Kontrolle-Trolle

Kolumne7. Oktober 2015, 17:20
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Dass hochrangige Beamte der OeNB eine Münchhausengeschichte für bare Münze genommen haben, ist ein beispielloser Skandal

Eine unter Historikern umstrittene Legende besagt, dass Kaiser Nero den verheerenden Brand in Rom mit Gesang und Lyraspiel begleitet hätte. Dass er aber danach noch den Bewohnern der zerstörten Häuser erklärt hätte, dass ihre neue Wohnsituation in den verkohlten Ruinen deutlich besser sei als vor dem Brand, wird dem verhaltensoriginellen Imperator nicht unterstellt.

Eine damit vergleichbare Kühnheit hat fast 2000 Jahre später der Banker und Investmentberater Tilo Berlin unter Beweis gestellt. Als im Herbst 2008 die Finanzmarktkrise endgültig eskalierte und die Weltbank für 2009 "das schlimmste Jahr seit der Großen Depression von 1929" vorhersagte, präsentierte Berlin in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender der Hypo Alpe Adria seine Prognose für die Zukunft der Bank: 2009 dürfe man sich auf 357 Millionen Euro Gewinn freuen, im Jahr darauf würden es sogar 444 Millionen sein und 2011 überhaupt gleich 526 Millionen.

Wenn jemand ankündigt, dass demnächst die Donau rückwärts fließen, Franzobel den Literaturnobelpreis bekommen und RasenBallsport Leipzig die Champions League gewinnen wird, so stellt dies aufgrund völliger Konsequenzlosigkeit kein echtes Problem dar. Dass Berlin Menschen gefunden hat, die seine Münchhausengeschichte für bare Münze genommen haben, ist schon deutlich beunruhigender. Und dass ein paar dieser Menschen hochrangige Beamte der Oesterreichischen Nationalbank sind, macht die Sache zu einem beispiellosen Skandal.

"Keine rechnerischen Fehler" fand der OeNB-Prüfbericht in Berlins Goldfieberfantasie, die angestrebte Gewinnentwicklung sei "äußerst ambitioniert", aber "generell nicht unrealistisch". Erfreulicherweise gab es auch kritische Stimmen innerhalb der Notenbank, die bei dieser an einer Leiche im Keller durchgeführten Schönheitsoperation nicht mitmachen wollten. Hätten sie sich durchgesetzt, wären uns viele Milliarden Euro erspart geblieben. Doch leider wurden sie von ihren Vorgesetzten ruhiggestellt.

Wie geht man nun als Verantwortlicher mit dem Wissen, was man da angerichtet hat, um? Scham? Reue? Oder wenigstens eine elaborierte Ausrede? Nichts dergleichen. "Schmecks, Kropferter!" lautet die Devise. Bei Direktor Ewald Nowotny klingt das so: "Wir haben unser Tun selbstkritisch hinterfragt. Ich denke, wir haben die richtigen Ratschläge gegeben. Ich bin sicher, dass die Mitglieder im Direktorium ihre Rolle nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt haben."

Und während man noch nach Luft ringt, legt Nowotnys Amtsvorgänger Klaus Liebscher vor dem Untersuchungsausschuss nach: Den Bericht von 2007, in dem die OeNB-Prüfer der Kärntner Hypo neun Verstöße gegen das Bankwesengesetz nachgewiesen hatten, hätte er bis zum heutigen Tag nie gelesen. Seine Begründung dafür: "Es interessiert einen vieles im Leben."

Aus dem Internet kennt man den Begriff "Troll" für Personen, die durch gezielte Provokation eine konstruktive Debatte verhindern wollen. Kann es sein, dass man in der Chefetage der Nationalbank der Meinung war und ist, dass sich das Wort "Kontrolle" davon ableitet? Was die Abgehobenheit betrifft, kann man sich dort jedenfalls mit dem eingangs erwähnten Nero messen. (Florian Scheuba, 7.10.2015)

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