"Mädchen mit den Schwefelhölzern": Der alte Mann und das Meerschweinchen

7. Oktober 2015, 16:13
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Die Oper Frankfurt eröffnet die Spielzeit mit Helmut Lachenmann

Wenn Helmut Lachenmann mit seinem avantgardistischen Mädchen mit den Schwefelhölzern auf dem Programm steht, zeugt das von Mut. Zu dem gehört, dass man sich von den meisten Opernkonventionen trennen muss – von denen über die Aufteilung des Raums zwischen Interpreten und Zuschauern etwa. Hier ist ein Rundumklang angesagt, den nur gut funktionierende Häuser auch hinbekommen. Und: Die Oper Frankfurt liefert Referenzqualität! Klar: Der Komponist hat die Rolle des Sprechers übernommen, vor allem entfalten auch seine Klangwelten Faszination als pure Schönheit.

Ausstatterin Natascha von Steiger hat das ganze Haus zur Bühne gemacht, die Ränge für Teile von Orchester und Chor (exzellent ChorWerk Ruhr) reserviert. Auf der Bühne sind fünf Reihen mit Zuschauern platziert. Für den überwiegenden Teil der Musiker und den Dirigenten hat sie ein Podest über ihren Köpfen gebaut.

Klang- und Textschnee

Eine Visualisierung zu dieser nichtnarrativen Geschichte ist auf eine kleine Spielfläche beschränkt. Was Schauspieler Michael Mendel und sein Meerschweinchen hier anstellen, wird auf einer Projektionswand für jeden sichtbar. Wenn sich die Sopranistinnen Christine Graham und Yoko Kakuta an den Wänden des Bühnenportals entlangtasten oder die Leitern zu den Orchestermusikern und dem klug und umsichtig koordinierenden Dirigenten Erik Nielsen am Pult hinaufklettern, kann man das entfernt ebenso zur Inszenierung rechnen wie jene Überflutung von Innenflächen mit Textprojektionen. Diese wirken wie fallender Schnee, verursachen Frösteln.

Dieses Abrücken von nachvollziehbarer Szene und Handlung passt gut zu einem Regisseur wie Benedikt von Peter. Er ist der prädestinierte Fährmann für jene Überfahrt vom kurz Aufblitzenden zum Abstrakten, das Lachenmann mit seinem Klangschneefall, seinem atmenden und röchelnden Nachdenken mit Instrumenten über zwei Stunden lang zelebriert.

Trauriger Blick ins Foyer

Einmal sieht man die Titelfigur des Abends aber doch. Und da gleich überlebensgroß und als eine Art vorgelagertes Happening. Da bewegt sich nämlich eine riesige Puppe mit den Schwefelhölzern in der Hand langsam an der Oper entlang und schaut traurig ins Foyer. Drinnen wird über Lautsprecher das Märchen gelesen, Textpassagen werden geflüstert. Die realen Bettler vor der Tür gehören zwar nicht zur Inszenierung, wohl aber zur Geschichte, um die es geht. Denn zu dieser gehört das Wegsehen und -hören allemal. Drinnen dann fehlt jeder illustrierende szenische Naturalismus. Die Wirkung des klingenden Schneefalls, des vokalen Bibberns, dieses Klirrens der Kälte und dann die eskalierenden "Ritschs", mit denen das Mädchen die Schwefelhölzer, die es verkaufen soll, für sich selbst anzündet, entfalten ihre Wirkung durch Lachenmanns Komposition. Takt für Takt. Bis die letzten Töne im Nichts verwehen.

Ein paar Zuseher hatten wohl ein anheimelndes Märchen erwartet und flohen. Auch vor der Herausforderung, selbst den Bogen von Michael Mendels stummem Spiel mit seinem Meerschweinchen zum Ausgeliefertsein der schutzlosen Kreatur zu schlagen. Oder vor der Mühe, in den Textfetzen von Gudrun Ensslin – wie Komponist und Librettist Helmut Lachenmann – jene Gefahr zu wittern, die darin liegt, wenn nicht Schwäche, sondern Wut der Antrieb für das Zündeln ist.

Mit diesem musikalisch-szenischen Meilenstein ist der Oper Frankfurt jedenfalls ein Auftakt für die neue Spielzeit gelungen, die dieses Opernhaus als eines der führenden, wenn nicht das führende im Lande ausweist. (Joachim Lange aus Frankfurt, 8.10.2015)

  • Recht seltene Opernszenen in Frankfurt: Michael Mendel, stumm mit seinem Meerschweinchen spielend.
    foto: rittershaus

    Recht seltene Opernszenen in Frankfurt: Michael Mendel, stumm mit seinem Meerschweinchen spielend.

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