Rapper zu Hetze: "Keine große Verschwörung gegen das Volk"

Interview8. Oktober 2015, 17:00
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Kurz vor der Wien-Wahl melden sich die Rapper ASZ & Ramses zu Wort. Ihr Video "Kein Asylant" soll aufrütteln und auf die Hetze der letzten Wochen aufmerksam machen

STANDARD: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, diesen Track zu produzieren?

ASZ: Es hat mich einfach nur noch geärgert, dass ich ständig auf Facebook diskutieren musste. Es ging in jeder Diskussion um das Hetzen und Verbreiten von Rassismus. Jedes Mal wurden Halbwahrheiten oder gar Lügen gepostet. Irgendwann kam der Tag, an dem ich mir dachte, dass ich jedes Mal aufs Neue dieselbe Antwort gebe und mich das schon müde macht. Wieso also nicht gleich einen Track veröffentlichen, der eine Pauschalantwort bietet?

STANDARD: Im Track heißt es an einer Stelle, dass gerade Boulevardmedien viel Unheil anrichten. Was stört euch an der derzeitigen medialen Berichterstattung?

ASZ: Leider muss man damit leben, dass vieles in den Medien gelogen oder verdreht ist. Es ist einfach nur widerlich, dass diese Zeitungen ihre Macht nutzen, um Leute zu manipulieren. Ich würde mich für diese Stadt, für dieses Land und für die ganze Welt freuen, wenn Medienberichte auch mal hinterfragt und analysiert würden.

STANDARD: Gerade bei Flüchtlingen haben sich in Österreich einige Rapper zu Wort gemeldet. Was braucht es, um eine dauerhaft aktive Zivilgesellschaft zu unterstützen?

ASZ: Das klingt jetzt vielleicht oberflächlich und nach Phrasendrescherei, aber man muss endlich eine Mitte finden. Weder linksgerichtete noch rechtsnationale Politik bringt eine Lösung. Ich weiß leider selber nicht, wie man dieses komplexe Thema am besten angeht, aber ich weiß, was auf keinen Fall eine Lösung bringt, und das ist Hetzen und Lügen.

aszfalito


STANDARD: In eurem Video habt ihr auch Kommentare und Hasspostings von Facebook-Nutzern eingebaut, die gegen Flüchtlinge und Migranten Stimmung machen.

ASZ: Ich finde es lustig, dass in weniger als 24 Stunden schon der erste rassistische Eintrag seinen Weg unter unser Video gefunden hat. So etwas werde ich, glaube ich, niemals verstehen. Jeder darf mir seine Meinung äußern, aber sobald es niveaulos wird, schalte ich einfach ab und beziehe dumme Facebook-Posts einfach in das neue Musikvideo ein, um zu zeigen, wie lächerlich sich manche Menschen verhalten. Ich denke, das ist die beste Antwort darauf.

STANDARD: Wie ihr über H.-C. Strache und die FPÖ denkt, habt ihr oft deutlich gemacht. Spielt man nicht gerade mit Ausgrenzungen jeglicher Art auch in die Hände der rechten Parteien?

Ramses: Würde man sie aber mit ins Boot holen, so würde man ihre Aussagen legitimieren. Wenn die SPÖ beispielsweise eine Koalition mit der FPÖ nicht ausschließt, zeigt das, dass man zwar mit der FPÖ nicht d'accord ist, aber sie sich noch im Rahmen des Vertretbaren befindet – was sie aber zurzeit nicht ist.

ASZ: Ich grenze keine Personen oder Parteien aus, wenn man sich meinen Part genau anhört. Als Künstler habe ich einfach die Möglichkeit, öffentlich zu kommentieren. Und genau das haben wir gemacht.

STANDARD: Momentan vertreten mehrere Kommentatoren die Meinung, dass viele deshalb die FPÖ wählen, weil sie davon ausgehen, dass das die einzige Partei ist, die ihre Probleme anspricht. Bei den anderen Parteien hat man den Eindruck, sie würden darüber gar nicht reden wollen. Wie seht ihr das?

Ramses: Viele Ängste, die die FPÖ schürt, sind unrealistisch oder frei erfunden. Es gibt niemanden, der den Nikolo und das Schweinefleisch verbieten will. Es gibt keine große Verschwörung gegen das Volk, die der ORF insgeheim anzettelt. Es gibt keine Islamisierung und auch niemanden, der halbwegs bei Verstand ist, der eine will. Viele der Ängste schafft die FPÖ ja absichtlich. Man müsste 24 Stunden am Tag einen "Wir nehmen euch die von der FPÖ geschürten Ängste"-Service anbieten.

ASZ: Politik ist mehr oder weniger eine Art von Werbung. Man hat ein Produkt und will das der jeweiligen Zielgruppe verkaufen. Produkte kann man am besten mit Emotionen beziehungsweise Ängsten verkaufen, weil diese uns Menschen sehr stark beeinflussen. Man gibt den Konsumenten das Gefühl, dass dieses Produkt ihre Sorgen und Probleme beseitigen wird. Jedoch passiert es auch, dass Produkte zwar für das Beseitigen von Ängsten produziert werden, aber diese Ängste oft gar nicht existieren. Dann tritt der Fall ein, dass diese Ängste künstlich erzeugt werden müssen. Und das ist meiner Meinung nach genau das, was eine bestimmte Partei und viele Tageszeitungen ausnutzen, um zu polarisieren.

STANDARD: Nun ist es ja nicht üblich, dass sich Rapper mit entschieden-starken politischen Texten auseinandersetzen: Ein bekannter deutscher Gangster-Rapper sagte in einem Interview, dass sich seine Songs erst dann verkauft haben, als er anfing, "Blödsinn" zu rappen. Wie seht ihr das?

ASZ: Meiner Meinung nach liegt der Ursprung des Raps in der Politik. Dazu muss man sich die Geschichte des amerikanischen Hip-Hop erst mal anschauen, dann versteht man, was ich meine. Es gibt jedes Jahr politische Tracks wie zum Beispiel das aktuelle Lied von K.I.Z., "Boom Boom Boom". Also sehe ich es nicht so, dass Rap nicht politisch genug ist. Und natürlich gibt es kein Rezept, wie oder was man rappen muss, um seine Songs zu verkaufen. Es gibt auch Rapper, die mit intellektuellen Texten bekannt geworden sind, die nichts mit Straßenrap zu tun haben. Dann gibt es wiederum Rapper, die über das Drogendealen und über Waffen schreiben und damit erfolgreich sind.

Ramses: Wähler bekommt man anscheinend auch erst, wenn man einen auf niedrigste Instinkte abzielenden Wahlkampf führt und komplizierte und komplexe Themen in zwei Sätzen beschreibt.

STANDARD: Manche Meinungsforscher sagen trotzdem, dass Asyl und Terrorismus keinen Einfluss auf das individuelle Wahlverhalten haben werden. Was, glaubt ihr, wird bei der Wien-Wahl passieren?

ASZ: Ich muss an dieser Stelle meine eigene Zeile vom Song zitieren: "Ihr verliert den Glauben, doch ich finde nicht einmal einen." Siehe Oberösterreich, mehr kann ich dazu nicht sagen.

Ramses: Natürlich wird das keinen Einfluss haben. Wie kommst du darauf? Die Leute werden eine fundierte, überlegte und abgewogene Entscheidung treffen. Sich natürlich auch nicht von Emotionen oder Ängsten verleiten lassen. Man wird ganz klar und sachlich abwägen, wie gut Häupls Arbeit für Wien war oder eben nicht, und danach tanzen wir mit Walter White und John Snow durch die schönen Gassen von Gotham City. (Toumaj Khakpour, 8.10.2015)

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