Keine Kunst zum Drüberstreuen

8. Oktober 2015, 12:35
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Martina Taig, Geschäftsführerin von KöR Wien, im Gespräch über die Qualitäten der öffentlichen Kunst und das fehlende permanente Mahnmal für homosexuelle NS-Opfer

Wien – Langzeitchefs wie in anderen heimischen Kultureinrichtungen, die 20 bis 30 Jahre die Geschicke ihrer Institution leiten, gibt es hier nicht. Martina Taig ist bereits die fünfte Geschäftsführerin in elf Jahren "Kunst im öffentlichen Raum Wien", einer sich KöR Wien abkürzenden Förderstruktur, die zeitweilig organisatorisch in die Kunsthalle Wien eingegliedert war und nun eine eigenständige GmbH ist. Nichts geändert hat sich allerdings in elf Jahren am zur Verfügung stehenden Budget: So wie 2004 ist es die Summe von 800.000 Euro.

Mit zwei Publikationen, die die realisierten Projekte der letzten zwei Juryperioden versammeln, feiert man nun elften Geburtstag. Ein Anlass mit der organisatorischen Leiterin über das zu sprechen, was Kunst im öffentlichen Raum ausmacht. Was KöR tatsächlich bewirken kann, ist für Taig, "dass Menschen miteinander sprechen, die es vorher nicht getan haben."

Insbesondere beim Projekt "Kunstgastgeber Gemeindebau" (Führungen noch am 9., 10. und 15. 10., 17.30 Uhr), wo Mieter derzeit etwa in der Gemeindebauanlage Am Schöpfwerk ihre Wohnung für Kunst und Besucher öffnen, funktioniere das gut. "Das ist für mich persönlich das Wichtigste an Kunst im öffentlichen Raum: dass kommuniziert wird und dass sie Menschen zusammenbringt. Manchmal nur für kurze Zeit, aber es kann auch sein, das daraus wirklich Freundschaften entstehen."

Axel Stockburgers geldspuckender Brunnen Quantitative Easing (for the street) ist für Taig so ein Beispiel. 2014 fragte der Künstler auf Wiens Luxusmeile, dem Graben, nach der Bedeutung von Geld, Wertschöpfung und Verteilungsgerechtigkeit. Ein Projekt, das dort die unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch brachte, erzählt die Kulturmanagerin: Bedürftige, die tatsächlich auf die fallenden Münzen warteten, und Touristen, die sich wunderten, was dort vor sich gehe.

"Ein ständiges Miteinander"

Kommunikation ist aber auch das A und O bei der Realisierung der Projekte: KöR Wien sei "ein ständiges Miteinander". Ohne ein Zusammenspiel, ohne eine Kooperation der vielen Magistratsstellen oder den Partnern in den Bezirken würde die Umsetzung nicht funktionieren, so Taig.

Auf die Frage, ob die Stadt ihr nicht ohnehin zu voll vorkäme, um dort auch noch Kunst im öffentlichen Raum zu platzieren, lacht Taig herzlich. "Es ist nicht so, dass wir nicht auch über diese Frage manchmal sprechen. Bisweilen denke ich, man sollte einmal so eine Aufräumaktion machen und manche Plätze einfach einmal leer lassen." Es gebe jedoch keine definierten Rahmenbedingungen, wo Kunst hin solle und wo nicht, und das sei auch gut so.

161 Projekte wurden bisher realisiert, die große Empörung über die in der Stadt realisierten Projekte bleibt inzwischen meist aus. Dem Kulturtheoretiker Oliver Marchart zufolge ist allerdings der Konflikt in gewisser Weise das eigentliche Kunstwerk: Bei Projekten wie Schwule Sau von Jakob Lena Knebl 2013 am Morzinplatz rechnete man mit den übelsten Reaktionen, ja überlegte bereits im Vorfeld, wie man damit umgehen würde. Im Fall der Fälle sollten, so die Künstlerin, Schmierereien nicht entfernt werden. Erstaunt war man dann aber vielmehr darüber, wie wenig die Arbeit zum Aufreger wurde, erinnert sich Taig. Außer ein paar kindisch-anstößigen Kritzeleien und dem Anruf eines 83-jährigen Anrainers, der erklärte, dass das überhaupt nicht "seine Kunst" sei und fragte, wie lange er sich den nackten Hintern noch anschauen müsse, sei da nichts gewesen.

"Verfolgung hat nicht 1933 angefangen und 1945 aufgehört."

Schwule Sau war wie aktuell auch Simone Zauggs Installation Raising the Bar am Naschmarkt allerdings nur ein temporäres Mahnmal für die während der NS-Zeit verfolgten Homosexuellen und Transgender-Personen. Seit 2006 ein Vorschlag von Hans Kupelwieser beim Wettbewerb für ein permanentes Mahnmal gekürt wurde, dann aber in der Realisierung letztendlich noch an behördlichen Auflagen scheiterte, schien der politische Wille zu fehlen. "Zu spät" lautete Carola Dertnigs Statement zur Causa: Ihre temporäre Intervention am Morzinplatz bestand 2011 in einem Schriftzug aus Blumen.

"Ich glaube, dass die Zeit reif ist", so Martina Taig. Es habe aber auch Zeit gebraucht, um wichtige Fragestellungen gemeinsam mit den Communities zu diskutieren, etwa jene, für wen das Mahnmal sein solle – "geht es um die Schwulen, um die Lesben, oder auch um Transgender-Personen, um Intersexuelle?" – und ob es auf die NS-Zeit beschränkt bleiben soll. "Denn es ist ja nicht so, dass die Verfolgung 1933 begonnen und 1945 aufgehört hätte". Dennoch solle das permanente Mahnmal "hoffentlich in naher Zukunft" in Angriff genommen werden. 2016 sei dabei zwar für eine Umsetzung, nicht aber für die Anbahnung des Wettbewerbs unrealistisch.

Dennoch schreibt Taig den temporären Interventionen im Stadtraum besondere Qualitäten zu. "Permanente Kunstwerke verschwinden irgendwann." Mit temporären Projekten schaffe man es immer wieder, Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, sei obendrein schneller und habe auch bei der Umsetzung größere Spielräume, etwa, was die Haltbarkeit der Materialien angehe. Auch die Frage, ob etwas in 30 Jahren noch an einen bestimmten Ort passe, müsse man sich nicht stellen. "Drop Sculptures" – quasi direkt aus dem Atelier auf öffentliche Plätze geplumpste Objekte – gibt es in Wien zum Glück kaum. Dass die Historie eines Ortes bei den Arbeiten eine viel größere Rolle spiele als früher, so Taig, "ist ja nicht etwas, das wir vorgeben". Vielmehr brächten die Künstlerinnen und Künstler dieses Interesse für die Auseinandersetzung mit dem Ort inzwischen selber sehr viel stärker mit ein.

Kleine Wermutstropfen

Kleine Wermutstropfen gibt es aber auch. "Keine, leider", bedauert Martina Taig etwa, dass es in Wien keine fix verankerte Regelung für die Höhe der Mittel gibt, die bei öffentlichen Wiener Bauvorhaben für Kunst im öffentlichen Raum aufgewendet werden müsse. Bis Ende der 1980er-Jahre habe es diese "1-bis-2-Prozent-der-Bausumme"-Lösung gegeben, "aber die war eben auch nicht verpflichtend und nirgendwo festgeschrieben." Daher könne man natürlich auch niemandem auf die Füße treten, sagt Taig und lacht. KöR muss immer mit den jeweiligen Eigentümern bzw. den Verwaltern der Liegenschaften Übereinkünfte finden.

Am Hauptbahnhof Wien, wo derzeit nur an der Passage vom Hauptbahnhof zur U1 am Südtiroler Platz eine Arbeit von Franz Graf realisiert wurde, gilt es noch tätig zu werden. Im Zuge der Umgestaltung des Südtiroler Platzes werden kommendes Jahr Lichtskulpturen von Michael Sailstorfer realisiert, kündigt Taig an. Obendrein sieht sie den Hauptbahnhof nicht auf das Stationsgebäude begrenzt.

"Was wir uns wünschen würden, wäre eine größere Lösung mit einer Einbindung des Sonnwendviertels und des Quartier Belvedere, ein Kunstprojekt, das den vierten mit dem zehnten Bezirk verbindet und in den dritten ausstrahlt." Das bedeute aber auch, dass "ganz verschiedene Player mit einbezogen werden müssen. Dadurch wird es nicht zwingend einfacher." Das Areal Hauptbahnhof ist für Taig jedenfalls nicht ad acta gelegt. "Ich bin da sehr zuversichtlich, dass weitere Kunstprojekte folgen werden."

Wenn Taig noch einen weiteren Wunsch frei hätte, würde sich sich eine frühzeitige Einbindung in strategische Überlegungen der Stadtentwicklung wünschen. Kunst sollte nicht darüber gestreut werden, sondern gleich mitentwickelt werden können. (Anne Katrin Feßler, 8. 10. 2015)

  • Jakob Lena Knebls temporäres Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Homosexuellen, Lesben und Transgender-Personen 2013-2014 am Wiener Morzinplatz. Knebel verwendet absichtlich "hatespeech" wie zum Beispiel "schwule Sau" oder auch "Mannweib", um sie sich in einem künstlerischen Prozess anzueignen und den Begriffen ihren verletztende Schlagkraft zu nehmen.
    foto: kör wien

    Jakob Lena Knebls temporäres Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Homosexuellen, Lesben und Transgender-Personen 2013-2014 am Wiener Morzinplatz. Knebel verwendet absichtlich "hatespeech" wie zum Beispiel "schwule Sau" oder auch "Mannweib", um sie sich in einem künstlerischen Prozess anzueignen und den Begriffen ihren verletztende Schlagkraft zu nehmen.

  • Seit 2012 Geschäftsführerin der KöR Wien: Martina Taig.
    foto: kör

    Seit 2012 Geschäftsführerin der KöR Wien: Martina Taig.

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