Deutscher Präsident auf "Pilgerreise" in Washington

7. Oktober 2015, 23:31
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Joachim Gauck zu Gast bei Barack Obama

Joachim Gauck wirkt, als wäre er tief in Gedanken versunken. Fast wie abwesend wirkt er, wie er da sitzt vorm altehrwürdigen Kamin des Oval Office. Mit einer Miene, die man unter negativeren Umständen als versteinert bezeichnen würde, hört er sich an, wie der Hausherr ihn lobt als einen Mann, der in klaren Worten sage, dass Deutschland seine Rolle in der Welt spielen müsse. Außerdem, betont Barack Obama, stehe der deutsche Präsident fest zur Allianz mit den Vereinigten Staaten, er trage dazu bei, dass sein Land "ein unglaublich wichtiger Partner für uns ist".

Links hinter Gauck hängt ein Gemälde Abraham Lincolns, rechts eines George Washingtons, direkt über ihm die in Öl gemalte Freiheitsstatue. Auf dem runden Teppich, der das Parkett des Oval Office weitflächig bedeckt, steht ein Satz des Bürgerrechtspredigers Martin Luther King, einer, der in die Geschichtsbücher einging: "Der Bogen des moralischen Universums ist lang, aber am Ende biegt er sich in Richtung Gerechtigkeit". Lincoln, Washington, King: Die Kulisse passt irgendwie zum Besuch eines Bundespräsidenten, der in Washington, wie zuvor bereits in Philadelphia, den großen historischen Bogen schlägt.

"Pilgerreise"

Natürlich sei dies eine politische Reise, sagt Gauck, aber für ihn eben auch eine Pilgerfahrt, "eine Pilgerreise zu den Geburtsstätten berühmter Ideen", die nicht für das amerikanische Volk von Bedeutung waren, sondern für die Geschichte der Menschheit. Er habe die Einladung ins Weiße Haus im Alter von 75 Jahren erhalten, und im Laufe dieser 75 Lebensjahre hätten die USA zweimal "sehr, sehr nachhaltig" in die deutsche Politik eingegriffen. Das erste Mal 1945, als Deutschland eine Niederlage erlitten habe, die eine Befreiung geworden sei. Das zweite Mal 1990, als der damalige US-Präsident George Bush die Wiedervereinigung aus vollem Herzen unterstützte. "Das kann man nur mit Dankbarkeit bezeugen, und das tue ich hier", sagt Gauck und wiederholt in wenigen Worten, woran er am Abend zuvor, beim Einheitsfest der deutschen Botschaft, in aller Ausführlichkeit erinnert hatte.

Da hielt er eine Rede voller Anekdoten, die vom Wendeherbst des Jahres 1989 handelten, einem "Frühling im Herbst", für ihn die glücklichste Zeit seines Lebens. Am Montagabend in Philadelphia, wo er ein kleines Geschenk in der Hand hielt, die amerikanische Verfassung, sei ihm eine Geschichte wieder eingefallen, erzählte Gauck. Die Stadt Rostock im Aufbruch, er damals Sprecher der Bürgerbewegung: Über alles hätten sie in Arbeitsgruppen diskutiert, über eine neue Verwaltung, eine Polizeireform und vieles andere, bis einer sagte, dass man wohl auch eine neue Verfassung brauche. Und plötzlich habe einer ein schmales Büchlein auf den Tisch gelegt, die amerikanische Verfassung, eine Orientierungshilfe mit prägnanter Überschrift – "We the people".

Bei allen Missverständnissen, kehrt der Bundespräsident vor dem Pressepulk im Oval Office zur Gegenwart zurück, eines sei Amerikanern und Deutschen klar: "In der Tiefe wissen wir genau, wie eng wir zueinander gehören". Und die Krisen der Welt? Die Lage in Syrien sei schrecklich verwickelt, "wir haben noch nicht die nötigen diplomatischen Antworten zur Lösung dieser Krise", betont Gauck. Deutschland erkläre sich schon aufgrund seiner Geschichte bereit, Menschen Asyl zu gewähren. Es wünsche sich aber, "dass diese große humanitäre Aufgabe, die vor uns allen steht, vielleicht nicht nur in Europa, sondern darüber hinaus auch in Ihrem Lande betrachtet wird". (Frank Herrmann aus Washington, 7.10.2015)

  • Barack Obama mit seinem deutschen Gast.
    foto: reuters/bergmann

    Barack Obama mit seinem deutschen Gast.

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