Raus aus der Stadt, rein in den Wald

8. Oktober 2015, 11:03
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Die Ausstellung "Mission W" führt auf den Gallitzinberg an den Rand des Wienerwalds

Wien – Die seltsamen Stahlbetonzylinder auf der Vogeltennwiese, sicher, die hatte man schon einmal bemerkt. Aber gewusst hätte man nicht, dass es sich bei den zwei Objekten nahe der Jubliäumswarte am Rand des Wienerwalds um Splitterschutzzellen, auch "Einmannbunker" genannt, handelt. Wenn man hier graben würde, stieße man auf ein zwischen 1942 und 1945 im Gallitzinberg errichtetes Bunkersystem der Nazis, den sogenannten Schirachbunker.

Künstlerin Johanna Tinzl hat nun die Anlage, "Zentrum des Luftwarnsystems der Ostmark", zum Ausgangspunkt genommen und für die Betonzellen ein Hörspiel entwickelt. Es erzählt vom "Kuckucksruf". Ertönte im Zweiten Weltkrieg (ab 1944) im Radio "Kuckuck, Kuckuck" kündigte das die Abschaltung des Senders wegen des Herannahens feindlicher Bombergeschwader an.

Durchkreuzte Idylle

Tinzls Arbeit Positionsmeldung ist Teil des Projekts Mission W, einer Ausstellung im öffentlichen Raum – oder besser: im öffentlichen Wald. Dass ihr Thema die vogelzwitschernde Idylle beim Wochenendspaziergang durchkreuzt, passt. Am Einrichten eines romantischen Skulpturenparks waren die beiden Organisatorinnen, die Künstlerinnen Eva Engelbert und Katrin Hornek, auch gar nicht interessiert. Das Areal hier sei ja mehr eine "Projektion von Wald", so Hornek im Gespräch mit dem Standard; eine "Autobahn" unter den Wäldern, wo täglich zig Menschen spazierengehen.

Was die beiden aber sehr wohl interessiert, ist der Wienerwald als Biosphärenpark und das veränderte Verhältnis vom Mensch zur Natur. Millionenjahre kam die Erde gut ohne den Homo Sapiens aus und auch später kratzte dessen Existenz wenig. Inzwischen, im Zeitalter des Anthropozän, ist der Mensch zu einem der wesentlichsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse geworden. Und so wird der Wald im Projekt Mission W eher zur Ideenkulisse – oder wie Engelbert und Hornek es selbst formulieren – zur "Reibefläche" für die Kunstwerke.

Komplexer Eisblock

Ein dominantes Thema des kurzen, bis zur Kreuzeichenwiese führenden Skulpturenparcours ist folglich das Klima: Klaus Schafler spielt etwa mit Fiktion und Verwirrung. Er kündigt auf einer großen, sehr authentisch wirkenden Bautafel die Errichtung einer Forschungsstation an; mittels Geo-Engineering soll die ein Leben in künstlichen Lebensräumen erproben (Cold Warm). Und Ralo Mayer hat hier einen riesigen Eisblock platziert, der duch sein Schmelzen auf einer ganz simplen Ebene, Klimaerwärmung und das Schwinden der Gletscher verbildlicht. Aber so einfach ist es, liest man den Text im begleitenden Folder zu Das Innenleben der Sonde..., leider nicht. Der Exkurs zu Radiokarbondatierung, Suess-Effekt und Kohlenstoff-Isotopen ist so komplex wie viele andere Arbeiten von Mission W gedanklich verschraubt sind.

Da hält die Bürokratie rund um die Realisierung des Projekts Anregenderes bereit. Denn um hier eine Ausstellung zu realisieren, sei ein Antrag auf "temporäre Rodung" zu stellen, erzählen die Künstlerinnen. Schließlich könne dort, wo die Skulpturen stehen, in dieser Zeit ja nichts wachsen. Dem Antrag werde dann stattgegeben, wenn man argumentieren kann, dass der Wert der Kultur höher ist als jener des Waldes.

Stimmig und formal überzeugend ist hingegen Eva Engelberts Arbeit Land der Hämmer (zukunftsreich): teils von Laub am Walboden überdeckte, teils aufgestapelte Stein-Zement-Platten, einige davon wie Terrazzoboden angeschliffen. Engelbert hat Steinbrocken, Reste von den gesprengten Eingängen zum Schirach-Bunker in die Platten integriert und dockt somit wieder bei der unsichtbaren Bunkeranlage an, den "Zeugen der Vermählung von Architektur und ideologischem Wahnsinn." (Anne Katrin Feßler, 8. 10. 2015)

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  • Eine Splitterschutzzelle auf der Vogeltennwiese im Wienerwald.
    foto: © dcw/paul gasser (detail)

    Eine Splitterschutzzelle auf der Vogeltennwiese im Wienerwald.

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