Davis zu Ferguson: "Der größte Protest seit dem Busboykott"

7. Oktober 2015, 15:31
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Die Bürgerrechtlerin Angela Davis sieht in den Demos schwarzer Bürger in Ferguson einen Ruf nach struktureller Veränderung

Wien – Das Foto einer schwarzen Frau mit Afrohaarschnitt wurde in den 1970er-Jahren zum Sinnbild einer Bewegung gegen Rassismus und für die Rechte von politischen Gefangenen in den USA. Die Frau mit einer kleinen Lücke zwischen den vorderen Schneidezähnen hat ihre Faust stolz in die Luft gestreckt. Das Bild hat sich bis heute als revolutionäres Symbol gehalten.

"Für mich war es lange Zeit eigenartig, mich auf T-Shirts zu sehen", sagt Angela Davis, die Frau mit dem Afro, bei ihrem Besuch in Wien, wo sie anlässlich des 650-Jahr-Jubiläums der Universität Wien auf Einladung der Sendereihe "Im Gespräch" von Ö1 zu Gast ist. Als eine junge schwarze Frau ihr allerdings gesagt hat, dass sie sich dadurch bestärkt fühle, hätte Davis eingesehen, dass es nicht mehr nur ein Bild von ihr als Individuum sei, sondern ein Zeichen.

Aufbegehren kommt wieder

Das Aufbegehren von damals, als sie bei der Black Panther Party aktiv war, zu einer Zeit, als "Diskriminierung und Rassismus noch gesetzlich verankert waren", sieht Davis auch heute wieder. Zwar habe sich seither Grundlegendes in der Gesellschaft geändert, gleichzeitig sei aber wenig passiert. "Vieles, das sich verbessert hat, hatte seinen Ursprung in den verschiedenen Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte", so Davis.

"In Bezug auf Rassismus kann man sagen, dass die Barrieren, die durch die gesetzliche Rassentrennung kamen, gefallen sind." Daher könne Davis, ehemaliges Mitglied des Che-Lumumba-Clubs, einer afroamerikanischen Zelle der kommunistischen Partei in den USA, von einem Erfolg der Bewegung sprechen. Gleichzeitig seien die Aktivitäten der Bewegungen aber klar auf die Rechte im Staat bezogen gewesen.

Neue Kämpfe

In den vergangenen Jahren hätten sich darum Kämpfe ergeben, die über die Kategorien der gleichen Bürgerrechte hinausgingen. "Staatliche Gewalt aufgrund von Rassismus ist ein konstantes Problem – seit der Zeit, als es noch die Sklaverei gab", meint Davis.

Bürgerrechtsbewegungen, die sich gegen Polizeigewalt oder Gewalt in Gefängnissen einsetzen, führten noch immer denselben Kampf. "Wir befinden uns an einem sehr schwierigen historischen Zeitpunkt. Wir verstehen und halten stand gegen Polizeigewalt, wie es vor 40 Jahren nicht möglich gewesen wäre."

Trotzdem habe es in den USA, so Davis, nie Vertrauen von Schwar zen in das Justizsystem gegeben. Solange sie sich erinnern könne, habe es stets ähnliche Fälle wie den von Michael Brown gegeben, jenem 18-jährigen afroamerikanischen Schüler, der in Ferguson von einem Polizisten erschossen wurde.

Bewusstsein für Medien

"Das, was in den vergangenen Jahren – etwa seit der Tötung von Oscar Grant – passiert ist, ist, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, wie diese Themen nicht aus den Medien verschwinden." Die größte Aufmerksamkeit habe in diesen Fällen bis jetzt darauf gelegen, dass die Polizei zur Rechenschaft gezogen würde. Mittlerweile sei dies aber nicht mehr genug. "Die Menschen haben gesehen, dass es hier eine strukturelle Veränderung braucht". Es sei also durchaus "gut, dass dieses nichtexistierende Vertrauen erschüttert wurde", sagt Davis.

In Ferguson seien die Protestierenden einfach nicht nach Hause gegangen, "das war der Grund, weshalb das Thema in den Medien blieb und mehr Sensibilität für rassistische Gewalt geschaffen hat", so Davis weiter.

Protest bleibt

Sie sei selbst gerade erst in Ferguson gewesen, um sich ein Bild der aktuellen Lage zu machen: "Die Menschen sind noch immer organisiert, sie protestieren noch immer. Das ist vielleicht der größte Protest seit dem Busboykott von 1955." Damals protestierten mehr als 40.000 schwarze Bürger der Stadt Montgomery gegen die Rassentrennung und weigerten sich, mit dem Bus zu fahren, nachdem Rosa Parks festgenommen worden war, weil sie zuvor einem Weißen nicht ihren Sitzplatz im Bus überlassen hatte.

Dass diese Ereignisse während der Amtszeit von Barack Obama, dem ersten dunkelhäutigen Präsidenten der USA, geschehen, stehe "im Widerspruch zu den Hoffnungen, die zu seiner Wahl geführt haben, also dass es dadurch weniger Rassismus gibt", sagt Davis. (Oona Kroisleitner, 8.10.2015)

Photoblog von Robert Newald

Ausstrahlung von "Im Gespräch" mit Renata Schmidtkunz:

15.10.2015, 21 Uhr Ö1 "Zeitgenossin im Gespräch – Angela Davis"

16.10.2015, 16 Uhr Ö1 "Zeitgenossin im Gespräch – Angela Davis"

ORF III strahlt das Gespräch am 21.10.2015 um 22.50 Uhr aus.

  • Bürgerrechtlerin und Wissenschafterin Angela Davis ist derzeit zu Gast an der Uni Wien.
    foto: robert newald

    Bürgerrechtlerin und Wissenschafterin Angela Davis ist derzeit zu Gast an der Uni Wien.

  • Angela Davis im September 1972 bei einer Rede an der Universität im bulgarischen Sofia.
    foto: corbis/bettmann

    Angela Davis im September 1972 bei einer Rede an der Universität im bulgarischen Sofia.

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