"Urbanize!": Zwischen Festivalort und Flüchtlingsunterkunft

7. Oktober 2015, 14:42
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Die ehemalige Finanzlandesdirektion in Wien-Landstraße dient geflüchteten Menschen als Notunterkunft und gleichzeitig Künstlern und Stadtforschern als "Cooperative Playground Lab"

Wien – "Do It Together" lautet das Motto des Festivals"urbanize!" in Wien. In den vergangenen Wochen hat dieses Thema die Festivalmacher vor ganz neue Herausforderungen gestellt: Die leer stehende ehemalige Finanzlandesdirektion in der Vorderen Zollamtsstraße in Wien-Landstraße, in deren Erdgeschoß das Festival geplant war, wurde zum Notquartier für Flüchtlinge umfunktioniert.

"Wir begrüßen das sehr, auch wenn diese Entscheidung für uns völlig überraschend kam", erzählt Festival-Leiterin Elke Rauth. Am 10. September wurde sie am frühen Abend angerufen, da sie über die Schlüssel für das der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) gehörende Gebäude verfügte. Das Rote Kreuz übernahm in Windeseile. "Es war damals eine akute Notsituation. Wir wussten nicht, wohin mit den vielen in Nickelsdorf eintreffenden Menschen. Wir sind mit LKWs, 35 Leuten und 800 Feldbetten gekommen und haben begonnen, das Haus zu begehen und zu adaptieren. Während wir noch im dritten Stock waren, sind im Erdgeschoßbereits die ersten Schutzsuchenden eingetroffen", schildert Einsatzleiter Andreas Zenker vom Roten Kreuz.

"Was das Rote Kreuz und die vielen Helfer hier schaffen, ist unglaublich", sagt Rauth. "Und Andreas Zenker hat uns sehr bestärkt, nicht abzusagen und das Feld zu räumen, sondern in hohem Tempo das ganze Festival in dieser Situation nochmals durchzudenken." "urbanize!" hat nun eben nur noch etwas weniger als die Hälfte der ursprünglich geplanten Fläche von 2.000 Quadratmetern zur Verfügung, am vorgesehenen Festivaleingang sind jetzt auf Arabisch Hinweisschilder angebracht, in der projektierten Empfangszone der Festivalgäste werden nun Flüchtlinge willkommen geheißen und erstversorgt, während das von "dérive – Verein für Stadtforschung" veranstaltete Festival zusammengerückt ist und einen neuen Eingang (Marxergasse 1) bekommen hat.

Schnittstellen organisieren

"Wir versuchen nützlich zu sein, trotzdem unser Festival zu machen und Schnittstellen zu organisieren", umreißt Rauth die neuen Herausforderungen. Das Asylthema hatte schon zuvor Eingang in das Programm des Festivals gefunden, das Fragen des künftigen städtischen Zusammenlebens und Perspektiven für Zusammenarbeit und Selbstermächtigung bei der Gestaltung der eigenen Lebensräume bearbeitet. Das zeigt etwa ein Raum für offene Deutschkurse, der gemeinsam mit Flüchtlingen mit anthrazitfarbenen Wänden ausgestattet wurde, die als Tafeln dienen werden, oder die Projektwoche "Displaced. Refugees and the City" von Architektur- und Raumplanungsstudierenden der TU Wien mit jungen Flüchtlingen.

Man hat das Programm aber auch umgestellt, baut etwa Möbel für die Gangflächen des Gebäudes, schafft einen "Pop-Up-Spielplatz" oder nutzt die untertags für Vorträge genutzte räumliche und technische Infrastruktur für arabische Filmabende. "Wie die Schnittstellen zu den Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft funktionieren werden, weiß im Moment noch niemand", gibt Elke Rauth zu. Schließlich verbringen im Moment nur wenige Flüchtlinge (das Haus ist derzeit für die Nächtigung von 1.200 Menschen zugelassen) mehr als ein, zwei Nächte hier, ehe sie weiterreisen. "Vielleicht wollen sie ja auch nur ausruhen und schlafen."

In jedem Fall zeigt die Akut-Situation, dass das Zusammenleben in der Stadt tatsächlich vor immer neuen, sich rasant verändernden Herausforderungen steht, mit denen man sich nicht früh genug auseinandersetzen kann. Rund 50 nationale und internationale Initiativen, Aktivisten, Wissenschafter und Künstler werden bis 11. Oktober das "Cooperative Playground Lab" des Festivals, eine Mischung aus offenem Wissensraum, Werkstatt und Ausstellung, bespielen, aber auch mit der Möglichkeit bzw. Notwendigkeit konfrontiert werden, Stadttheorie in solidarische Praxis zu überführen. "Es ist auch für uns ein großer Lernprozess", meint Rauth, ist sich aber – unabhängig von Flüchtlingsbewegungen – sicher: "Es gibt eine Sehnsucht nach einer anderen Kultur des Miteinander, nach dem Mitbestimmen über deneigenen Lebensraum. Das wird sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Und genau diesem Thema widmet sich das Festival." (APA, 28.9.2015)

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