Flüchtlinge: Was würde Bruce Lee tun?

Glosse8. Oktober 2015, 08:00
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Der junge Mann, der mir gegenübersitzt, trainiert Kampfsport und seine Muskeln. Sein Bizeps ist so dick wie mein Oberschenkel. Wahrscheinlich kann er mit der bloßen Faust ein Maultier totschlagen. Trotzdem sagt er mir, er habe Angst. Vor den Flüchtlingen

Er oder ich! So lautet in etwa die Strategie, die dem jungen Mann zum Thema einfällt. Er sagt mir, wenn es zu einer Situation käme, in der ein "Bärtiger" auch nur anstreift und dann "deppert zruckred't", sei er bereit, mit voller Wucht seine herbeigezüchtete Kraft einzusetzen. Während er spricht, ballt er die Fäuste, bekommt "g'schwollene Kabel" am Hals und zuckt mit dem Oberkörper, um den Ansatz eines tödlichen Schlags ins Gesicht eines anderen Menschen anzudeuten.

Jetzt hab ich Angst. Vor seiner Angst.

Angst frisst Hirn

Jeder Dritte dieser Flüchtlinge, so weiß der junge Mann aus einer Zeitung, deren Namen wir nicht aussprechen, sei ein "ISIS-Typ". Und die würden dann auf uns losgehen, wenn sie erst mal alle da sind. Na, und dann, dann sind wir genau dort: er oder ich! Weil, die wollen nicht verhandeln, die wollen uns "Meier machen"!

Einen Gehirnkrampf später fällt mir ein, dass der junge Muskelberg Bruce Lee bewundert. Und korrekterweise – aber das muss eigentlich nur für Irrgläubige dazugesagt werden – bewundert er auch den einzigen echten, wahren und guten Nachfolger der Legende. Das ist Jackie Chan! Ufff! wäre das adäquate Geräusch, das entstünde, wenn mein Hirn beim Entkrampfen Geräusche verursachen könnte. Also stelle ich dem ängstlichen Muskelpaket die einzig logische Frage: "Was würde Bruce Lee tun? Oder Jackie?"

... wie der Bambus im Wind

Weil der junge Mann physikalisch gesehen ein Druckkochtopf ist und sein Sicherheitsventil offenbar klemmt, muss ich ihn erst mal beruhigen. Bevor ich ihm eine Dosis unverdünnter Popkultur verabreiche. Also sage ich ihm, seine Angst sei nicht unberechtigt. Doch seine Kraft und seine Kampffähigkeit seien Instrumente der Macht. "Und große Macht" – so lehrt uns der Onkel vom Spider-Man – "bringt große Verantwortung!"

Dann verrate ich ihm, was Bruce Lee (und Jackie) tun würde: erst mal nachdenken. Kurz, aber doch. Und dann würden Bruce und Jackie und Spidy auch die Kopftuchträgerin mit Kleinkind beschützen, die in der U-Bahn vom stinknormalen, bsoffenen, bio-österreichischen Fremdenhasser-Arschloch angepöbelt wird.

Das, so impfe ich weiter, hat dreierlei Boni. Erstens sei man in so einer Situation automatisch der Gute, da kann man nix falsch machen, weil Witwen und Waisen beschützen ist urcool. Zweitens kann man eine coole Message ablassen. So was wie: "Oida, loss des! Des is besser fia dich und mich!" Oder: "Oida, mit mia wüst du di ned aunlegn, glaub ma's!" Oder: "Oida, vua genau soiche Oaschlecher, de wos auf Fraun und Kinda losgengan, san de olle wegg'rennt! Host mi?!"

Der dritte Bonus entlockt dem jungen Muskelmann ein Zucken der Grinsmuskulatur: "Und du kannst Knochen brechen. Nur sind es dann die Knochen des Bösen. Und das ist es ja, was du willst!" Nach einigen Sekunden fällt mir ein, dass es vielleicht wichtig ist, dazuzusagen: "Aber brich dem bösen Mann nicht das Genick! Oder die Schädeldecke! Finger, Arme oder ein Bein genügt auch ... Ja ...?" Er nickt. Und grinst weiter.

Golden ist die Hoffnung

Ich bin zuversichtlich, dass der aggressive junge Mann kein Massaker anrichtet, wenn ihn ein bärtiger Mann mit zu kurzen Hosen in der U-Bahn schief anschaut. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig.

Als man im Dezember 2005 in Mostar eine "goldene" Statue von Bruce Lee in einem öffentlichen Park enthüllt, verschwindet schon in derselben Nacht sein Nunchaku. Dann wird der goldene Mann besudelt und beschädigt. Dann abmontiert und in ein Depot abtransportiert. Einer fragt damals, warum man neben so vielen Problemen, wie dem Hass unter den diversen Bosnier-Sorten, ausgerechnet einem Goschentreter aus Japan eine Statue in Mostar aufstellt. Man antwortet ihm, dass eine ganze Generation von Bosniern, egal ob muslimisch oder christlich, Bruce Lee und seine Filme liebt und daher das Denkmal eine Botschaft des Friedens sei. Und dass Bruce Lee ein Chinese aus San Francisco war. Und dadurch irgendwie ein Bosnier.

Abends, wenn der Südwind weht

An diesem Abend ist der Föhn ein stürmischer. Im Café Gagarin veranstaltet man einen Performance-Abend zugunsten der Flüchtlinge. Unter den Autoren, die hier lesen, sind auch Todor Ovtscharov von FM4, Steffi Sargnagel aus dem Gemeindebau und ich Tschusch aus Meidling.

Die Veranstalterin bittet uns mit einigen Worten, den guten Zweck zu nennen. Todor verbietet mir, einen religionskritischen Vortrag zu halten. Klingt vernünftig. Also sage ich nur, dass wir hier aus Büchern vorlesen und Bücher zu einem guten Zweck verkaufen (und verschenken), um ein Zeichen zu setzen, dass wir mit Menschen solidarisch sein wollen, die vor Leuten fliehen, die nur ein einziges Buch kennen.

Im Publikum ist zwar kein einziger syrischer Flüchtling, aber alle sind gegen Mitternacht gut drauf. Vielleicht, weil keiner von ihnen so zu sein glaubt wie einer der Anrufer in Steffis Rufnummernauskunft. Oder wie eine der Figuren aus Todors und meinen Storys.

Ich bin schon seit 21 Uhr betrunken. Irgendwer hat Gras dabei. Wahrscheinlich ich.

Und irgendwo in Ungarn ...

... sitzt die shitgestormte Tussi, die einem Flüchtling mit Kind im Arm das Bein stellt. Und irgendwo anders sitzt der Polizist, der das ertrunkene Flüchtlingskind aus den Wellen in dessen Grab trägt. Und irgendwo sitzt das Schwein, das Menschen in Lkws einschweißt. Und irgendwo sitzt der Polizist, der das Schwein finden wird ...

... und in Mostar steht seit 2013 wieder Bruce Lee aus Gold in einem öffentlichen Park. (Bogumil Balkansky, 8.10.2015)

  • In der bosnisch-herzegowinischen Stadt Mostar wurde 2005 eine "goldene" Statue von Bruce Lee aufgestellt.
    foto: damir sagolj/reuters

    In der bosnisch-herzegowinischen Stadt Mostar wurde 2005 eine "goldene" Statue von Bruce Lee aufgestellt.

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