Schwerer Stand für Schwarzmeer-Pipeline

8. Oktober 2015, 08:00
68 Postings

Die Türkei ist verstimmt über Russlands Vorgehen in Syrien. Die Eiszeit hat auch Auswirkungen auf die Turkstream-Pipeline

Moskau – Den Moment des Triumphs kostete Wladimir Putin aus: Die Bulgaren sollten die jährlichen 400 Millionen Euro an Transiteinnahmen, welche die Pipeline Southstream dem Land gebracht hätte, in Brüssel einfordern, empfahl er der Regierung in Sofia süffisant, nachdem er im Dezember vergangenen Jahres mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan den Bau einer Alternativroute beschlossen hatte. Das Projekt Turkstream sollte Moskau die leidigen Querelen mit den unwilligen Verhandlungspartnern aus Europa ersparen und gleichzeitig den Gastransit durch die Ukraine beenden.

Rund 63 Milliarden Kubikmeter Kapazität sollte die Leitung haben, ebenso viel wie die damit verworfene Pipeline Southstream. Doch von Anfang an zweifelten Experten an der Realisierung des Projekts. Politische Beobachter wiesen dabei auch immer wieder auf die strategische Konkurrenz zwischen Moskau und Ankara im Kaukasus und Nahen Osten hin.

Tatsächlich hat der Syrien-Konflikt nun das Verhältnis zwischen den beiden Schwarzmeeranrainern ernsthaft getrübt. Die Verletzung türkischen Luftraums durch russische Kampfjets hat heftige Reaktionen hervorgerufen: Wenn Russland "einen Freund wie die Türkei verliert, mit dem es viel Kooperation gebe, dann hat Russland viel zu verlieren", wetterte Erdoğan auf einer Pressekonferenz in Brüssel und beschuldigte Russland und den Iran, das "Terror-Regime" des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad zu stützen.

Zwar ruderte die türkische Regierung inzwischen rhetorisch ein wenig zurück und sprach sich für ein Treffen russischer und türkischer Militärs aus, um eine Wiederholung des Vorfalls auszuschließen, doch Premier Ahmet Davutoğlu warnte auch ausdrücklich vor den möglichen Auswirkungen des politischen Klimas auf die Wirtschaftskooperation.

Kapazität halbiert

In dem Zusammenhang kommt die Ankündigung von Gazprom-Chef Alexej Miller, die geplante Kapazität der Pipeline auf 32 Milliarden Kubikmeter zu senken, nicht überraschend. Miller begründete dies mit der Einigung über den Bau einer zweiten Ostseepipeline, an der auch die österreichische OMV beteiligt ist. Die Halbierung von Turkstream ist zwar nicht die direkte Folge des jüngsten Streits, aber bezeichnend für die graduelle Verschlechterung des bilateralen Verhältnisses und die Schwierigkeiten bei den Verhandlungen. Es ist daher noch keineswegs gesichert, dass die Leitung auch in dem Ausmaß realisiert wird.

Seit Monaten zögert Ankara mit der Vergabe der notwendigen Genehmigungen. Hintergrund ist das Gefeilsche um die Höhe des Rabatts, den Gazprom seinen türkischen Partnern einräumen soll. Zuletzt bot Russlands Wirtschaftsminister Alexander Nowak 10,25 Prozent an.

Die Vision eines Gas-Hubs, mit der Moskau lockt, interessiert Ankara nur bedingt. Die Türken wären auch mit einem Strang über 16 Milliarden Kubikmeter zufrieden, um den Eigenbedarf zu decken. "Das Problem besteht darin, dass es keine Infrastruktur für einen Weitertransport russischen Gases nach Europa gibt und niemand beabsichtigt, sie zu bauen", sagt Michail Krutichin, Partner bei Rusenergy.

Das wiederum wäre für Moskau aus zwei Gründen fatal: Erstens wäre der Imageschaden groß. Wenn Turkstream als Transitleitung auf dem Papier bleibe, "senkt das Russlands Verhandlungsposition in Europa", fürchtet Eldar Kassajew, Experte des russischen Öl- und Gasverbands. Zweitens kann Russland selbst mit der Realisierung der zweiten Ostseepipeline nach Angaben Krutichins die Balkanstaaten, Griechenland und die Slowakei nicht versorgen, ohne auf den ungeliebten Transitweg durch die Ukraine zurückzugreifen. Ohne dieses strategische Ziel sind die Milliardeninvestitionen aber insgesamt fragwürdig. (André Ballin aus Moskau, 8.10.2015)

  • Vor einem Jahr schmiedeten Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Tayyip Erdoğan  an einer Pipeline-Allianz. Nun herrscht dicke Luft zwischen den beiden Staatschefs.
    foto: apa/epa/ivan sekretarev

    Vor einem Jahr schmiedeten Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Tayyip Erdoğan an einer Pipeline-Allianz. Nun herrscht dicke Luft zwischen den beiden Staatschefs.

Share if you care.