serafini mehr abergläubisch als religiös. Sie übersiedelten in den Norden, wo sie wie eine normale italienische Familie lebten. Maria Giulia heiratete einen Muslim, mit 24 Jahren konvertierte sie, mit 28 war sie Italiens bekannteste Terroristin. Von ihrem ersten Mann ließ sie sich scheiden, weil er ihr zu wenig radikal war. Über eine Bekannte wurde ihr ein neuer Ehemann vermittelt, mit dem sie im September 2014 nach Syrien ausreiste. Warum sich Maria Giulia in den vier Jahren radikalisierte, hat Serafini nicht herausgefunden, obwohl sie das die Jihadistin in einem Skype-Interview fragte. "Ich habe sie auch immer wieder gefragt, ob sie auch kämpft, aber darauf hat sie mit IS-Propagandasätzen geantwortet."

Scharfe Gesetze

Die Anschläge auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris haben die italienische Regierung dazu veranlasst, im Februar die Antiterrorgesetze zu verschärfen. Stefano Dambruoso, Abgeordneter der liberalen Regierungspartei Scelta Civica, erklärt, dass strengere Gesetze kaum mehr möglich seien. Dann wäre die Balance zwischen Sicherheit und Privatsphäre gefährdet. Dambruoso gilt als Italiens Terrorexperte, er hat als Staatsanwalt wichtige Terrorprozesse gegen Al-Kaida-Terroristen geführt. Heute reicht ein Verdacht, um abgehört zu werden, und für nichtitalienische Staatsbürger ist der Verdacht ausreichend, um ausgewiesen zu werden. "Wir können selbst Menschen, die chatten, festnehmen", sagt Dambruoso.

Seit Anfang des Jahres wurden 45 Personen des Landes verwiesen, weil sie unter Verdacht standen, in Terrorpläne verwickelt zu sein. Das entspricht einer Abschiebung pro Woche. Weitere 64 wurden verhaftet. Die Zahl der Soldaten, die auf der Straße patrouillieren, wurde deutlich erhöht. Statt 3.000 Soldaten bewachen nun 4.800 öffentliche Einrichtungen und Plätze.

Uniform statt Prävention

Vidino würde sich mehr vorbeugende Maßnahmen wünschen. Doch der Politikwissenschafter, der an der George Washington University in den USA unterrichtet, sieht es pragmatisch: "Prävention ist nicht in unserer DNA." Tatsächlich gibt es bis dato kaum staatliche Präventionsprogramme, die Radikalisierung verhindern könnten. Der Staat setzt auf Überwachung.

Ganz so drastisch sieht es Dambruoso nicht: Auch in Italien gebe es Deradikalisierung. Aber wegen der schwierigen wirtschaftlichen Situation sei es schwierig, der Öffentlichkeit zu sagen, dass derartige Programme finanziert werden, während überall anders gespart werde. "Rechtspopulisten und Clowns sind mir ihrer Forderung, die Grenzen zu schließen, einfach lauter", sagt der Abgeordnete. In einem Aspekt sind Dambruoso und Vidino einer Meinung. Es sind nicht Terrororganisationen, die eine Bedrohung darstellen, sondern Einzelpersonen, die sich innerhalb weniger Wochen radikalisieren. "Sie besuchen die gleichen Schulen wie unsere Kinder", sagt Dambruoso. Warum der Aufwand betrieben wird, wenn keine akute Gefahr besteht? Es ist die Angst, dass wie in Frankreich eine zweite Generation heranwächst, die für den Staat eine Gefahr darstellen könnte, erklärt der Abgeordnete.

Maria Giulias Name steht auf der Liste der Terrorfahnder. Sollte sie zurückkommen, wird sie sofort verhaftet. Der Prozess gegen ihren Vater beginnt in den nächsten Wochen. (Marie-Theres Egyed aus Mailand, 16.10.2015)

Die Reise nach Mailand wurde durch das Eurotours-Projekt finanziert.
  • Uniform statt Prävention: In Italien wurden die Anti-Terror-Gesetze verschärft und die Zahl der Soldaten auf öffentlichen Plätzen erhöht.
    foto: reuters/garofalo

    Uniform statt Prävention: In Italien wurden die Anti-Terror-Gesetze verschärft und die Zahl der Soldaten auf öffentlichen Plätzen erhöht.

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