"Fräulein Julie": Heftige Zuneigungen, aber ganz ohne Gefühl

7. Oktober 2015, 17:32
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Anna Bergmanns Strindberg-Inszenierung am Theater in der Josefstadt hat Hitpotenzial. Das Drama um die fatale Liaison einer hohen Tochter mit dem Diener umspannt hier mehrere Epochen und fasziniert in seiner hybriden Formgebung

Wien – Das Theater in der Josefstadt ist in Fahrt. Nachdem der liebestolle Patriarch Clausen aus Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenuntergang im September die Saisontür mit Bravour aufgestoßen hat, legt nun Regisseurin Anna Bergmann mit einer noch entflammteren Heldin nach. Es knistert im Gebälk, wenn August Strindbergs Fräulein Julie (1888) die Schmauchspuren ihres hitzig kurzen Lebens durch den 90-minütigen Abend zieht.

Julie ist das Kind unglücklicher Eltern. Eine Tochter aus adeligem Haus, deren (bürgerliche) Mutter zeitlebens unter dem Joch des Gatten darbte und die ihrem Spross umso heftiger einbläute, nur ja nie von einem Mann abhängig zu werden. Vom Herrn Vater wurde Julie hingegen zum Sohn erkoren und ohne viel Federlesens in die Gepflogenheiten der Jagd und des häuslichen Schlachtens eingeführt. Wäre Fräulein Julie ein Jahrhundert später entstanden, so hätte sich das versehrte junge Frauenzimmer auch in die Indie-Musik flüchten und finstere Lieder über das Existieren zum Besten geben können.

Das tut Sona MacDonald in der Titelrolle auch, schwindelerregend betörend (à la Soap & Skin), aber nicht nur das. Die Inszenierung Bergmanns schießt wie ein akkurat gespitzter Pfeil aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart.

Unstandesgemäß leutselig

Das in einer Mittsommernacht kulminierende Dilemma der hohen Tochter umfasst folgenden Tatbestand: Julie gibt sich beim Fest unstandesgemäß leutselig, tanzt mit dem Forstgehilfen und dient sich schließlich dem gebildeten und stattlichen Diener Jean (Florian Teichtmeister) an. Bergmann weitet diese heftige Verbindung zu einer kühlen, sadomasochistischen Liaison und folgt damit einer zeitgenössischen Lesart, wonach sich Julia als Frau offenbar als wertlos empfindet und sich zu Selbstverletzungen zwingt, sich also bestraft für ihr unzureichendes, aussichtsloses Dasein.

Die noch in historischen Kostümen (toll: Lane Schäfer) und nach Stummfilmmanier formstreng vollführten Avancen streifen in wenigen technischen Schachzügen (Bühne: Katharina Faltner) die Sepiafarben der Vergangenheit allmählich ab und gehören unversehens in die Jetztzeit.

In der Liebesnacht kommt ein Tutu aus dem Sternenhimmel gefahren und stülpt sich über das glückselige Mädchen, das mit Sona MacDonald eine famos vielschichtige Interpretin hat, die mit hoher, mal tiefer Stimme, mit perückenlosem Kopf oder mit wallender Milva-Mähne ihre komplexen Befindlichkeiten äußert. Hier geht es nicht um das tiefe Ausloten von Empfindungen, sehr wohl aber um die Mechanik der Gefühle, die schmerzhafte Rechnung, dass die Liebe (oder was man dafür hält) keine Erlösung verheißt.

Herr-Knecht-Verhältnis

Die Inszenierung zeigt die Äußerlichkeiten eines gefangenen Lebens, lässt deswegen aber nicht kalt. Sie verblüfft mit Witz (etwa einer hochneurotischen Sexszene), Verwandlungsfähigkeit – und Metaphysik. Denn Bergmann hat genau gelesen und viele Spielräume aufgetan, die in diesem "naturalistischen Trauerspiel" stecken: Das einzige, der armen Julie herzlich und ohne unangenehme Absichten zugetane Wesen ist ihr kleiner Zeisig. In der Josefstadt ist dieser Vogel zu einer Nebelkrähe vergrößert, der in einer zweiten Version außerhalb des Käfigs als Todesvogel existiert – in Gestalt des Sängers Jan Plewka. Ist es Zeit für Gefühle, so stimmen er und MacDonald in schmerzhaft schöne Duette ein (Musik: Hannes Gwisdek), oder sie schwingen gemeinsam auf einer Schaukel. Es wird in diesen Momenten vollkommen egal, welches Zeitalter ablesbar ist.

Auch Florian Teichtmeister gelingt eine die Jahrhunderte mühelos auf sich vereinende Dienerfigur; er zitiert die akkurate Verbeugung im Herr-Knecht-Verhältnis genauso prächtig wie die Geste eines Untergebenen, der samt verdrücktem Lächeln in Wahrheit die Oberhand behält. Bea Brocks als Köchin Kristine mit Vampirkontaktlinsen, die eigentliche Verlobte des Dieners, emanzipiert sich vom erdfarbenen Dienstboten aus Breughel-Gemälden zu einem selbstbewussten Zofengeschöpf mit Mordplan, eine von der Regie imaginierte Handlungsmöglichkeit.

Dieses Fräulein Julie hat Hitpotenzial. Dass das Theater sich aber vorab für die "Darstellung sexueller Handlungen" entschuldigt, wirkt eigentümlich. (Margarete Affenzeller, 7.10.2015)

  • Einander gewaltsam zugetan: Fräulein Julie (Sona MacDonald) und Diener Jean (Florian Teichtmeister) im Josefstadt-Theater.
    foto: apa/herbert neubauer

    Einander gewaltsam zugetan: Fräulein Julie (Sona MacDonald) und Diener Jean (Florian Teichtmeister) im Josefstadt-Theater.

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